Die Behandlung von Diabetes im Spital stellt wegen der steigenden Zahl älterer, kranker Patientinnen und Patienten mit Diabetes eine immer grössere Herausforderung dar. Heute hat zirka jede:r fünfte Patient:in im Spital einen Diabetes mellitus. Oft wird die Erkrankung als Nebendiagnose geführt.

Es kommt nicht selten vor, dass im Rahmen eines Spitalaufenthalts die Erstdiagnose eines Diabetes gestellt wird. Erhebungen zeigen, dass Menschen mit Diabetes durchschnittlich ein bis zwei Tage länger hospitalisiert bleiben. Die Häufigkeit von hohen oder zu niedrigen Blutzuckerwerten während eines Krankenhausaufenthalts liegt bei Menschen mit Diabetes oder Prädiabetes bei mindestens 40%. Operationen machen die Sache komplizierter, weil viele Stoffe freigesetzt werden, die den Blutzuckerspiegel beeinflussen. Deshalb kommt es bei chirurgischen Patient:innen sehr oft zu hohen Blutzuckerwerten rund um den Eingriff (etwa 20–90%). Hohe Blutzuckerwerte führen häufig zu mehr Infektionen und schlechter Wundheilung. Leider geht beim aktuellen Trend zu einer hochspezialisierten Medizin, der Blick für eine gesamthafte Behandlung immer öfters verloren, und wenn der Diabetes nur als «Nebendiagnose» aufgeführt wird, kann es vorkommen, dass die vorher gut eingestellten Blutzuckerwerte im Spital plötzlich eine Berg- und Talfahrt machen.

 

Folgende Beispiele zeigen auf, was bei einem Aufenthalt im Spital schiefgehen kann:

Fall 1: Herr X ist 92, hat seit dem Alter von 30 Jahren Typ-1-Diabetes. Er ist schwer krank (Krebs) und wurde am Kehlkopf operiert. Er hat eine Luftröhrenkanüle und muss mit Sondenkost ernährt werden. Vor der Operation konnte er seinen Diabetes gut managen und wusste jeweils, wie viel Insulin er für welche Mahlzeit spritzen muss und wie er hohe Werte korrigieren kann. Dies erfolgte meist intuitiv nach so vielen Jahren mit der Krankheit. Auf der Diagnoseliste des Spitals, in dem die Nachbetreuung nach seiner Operation stattfindet, ist sein Diabetes als Typ 2 hinterlegt. Das Langzeitinsulin, das er zu Hause spritzt, gibt es im neuen Spital nicht, den Kohlenhydratanteil der Sondenkost kann er nicht einschätzen und er wird ihm auch nie mitgeteilt. Seine Blutzuckerwerte schwanken zwischen 20 und 30 mmol/l. Erst nach drei Tagen wird durch die (erst dann eingeschaltete) Diabetesfachberatung erkannt, dass er Typ-1-Diabetes hat. Dann werden die Kohlenhydrate der Sondenkost berechnet, die Insulindosen angepasst und der Blutzucker normalisiert sich langsam.

Fall 2: Frau Y ist 75, hat Typ-2-Diabetes und nimmt Tabletten, darunter Diamicron®. Sie bekam ein neues Kniegelenk. Sie hat ihr Blutzuckermessgerät zu Hause vergessen. Am zweiten Tag nach der Operation spürt sie die typischen Anzeichen von Unterzuckerung. Sie läutet der Pflege und bittet um eine Messung ihres Blutzuckers. Die Antwort lautet: Sie solle nicht solche Ansprüche stellen, sie sei als Patientin schliesslich nicht für die Blutzuckereinstellung im Spital, und die Pflege sei nicht dafür zuständig, ihren Blutzucker zu messen. Frau Y telefonierte im Anschluss mit ihrer Tochter, die selber Pflegefachfrau ist. Diese meldete sich dann bei der zuständigen Pflegeperson, worauf der Blutzucker von Frau Y doch noch rechtzeitig gemessen und das Hypo behandelt wurde.

 

Was Sie selbst tun können, damit Ihr nächster Spitalaufenthalt besser läuft:

Gut zu wissen

Kortison kann einen gut eingestellten Diabetes durch die Verstärkung der Insulinresistenz entgleisen lassen. Bei vielen Chemotherapie-Protokollen wird Kortison eingesetzt, um die Nebenwirkungen der Chemotherapie zu verringern. So kann es vorkommen, dass ein Diabetes, der bis anhin gut mit oralen Antidiabetika eingestellt war, plötzlich den Einsatz von Insulin benötigt. Auch während Operationen geben Narkoseärztinnen und -ärzte oft Kortison, um die typische Übelkeit nach der Narkose zu verhindern. Neben dem kurzfristigen Absetzen der oralen Antidiabetika zwei bis drei Tage vor der Operation kann dies mitunter ein Grund sein, warum die Blutzuckerwerte nach einer Operation plötzlich ansteigen

  • Nehmen Sie Ihre aktuelle Medikamentenliste und die Medikamente mit. Im Krankenhaus werden viele Medikamente durch Spitalpräparate ersetzt oder müssen von der Spitalapotheke bestellt werden. Manche Präparate, wie Kombipräparate oder bestimmte neue Mittel (zum Beispiel GLP-1 wie Ozempic), sind nicht immer sofort verfügbar.
  • Falls Sie Insulin spritzen: Nehmen Sie genügend Vorrat und Ihr gewohntes Material (eigenes Blutzuckermessgerät, Pennadeln, Testreifen, ReserveSensoren) mit. Bringen Sie einen schriftlichen Insulinplan mit, also nicht nur elektronisch auf Ihrem Handy.
  • Wenn Ihr Zustand es zulässt: Versuchen Sie, Ihr Insulin selbst zu spritzen. Bitten Sie das Pflegepersonal, Ihnen einen Behälter zur sicheren Entsorgung Ihrer Nadeln zu geben (diese gehören nicht in den Plastikmüll am Nachttisch).
  • Vergewissern Sie sich, dass Diabetes als Nebendiagnose dem Behandlungsteam bekannt ist. Falls Typ-1-Diabetes vorliegt, heben Sie das ausdrücklich hervor.
  • Sie sind Expertin oder Experte für Ihre Krankheit. Lassen Sie sich nicht von übereifrigen, gut gemeinten Ratschlägen von Pflegefachpersonen verunsichern. Vor allem bei Typ-1-Diabetes ist es bedauerlich, dass Pflegefachpersonen häufig wenig oder fehlerhaft informiert sind.
  • Falls Ihre oralen Diabetesmedikamente während des Spitalaufenthalts pausiert wurden, besprechen Sie mit Ihrem Behandlungsteam beim Austritt, wann Sie wieder damit anfangen können.
  • Wenn der Blutzucker bei Ihnen ganz plötzlich stark schwankt und das Behandlungsteam dabei nicht weiterhilft: Fordern Sie, dass die Diabetesberatung oder die Diabetologinnen und Diabetologen des Spitals eingeschaltet werden.
AutorIn: Christine Suter