Seit 60 Jahren ermöglichen Diabeteslager Kindern und Jugendlichen Abenteuer, mehr Selbstständigkeit und das Gefühl, nicht allein zu sein. Thomas Uhlmann, genannt Porsche, war 1966 dabei; Isabel Hug (Helia) leitet heute eines der Lager. Im Gespräch vergleichen sie ihre Erlebnisse.
Thomas, du warst von Beginn an dabei. Wie sind die Lager entstanden?
Thomas Uhlmann (TU): Sie entstanden über die Bewegung «Pfadfinder trotz allem». Die Idee kam aus dem ärztlichen Bereich: Man wollte die Eltern entlasten. Zur medizinischen Betreuung kamen ein Assistenzarzt aus dem Inselspital, eine Diätköchin und eine Krankenschwester mit, wie sie damals noch hiess.
Wie hast du dein erstes Lager erlebt?
TU: Katastrophal! Ich war acht Jahre alt, wir waren auf dem Stoos, hatten grausiges Wetter und ich starkes Heimweh. Trotzdem ging ich wieder mit, Jahr für Jahr, und knüpfte Freundschaften. Im Lager lernte ich, selbst zu spritzen und die BZ-Kontrollen durchzuführen – alles völlig anders als heute.
Isabel, wie war es bei dir?
Isabel Hug (IH): Ich bekam erst mit zwölf Jahren Diabetes. Meine Mutter zwang mich zum ersten Lager. Ich dachte: Ich bin schon in der Pfadi und habe genügend Freunde. Aber dann galt: einmal gegangen, immer gegangen. Mir gefiel es wahnsinnig gut. Ich merkte, dass ich nicht die Einzige bin, und konnte mich mit Gleichaltrigen austauschen. Der Spass stand im Vordergrund. Am Ende war man traurig, wieder nach Hause zu müssen. Die Lager haben mir sehr geholfen – und waren sicher auch für meine Mutter wie Ferien.
Diese Entlastung ist heute noch wichtig?
IH: Ja. Das Lager geht über zwei Wochen, damit die Eltern Zeit zum Verschnaufen haben. Mit den elektronischen Geräten müssen wir dafür sorgen, dass die Eltern keine Alarme erhalten und wirklich abschalten können. Sie sollen wissen: Ihre Kinder sind in guten Händen. Für uns stehen Spass, Geborgenheit und der Umgang mit Diabetes im Vordergrund.
Was lernen Kinder im Lager, das zu Hause manchmal schwieriger ist?
TU: Als Leiter war mir wichtig, dass sie realisieren: Ihr seid nicht allein und könnt mit Verstand und Vernunft alles machen, was andere Kinder auch tun. Viele kamen unter der «Käseglocke» hervor, weil sie im Alltag fast überbehütet waren. In den drei Lagerwochen entwickelten sie Eigenverantwortung und machten Dinge, die sie sich zu Hause nicht zugetraut hätten. Ich kam 1966 nach Hause und sagte: «Hey, ich spritze jetzt selbst.»
Wie sah das Diabetesmanagement damals aus?
TU: Wir hatten Glasspritzen mit Stahlnadeln; die Nadeln wurden teilweise auf Schleifpapier nachgeschliffen und wöchentlich ausgekocht. Blutzuckerwerte gab es nicht. Wir bestimmten den Urinzucker mit fünf Tropfen Urin, zehn Tropfen Wasser und einer Tablette im Reagenzglas. Die Farbe kam ins Kontrollheft. Das war eine andere Zeit. Wir wurden altersabgestuft instruiert, fast wie in Lektionen. Man hat uns etwa ein Rechteckmuster auf den Oberschenkel gezeichnet und gesagt: Jeden Tag ein anderes Quadrat, nicht immer am selben Ort spritzen. So hat man das gelernt.
IH: Heute passiert das Lernen eher nebenbei. Die Kinder fragen die Ärztin oder tauschen sich mit anderen aus, die dieselbe Pumpe haben. Sensoren und Closed-Loop- Systeme haben viel verändert. Man lernt zusammen und voneinander.
Was möchtet ihr den Kindern heute mitgeben?
IH: Sie sollen Vertrauen in sich haben und Dinge selbst machen. Wir zeigen ihnen: Eigentlich ist alles möglich – mit Diabetes, nicht trotz Diabetes. Wir Leitpersonen sind Vorbilder, auch bei Fragen zur Berufswahl. Und wir zeigen im Lager Leichtigkeit: Im Bus zu spritzen oder einen neuen Katheter zu setzen, ist hier normal. Die Kinder lernen, für sich einzustehen.
Welche Rolle spielen Sport und Gemeinschaft?
IH: Wir versuchen, mindestens einen halben Tag mit Bewegung zu füllen: Fussball, Wandern, wenn möglich Zelten oder eine Zweitageswanderung. Für viele ist es das erste Mal, dass sie wandern oder Sport so erleben. Sie lernen, wie sie damit und mit ihrem Diabetes umgehen. Gleichzeitig dürfen sie auch einmal «die Sau rauslassen». Im Lager müssen Hypoglykämien nicht gross erklärt werden – alle wissen, wie man sich fühlt. Man ist mit dem Diabetesmanagement nicht allein. Das ist Lebensqualität und gibt besonders jüngeren Kindern Mut.
Sind Freundschaften aus dem Lager geblieben?
TU: Ja. Mit meinem Freund «Öpfu» bin ich seit 1968 befreundet, wir waren einander Trauzeuge.
IH: Wir sind alle eine grosse Familie, auch das Lagerteam. Wir unternehmen gemeinsam ausserhalb des Lagers ebenfalls vieles. Es sind sogar schon Partnerschaften entstanden.
Was nehmt ihr persönlich aus dem DiaLa mit?
IH: Als Leiterin war ich dieses Jahr so damit beschäftigt, dass es allen gut geht, dass mein eigener Diabetes nebenherlief. Zu sehen, wie die Kinder damit umgehen, gibt mir Energie, wenn es mir selbst einmal schwer fällt. Oder wie jemand sagte: «Die beste Nebenwirkung von Diabetes ist das DiaLa.»
TU: Und das fast nebenwirkungsfrei! Das Lager hat mich auch darin bestätigt, Lehrer zu werden. Nach über 65 Jahren Diabetes sage ich: Man lernt, auf den Körper zu hören und ihn ernst zu nehmen. Ich bin glücklich, dass es die Lager noch gibt. Sie geben Kindern und Jugendlichen etwas fürs ganze Leben.
