Menschen sitzen an einem Tisch und erzählen reihum von ihren Problemen. Mit diesem Klischee wird Selbsthilfe oft verbunden. Doch aus meiner Sicht ist Selbsthilfe viel mehr. Sie ist auch ein Ort, an dem sich Menschen auf Augenhöhe begegnen und das ist genauso wertvoll, wie jeder gute Rat.
Ich erlebe Selbsthilfegruppen als lebendige Orte der Begegnung für Menschen mit Diabetes. Einige Gruppen geben sich einen Namen, wie Diabetes Point oder ERFA-Gruppe, der besser zu ihrer Gemeinschaft passt. Manche treffen sich im Restaurant, andere im Kirchgemeindehaus, draussen in der Natur oder klassisch rund um einen Tisch. Es gibt gemischte Gruppen mit Menschen mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes, aber auch solche, in denen sich ausschliesslich Menschen mit demselben Diabetes-Typ austauschen.
Breites Spektrum an Themen
Im Zentrum jedes Treffens steht der Erfahrungsaustausch. Jede Person bringt ihre Erlebnisse mit dem Diabetes mit und kann – wenn sie möchte – ihre Erkenntnisse teilen. Daraus entstehen Diskussionen. Viele nehmen neue Impulse für den Alltag mit. Wie gehen andere Menschen mit Typ-2-Diabetes mit Heisshunger um? An was muss ich denken, wenn ich auf Reisen gehe? Welches neue Kochrezept lohnt sich auszuprobieren? Wie pflegen die anderen ihre Füsse? Wie überwinde ich mein Motivationstief? Für all diese Fragen hat es Platz. Manchmal motiviert ein Treffen dazu, sich wieder regelmässig zu bewegen oder sich doch endlich bei einer Fachperson zu melden, aufgrund der Beschwerden, die man am Treffen offenbart hat. Manche bleiben auch zwischendurch in Kontakt und fragen nach, wie es geht. Ich erlebe immer wieder, dass Menschen mit einem Aha-Erlebnis nach Hause gehen und Schritt für Schritt neue Erkenntnisse in ihren Alltag integrieren. Gleichzeitig wächst das Vertrauen in den eigenen Umgang mit dem Diabetes, weil man erlebt: Andere stehen vor ähnlichen Herausforderungen und haben Wege gefunden, damit umzugehen. Auch schwierige Erfahrungen oder Rückschläge können offen angesprochen werden. Genau darin liegt der besondere Mehrwert.
Gemischte Gruppen
Der Austausch kann Mut machen und Unsicherheiten abbauen. Das Gefühl, verstanden zu werden und mit den eigenen Sorgen nicht allein zu sein, wirkt sich oft positiv auf die psychische Gesundheit aus. Oder in den Worten der Teilnehmenden: «Die Begegnungen schenken Vertrauen, schaffen Verständnis für Schwächen, teilen Freude am Erfolg und ‹schupfen› auch wieder auf den Weg der Disziplin zurück. Es ist wohltuend und menschlich, weil wir einander respektieren und achten.» «In unserer Gruppe befinden sich Menschen mit den unterschiedlichsten Lebenswegen und beiden Diabetes-Typen, die mit unterschiedlichen Herausforderungen verbunden sind. Wir sprechen über Erfahrungen, Ideen und Herausforderungen im Alltag. Das gibt Kraft und hilft uns, besser mit Diabetes umzugehen und auch zu akzeptieren, dass unser Stoffwechsel anders funktioniert. Wir unterstützen uns, damit niemand allein bleibt oder sich allein fühlen muss. So rückt manchmal der Diabetes sogar für einen Moment in den Hintergrund. Dann wird nicht über Blutzuckerwerte und Kohlenhydrate gesprochen, sondern über Ferien, die Familie oder den Alltag. Es entstehen Freundschaften, die über die Selbsthilfe gruppe hinausgehen.»
