Carole Gnädinger erfüllte sich im vergangenen Herbst einen lang gehegten Traum. Die diplomierte Pflegefachfrau am Kantonsspital Zug reiste für zwei Monate nach Afrika. Vier Wochen lang arbeitete sie in einer Tagesklinik in einem Township und in zwei Kliniken in Nairobi, um danach per Rucksack mit einer Reisegruppe Namibia kennenzulernen. Was dabei jeden einzelnen Tag präsent war? Ihr Diabetes.
Es war Carole Gnädingers erklärtes Ziel ein Entwicklungsland aus der Perspektive ihres Berufs kennenzulernen – nicht im Rahmen eines klassischen Hilfsprojekts, sondern anhand des Alltags eines fremden Gesundheitssystems. Sie wollte authentische Erfahrungen sammeln, sehen, wie medizinische Versorgung mit begrenzten Ressourcen funktioniert, und gleich zeitig Land und Leute kennenlernen – auch auf ihrer anschliessenden Reise durch Namibia. Mit ihrer Freundin und Arbeitskollegin hatte sie jemanden zur Seite, der dieselbe Vision verfolgte und so liessen sich die beiden Frauen von einer Schweizer Agentur nach Kenia vermitteln.
Diabetes stand plötzlich im Rampenlicht
Über eineinhalb Jahre bereitete Carole Gnädinger ihre Reise sorgfältig vor. Bereits beim ersten Gespräch im Juni 2024 bestätigte ihre Diabetesfachberaterin, was Gnädinger bereits vermutet hatte: Ein Diabetesmanagement mit Insulinpumpe sei nur schwer vereinbar mit extremen Temperaturen von über 40 Grad, wechselnden Tagesabläufen und dem Reisen mit lediglich einem Rucksack. Um die Wirksamkeit des Insulins sicherzustellen, das Gepäck auf ein Minimum zu reduzieren und hitzebedingte technische Probleme zu vermeiden, empfahl die Fachberaterin die Umstellung auf den Insulinpen, dessen Dosen in einem Kältepack transportiert werden können. Dabei machte sie Carole Gnädinger keine falschen Hoffnungen. Die Umstellung bedeute einen Rückschritt, und die Blutzuckerwerte würden dauerhaft ausserhalb des Zielbereichs liegen. Zudem gelte es, sehr aufmerksam zu sein und Infektionen konsequent zu vermeiden. Gleichzeitig gab sie ihr jedoch einen entscheidenden Rat: Sie solle es wagen und die Reise vor allem geniessen.
«Ich wollte diese Reise unbedingt – und mein Diabetes musste mit»
Carole Gnädinger organisierte ihr gesamtes medizinisches Equipment äusserst gewissenhaft: Sie beschaffte Insulin, Ersatzpens, Glukosegel und Kühlelemente in ausreichender Menge. Auch zwölf Sensoren, drei Powerbanks, zwei Ersatzhandys und eine Malaria- Prophylaxe kamen ins Gepäck. Ausserdem schloss sie eine internationale Reiseversicherung ab. Der Wechsel auf den Pen sollte nicht das einzige Downgrade sein: Gemeinsam mit ihrem Diabetologen stellte Carole Gnädinger im Juni ihr Therapieschema um: vom pumpenbasierten Management auf ein Basis-Bolus-Schema, das ihr unterwegs mehr Flexibilität erlaubte, besonders im Hinblick auf die meist sehr kohlenhydratreichen Mahlzeiten in Afrika. Im August 2025, ein Monat vor der Abreise, kam der grosse Moment. Carole Gnädinger schaltete ihre Pumpe der neusten Generation aus. «Mein Freund war bei mir und ich habe erstmal geweint», erinnert sie sich. «Der Diabetes war immer ein Nebendarsteller in meinem Leben und von einem Moment auf den anderen wurde er zum Protagonisten.» Für die Zeit des Übergangs hatte sich Carole Gnädinger vorsorglich krankschreiben lassen. Nicht aus Schwäche, sondern aus Verantwortung. Sie setzte ihre Gesundheit an oberste Stelle. «Ich wollte diese Reise unbedingt. Also musste mein Diabetes einfach mit, selbst wenn dies massive Anpassungen für mein Diabetesmanagement mit sich brachte», so die 27-Jährige.
Zwei Welten
In den Kliniken in Nairobi erlebte Carole Gnädinger eindrücklich, wie mit minimalen Mitteln viel bewirkt wird. Sie war fasziniert von der Widerstandsfähigkeit, der Lebensfreude und der Gelassenheit der Patientinnen und Patienten vor Ort: Qualitäten, die ihr in dieser Intensität in der Schweiz selten begegnet waren. Besonders prägend waren die Gespräche mit lokalen Pflegefachpersonen über den Berufsalltag, über ethische Fragen, über Leben und Tod. «Diese fachlichen Dialoge begleiten mich bis heute und ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung», erklärt Carole Gnädinger. Die medizinische Situation in Kenia brachte sie regelmässig in einen inneren Konflikt und sie fragte sich: «Soll ich mich über meine Werte ärgern oder einfach glücklich sein, das Privileg dieser Reise geniessen zu dürfen?» Während sie ihren Blutzuckerwert bequem per Sensor ablas, warteten Diabetesbetroffene vor Ort zehn Minuten auf ein Messergebnis und konnten nur per Oralmedikation therapiert werden. Es war ein schmaler Grat zwischen Frustration und tiefer Dankbarkeit für den Einblick in eine andere Welt. Diese Ambivalenz begleitete Carole Gnädinger auch während der vier Wochen, in denen sie und ihre Freundin sich für die Reise quer durch Namibia einer Gruppe anschlossen. Hitze, Schlafmangel, ungewohnte Ernährung und Zeltübernachtungen bedeuteten zusätzliche Herausforderungen. Und es gab auch Momente, in denen sie sich die Unbeschwertheit ihrer Mitreisenden gewünscht hätte. Eines Tages kam es zu einer unerwarteten Notfallsituation. Rund 300 Kilometer von der nächsten Ortschaft entfernt, fiel ihre Sensor-App weltweit aus. Carole Gnädingers Blutzucker blieb über viereinhalb Stunden unbeobachtet. Weder ihre zwei Ersatzhandys noch die App auf dem Handy ihrer Freundin funktionierten. Damit hatte sie nicht gerechnet. Die Pläne A, B und C waren gescheitert und sie war an einem Punkt, an dem sie bereit gewesen wäre, ihre Reise abzubrechen und sich mit der Rega ausfliegen zu lassen; aus Verantwortungsgefühl der Gruppe gegenüber, aber vor allem zu ihrer persönlichen Sicherheit. Nachdem sie diesen Weg in Betracht gezogen hatte, setzte die App wieder ein und die Reise ging weiter.

Sternenhimmel, Glukosegel und Dankbarkeit
Und dann kam diese eine Nacht, die alles übertraf: In Spitzkoppe, mitten im namibischen Nirgendwo, lag Carole Gnädinger im Schlafsack auf warmen Steinen. Über ihr spannte sich ein Sternenhimmel von unvergleichlicher Klarheit, ein Panorama, wie sie es noch nie zuvor gesehen hatte. Mit einem Trinkbeutel Glukosegel im Mund fotografierte sie diesen Himmel und war ausgesöhnt mit sich und allen herausfordernden Situationen der Reise. «In diesem Moment wusste ich, dass ich alles richtig gemacht habe», erzählt Carole Gnädinger.
Zurück in der Schweiz
Bei ihrer Rückkehr nach Zürich brachte ihr Freund die Insulinpumpe direkt an den Flughafen. Carole Gnädinger wollte keine Zeit verlieren. Alles war vorbereitet, die Koppelung funktionierte, die Pumpe machte dort weiter, wo sie aufgehört hatte. Sie hatte ihr altes Leben wieder. Im Rückblick sei es psychisch und physisch die anstrengendste Zeit gewesen, die sie je im Umgang mit ihrem Diabetes erlebt hatte und zugleich die wertvollste und prägendste in ihrem Leben. Doch Carole Gnädinger betont, dass sie diese Reise wieder machen würde. «Mein Diabetes begleitet mich seit Jahren – meist leise, oft unbemerkt von meinem Umfeld. Auch für mich selbst ist er im Alltag zur Selbstverständlichkeit geworden. Für diese kontinuierliche Aufmerksamkeit, für das tägliche Dranbleiben bedankt sich niemand. Diese Reise war ein bewusstes Danke und eine Wertschätzung an mich selbst, für eine Verantwortung, die auch ich manchmal zu vergessen scheine.”

