Australien, Thailand oder Spanien? Zivilisation oder lieber Outback? Die 27-jährige Studentin Steffi Wicki lebt mit Diabetes Typ 1 und zeigt: Gerade in einem anderen Setting lässt sich viel über sich selbst lernen. Sie berichtet dem d-journal, wie sie bei Auslandsaufenthalten und Reisen auf neue Art und Weise Verantwortung für ihr Diabetesmanagement übernimmt und warum sie ihren Diabetes heute als Teil ihrer Identität sieht.
Steffi Wicki liebt das Leben und hat sich mit ihrem Diabetes arrangiert. Mehr noch: «Ich möchte ihn nicht missen», sagt sie. «Es gibt keinen besseren Gradmesser für mein Wohlbefinden als meinen Blutzuckerspiegel.» Für viele klingt das ungewöhnlich. Doch für Wicki ist ihr Diabetes kein Widerspruch zu einem erfüllten Leben. Ihr erster Auslandsaufenthalt führte sie noch vor dem Studium für ein halbes Jahr nach Australien. Fernab der Heimat lernte die damals 20-Jährige, ihrem Körper zu vertrauen und ihr Leben mit Diabetes zu akzeptieren. Australien veränderte nicht nur ihre medizinische Routine, sondern vor allem ihre Haltung: Vor der Reise hatte sie ihren Diabetes oft geheim gehalten. «Ich habe mich geschämt und wollte nicht auffallen», erinnert sich Wicki. In Australien begann sie dagegen, offen über ihr Leben mit Diabetes zu sprechen und erlebte, wie verbindend Ehrlichkeit sein kann. «Ich habe verstanden, dass ich nichts verstecken muss und dass ich noch viel über meinen Körper lernen kann.»
Insulin im Rucksack und Abenteuer im Blut
Als Steffi Wicki 2018 ihre grosse Reise plante, kontaktierte sie nach sorgfältiger Vorbereitung ihrer Alltagsund Notfallroutine die Pharmafirmen. Reibungslos beschaffte sie alles Notwendige – von Insulinvorräten, Infusionssets und Reservoirs bis hin zu Kühlbeuteln, einer Ersatzpumpe und dem passenden Zubehör wie Spritzen, Nadeln und einem Blutzuckermessgerät. Am Ende war ein halber Koffer allein für das Diabetesequipment reserviert. Für den Fall, dass dieser nicht ankommen würde, führte sie einen medizinischen Vorrat für drei Wochen im Handgepäck mit. Im Umgang mit ihrem Diabetes spielt Steffi Wickis Mutter seit jeher eine zentrale Rolle. Sie verfügt über fundiertes Wissen, unter anderem, weil Diabetes seit vielen Jahren Teil des Familienalltags ist. Zunächst erhielt Wickis jüngerer Bruder die Diagnose, später Steffi Wicki selbst. Die kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Thema führte dazu, dass sich ihre Mutter beruflich weiterqualifizierte. Heute arbeitet sie als medizinische Praxisassistentin in einer hausärztlichen Praxis, wo sie verschiedene diabetologische Beratungen macht. «Meine Mutter ist meine erste Ansprechpartnerin. Sie hat ein enormes Fachwissen», erklärt Wicki, die um ihr Privileg weiss. Sie betont aber auch, dass Menschen mit Diabetes in der Schweiz auf hervorragend geschulte medizinische Fachpersonen, eine gut vernetzte Community und geschulte Peers zählen können. Was Steffi Wicki im Voraus akribisch geplant hatte, konnte eines nicht ersetzen: die Erfahrung vor Ort. Im australischen Outback erlebte Steffi Wicki stark schwankende Blutzuckerwerte. Lange Wanderungen, veränderte Essgewohnheiten und die Aufregung wirkten bei 50 Grad Hitze zusammen. «Ich habe dort gelernt, dass Zahlen nicht alles sind. Mein Körper zeigt mir, was er braucht», sagt sie heute. Und es kam auch auf Vertrauen und Improvisation an. So etwa als ihre Ersatzpumpe früher als geplant zum Einsatz kommen musste. Über ihr örtliches Netzwerk organisierte sie eigenständig Nachschub. Der Vater einer Freundin aus Sankt Gallen, die Steffi Wicki erst in Australien kennengelernt hatte, brachte ihr bei einem Besuch in Down Under die neue Ersatzpumpe persönlich vorbei.
Struktur ist das A und O

Einige Jahre später ging es für ein Auslandssemester nach Madrid. Die internationale Wohngemeinschaft mit sieben Menschen aus
unterschiedlichen Ländern forderte ihr neue Kompetenzen ab. Als Steffi Wicki in ihrem Zuhause auf Zeit ankam, herrschte das blanke Chaos. Das Geschirr der vorigen Mieter:innen stand im Spülbecken, es gab keinerlei Regeln. Alle machten, was sie wollten. So hat Wicki kurzerhand eine Art Mediatorrolle übernommen und kümmerte sich um Ordnung und Fairness. Sie merkte, wie sehr ihr das auch in Bezug auf ihren Diabetes half. «Ich habe erkannt, wie gut mir Routinen tun und dass ich anderen Menschen etwas weitergeben möchte.» Dies bezieht sie auch auf ihr Wissen in puncto Diabetes. Ihr Wunsch war immer, etwas Gutes zu bewirken, vielleicht sogar einmal ein Leben zu retten. Heute tut sie das auf ihre eigene Art: mit Offenheit, Verständnis und Erfahrung. Eine enge Freundin, welche seit letztem Jahr ebenfalls Diabetes hat – und in der Zwischenzeit bereits für drei Wochen Costa Rica bereiste – sagt: «Ohne Steffi wäre ich wohl nicht so gelassen im Umgang mit meinem Diabetes.»
Stabile Werte über den Wolken
Steffi Wicki liebt das Unterwegssein. Sie reist oft geplant, teilweise auch spontan als Stand-by-Passagierin mit einer Freundin, die als Flight-Attendant arbeitet. In diesem Jahr ist sie bereits in Tansania, Thailand, Mexiko und Italien unterwegs gewesen – manchmal nur für ein paar Tage, manchmal länger. «Ich liebe das Fliegen und dieses Gefühl, über den Wolken zu sein, abgeschottet von allem», sagt sie lächelnd. «Sogar das Flugzeugessen mag ich und meine Werte sind da oben fast immer top.» Auch kulinarisch wurde ihr Unterwegssein zu einer Schule für Selbstfürsorge. Sie lernte, neue Gerichte einzuordnen und dabei nicht zu restriktiv zu sein. In Thailand belegte sie einen Kochkurs und realisierte, wie viel Zucker in Currys steckt. Um nicht immer auf meist zucker- und kohlenhydrathaltige Restaurantverpflegung angewiesen zu sein, wählt sie auf längeren Reisen meist Unterkünfte mit Küche. Aus Erfahrung weiss sie, dass man sich vor allem am Anfang in neuen Ländern an neue Lebensmittel heranwagt, schlussendlich aber wieder auf die bewährte Ernährungsroutine setzt. Ihren Sportgewohnheiten bleibt sie ebenfalls treu. Joggen, Schwimmen und Fitness helfen, ihre Werte weltweit im Gleichgewicht zu halten. Und was rät Steffi Wicki Menschen mit Diabetes, die länger ins Ausland gehen möchten? «Es braucht nur den Mut, den ersten Schritt zu machen. Ein neues Umfeld kann helfen, sich selbst und den Umgang mit Diabetes neu zu entdecken», sagt sie. Sie habe viele wertvolle Erfahrungen gesammelt, Freundschaften geschlossen und in Australien sogar ihren heutigen Partner kennengelernt. Und eines steht fest: Die Studentin im Master of Business Administration wird weiterhin die Welt bereisen: Die Nadeln auf dem Globus für den nächsten längeren Auslandsaufenthalt sind in alle Himmelsrichtungen verteilt. Australien, Bali, China oder England? Entscheidend wird sein, wo Steffi Wicki und ihr Freund einen Studienplatz bekommen werden. Stillstand ist eben einfach nicht Wickis Ding.

