Wenn Kinder bereits im Vorschulalter die Diagnose Diabetes erhalten und dann ins Schulsystem eintreten, stehen Familien oft vor neuen Herausforderungen. Wer übernimmt künftig die Verantwortung für das Diabetesmanagement während des Schulalltags? Mit genau dieser Frage sehen sich viele Eltern konfrontiert, wie Rahel Buess von Swiss Diabetes Kids bestätigt.
Als Lehrerin und Mutter eines Sohnes mit Diabetes kenne ich beide Seiten: Ich weiss um die Ängste und Sorgen der Eltern beim Schuleintritt. Es ist mir ein Anliegen, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Kinder mit Diabetes gut aufwachsen und sich wie andere Kinder entfalten können.
Die Gegebenheiten beachten
Der Wunsch der Eltern ist, dass ihr Kind mit Diabetes bestmöglich in der Schule betreut wird. Und je kleiner das Kind, desto weniger kann es selbst, weil es beispielsweise die Zahlen des Messgeräts noch gar nicht lesen kann. Da braucht das Kind Hilfe von aussen. Doch wer hilft dem Kind während des Unterrichts bei dem, was es noch nicht selbst kann? Vielen Eltern ist nicht bewusst, dass Lehrkräfte rechtlich nicht verpflichtet werden können, die Kinder aktiv beim Diabetesmanagement zu unterstützen. Das Verabreichen von Insulin mit Pen oder Spritze ist in einigen Kantonen bewilligungspflichtig. Wer muss denn schlussendlich die Verantwortung während der Schulzeit übernehmen?
Das Gespräch suchen
Ich habe bei meinem Sohn stets versucht, die Lehrkräfte frühzeitig ins Boot zu holen. Spätestens vor den Sommerferien des Schuleintritts sollte man als Erziehungsberechtigte mit der Schulleitung das Gespräch suchen. Ich selbst habe gute Erfahrungen mit kurzen, strukturierten Schulungen für Lehrkräfte gemacht. Sehr wichtig ist, die Lehrkräfte als Partner:innen auf Augenhöhe zu verstehen und die für die Schulzeit wichtigen Details zu schulen. Eine gute Vorbereitung ist das A und O: Übersichtliche, kurze, laminierte Infoblätter, zum Beispiel mit den Notfallnummern, haben sich bewährt, damit die Lehrkräfte alles auch nochmals nachlesen können. Alternativ gibt es auch Kinderspitäler und Diabetespraxen, die Schulungen für Lehrkräfte anbieten. Bei vielen Lehrerinnen und Lehrern löst der Gedanke, die medizinische Verantwortung zu übernehmen und eventuell im Notfall falsch zu reagieren, Ängste aus. Daher braucht es Fingerspitzengefühl, um zusammen diese Ängste abzubauen. Eine enge Zusammenarbeit der Eltern mit den Lehrkräften hat sich bewährt. Mit dem Einsatz von Closed-Loop-Geräten könnte man die Lehrkräfte sicher entlasten, das würde einiges im Unterricht vereinfachen. An manchen Schulen können Assistenzpersonen eingesetzt werden zur Entlastung der Lehrkräfte. Diese können nach einer Schulung auch die Diabetesverantwortung übernehmen. Dies ist aber in den Schulen nicht einheitlich geregelt. Gemeinsam mit dem Juristen Martin Boltshauser habe ich für Eltern ein Merkblatt erstellt, wie man vorgehen kann, damit die Zusammenarbeit mit der Schule gelingt. Unterstützung bieten momentan auch die regionalen Diabetesorganisationen wie diabetesfreiburg bei der Information und der Schulung von Lehrkräften. Das ist aber eher die Ausnahme.
Die Kinder einbeziehen
Nicht nur die Lehrkräfte sollten informiert werden, sondern auch die Mitschülerinnen und Mitschüler. Wie sollen diese sonst verstehen, dass ein anderes Kind während dem Unterricht Saft trinken darf und sie nicht? Dem Alter angepasste Schulungen mit der Klasse (aber auch für deren Eltern) helfen Vorurteile abzubauen, zum Beispiel den Irrglauben, dass Diabetes durch übermässigen Zuckerkonsum entsteht. Klare Information beugt Eifersucht und Mobbing vor, auch wenn die Wirkung nicht bei allen Kindern langfristig anhält. Manche Kinder zeigen Empathie – das ist wertvoll. Kindgerechte Bücher zur Aufklärung über Diabetes helfen, wobei nur wenige geeignet sind zur Aufklärung in der Schule. Das war eine Motivation für mich, zusammen mit meiner Tochter ein eigenes Buch zu kreieren. Das Buch wird vermutlich im Jahr 2026, in Kooperation mit dem Verein Swiss Diabetes Kids, erscheinen. Auch von diabetesschweiz soll es bald eine Neuauflage eines bereits bekannten Kinderbuches geben.
Nachteilsausgleich lohnt sich
Unter- und Überzuckerungen beeinträchtigen Konzentration und Leistung – gerade bei Prüfungen. Das Gesetz sieht dafür einen Nachteilsausgleich vor, damit Kinder mit Behinderung, wozu in diesem Fall auch Diabetes zählt, nicht benachteiligt werden. Die Lernziele bleiben unverändert, aber die Prüfungsbedingungen können angepasst werden, zum Beispiel durch mehr Prüfungszeit oder mehr Pausen. Ich habe auf der Swissdiabeteskids-Website ein Informationsblatt zusammengestellt.
Handyverbot an Schulen – ein Problem?
An vielen Schulen sind Handys verboten oder müssen unsichtbar und unhörbar in der Tasche bleiben. Mein Sohn trug immer ein Followerhandy für die Übertragung der Werte auf sich. Auf (frühzeitige) Anfrage wurde das von der Schulleitung als «medizinisches Gerät» problemlos bewilligt. Auch hier wäre es wichtig, dass man Aufklärung betreibt und mit allen Beteiligten kommuniziert.

