Früher war die Therapie bei Diabetes Typ 1 mit Richtlinien beim Essen verbunden. Die 63-jährige AEH erzählt, wie sie die Ernährungsberatung bei der Diagnose 1988 erlebt hat und warum sie die Regeln von damals bis heute prägen.
Am Freitag war ich notfallmässig eingewiesen worden. Hohe Zuckerwerte, Gefahr von einem diabetischen Koma. Die Urologin reagierte sofort, als vom Labor die hohen Werte gemeldet wurden. Eine Pflegefachperson wies mir mein Zimmer zu und injizierte mir, ohne zu fragen, etwas in den Oberarm. Innerhalb kurzer Zeit verflüchtigte sich das saure Gefühl im Rachen, mein Durst war nicht mehr unsäglich. Samstag und Sonntag erfuhr ich nicht viel, wieder wurde mir etwas gespritzt, und ich bekam komisches Essen, wie einen Apfel, dem ein Stück abgeschnitten worden war, in einer Plastikfolie mit der Klebeetikette «Zwischenmahlzeit». Am Montag stand eine Frau an meinem Spitalbett, stellte sich als Ernährungsberaterin vor: «Was haben Sie gemacht?» «Was soll ich gemacht haben?» «Was haben Sie gegessen?» «Ach, einfach, was ich halt gerne mag.» «So geht das nicht.» «Wieso geht das nicht?» «Wie viele Broteinheiten haben Sie pro Mahl zeit gegessen?» «Broteinheiten? Ich esse, wenn ich Hunger habe.» «Sie müssen sich an eine Diät halten. Haben Sie nie eine Ernährungsberatung bekommen?» «Nein.» Die Frau sah mich ungläubig an, wurde immer aggressiver: «Sie spielen ein gefährliches Spiel. Wenn Sie so weitermachen werden Sie bald grosse Schwierigkeiten bekommen.» «Ohh.» Ich liess die Moralpredigt schweigend über mich ergehen. Plötzlich wurde die Frau still, schaute mich ungläubig an: «Seit wann haben Sie Diabetes?» «Ich weiss es seit heute Morgen, der Arzt war hier und hat es mir gesagt.» Das war 1988.
Essen mit dem Kopf
Während zwei Wochen lernte ich im Spital den Umgang mit meinem Diabetes. Basis Bolus war ganz neu und galt als grosse Freiheit. Das Insulin konnte ich meinem aktuellen Zucker anpassen. Die Ernährung war streng geregelt: Broteinheiten mit genau definierten Mengen Insulin, dazu Insulinkorrekturen je nach Blutzucker. Frei essen war nicht mehr möglich. Ich lernte viel über Ernährung, ass mit dem Kopf, dem Wissen über Kohlenhydrate, Fett und Proteine, die passende Menge Insulin. Mein Körper vergass sein natürliches Bedürfnis nach Essen, seine natürliche Regulation. Der Kopf beherrschte das Essen. Auch heute noch, nach bald 40 Jahren, sind die ganzen Essensregeln in mir ein gebrannt. Bei jedem Essen schätze ich, wie viele Kohlenhydrate enthalten sind und wie viel Insulin dafür benötigt wird. Kann das jemand verstehen, der nie Diabetes hatte, der nie ernsthaft mit allen Konsequenzen Kohlenhydrate zählen musste, dazu den Einfluss von Protein und Fett auf den Blutzucker erfuhr? Die Angst vor Spätfolgen im Nacken? Heute sind die Essensvorschriften viel lockerer, die neuen Systeme ermöglichen einen sehr flexiblen Umgang mit dem Essen. Junge Menschen erzählen mir, dass sie kaum auf die Ernährung achten. Ich staune und freue mich für sie. Für mich ist es jedoch normal, es gehört einfach dazu. Manchmal träume ich davon, meinen Speicher «Essen mit Diabetes» zu überschreiben mit «Schlaraffenland». Einfach aus voller Freude heraus alles und so viel ich will zu essen – oder soll ich besser sagen: zu geniessen.
