Woran sollte ich beim Reisen mit Diabetes denken? Unsere Redaktionsmitglieder Christian Lüscher und Christine Suter haben Wichtiges zusammengetragen, wobei er die Sicht als Experte aus Erfahrung mit Typ-1-Diabetes und sie die Empfehlungen als Diabetesfachberaterin einbringt.

Christian Lüscher (CL): Ich bin eher ein vorsichtiger Mensch und habe darum beim Reisen bisher wenig negative Erfahrungen gemacht. Ich spanne mir immer im Voraus ein Sicherheitsnetz. Letztes Jahr war ich aller dings mit dem E-Bike unterwegs nach Südfrankreich. Nach Regen in der Schweiz und kühlen Temperaturen hatten wir plötzlich so grosse Hitze, dass bei den Satteltaschen meines Velos die Schweissnähte geschmolzen sind. Da musste ich natürlich Massnahmen ergreifen wegen des Insulins.

Christine Suter (CS): Da sprichst du einen wichtigen Punkt an, denn ab Temperaturen von 30 Grad wird Insulin instabil und wirkt schlechter. Das Gleiche gilt bei extremer Kälte. Sobald Insulin gefriert, wirkt es nicht mehr. Wie managst du das?

CL: Ich habe die Hitze erwartet, aber nicht in diesem Ausmass. Ich lagere Insulin immer an zwei unterschiedlichen Orten und auf zwei verschiedene Arten. Ich hatte Friotaschen dabei, bei denen man eine gallertartige Masse feucht hält – nicht sehr kühl, aber in den Shops der Diabetesgesellschaften erhältlich. Und ich hatte eine klassische kleine Kühltasche mit Coolpads, die man im Kühl- oder Gefrierschrank kühlt. Da muss man aber aufpassen, dass das Insulin nicht zu kalt wird. Thermosflaschen sind auch eine Möglichkeit, allerdings sollte man die Ampullen polstern, damit sie nicht kaputt gehen – und das erst nach dem Zoll, sonst kann es unangenehme Fragen geben. Mein Problem war die Insulinpumpe. Nach drei Tagen habe ich gemerkt, dass die Wirkung des Insulins nachliess und habe die Ampullen frühzeitig gewechselt. Die nicht mehr so wirksamen habe ich allerdings als Reserve behalten und kühl aufbewahrt, man weiss ja nie.

CS: Hierzu möchte ich sagen, dass das nicht bei allen Pumpen möglich ist und bei schlauchlosen Systemen zu grösseren Extrakosten führt, weil man den Pod öfter als alle drei Tage wechseln muss. Wenn man so ein System hat, sollte man sich vor so einer Reise überlegen, ob man auf eine andere Pumpe wechselt oder herkömmlich mit dem Pen spritzt. Bei Strandferien ist das Problem weniger gross, weil man beim Sonnenbaden einfach öfter ins Wasser gehen kann – das kühlt das Insulin und auch den Pod. Eine Frau hat mir mal erzählt, dass sie diesen am Gesäss trägt, weil die nasse Badehose auch ein bisschen beim Kühlen hilft.

CL: Übrigens: Ich würde Hotelmitarbeitenden nie Insulin zum Kühlen mitgeben, sondern nur die Kühlelemente. Das Insulin könnte zu kalt gelagert werden, verloren gehen oder gestohlen werden. Aber auch die Minibars in den Hotelzimmern sind zum Teil nicht richtig temperaturreguliert, was man leicht merkt, wenn man selber nachmisst.

CS: Richtig, man sollte deren Temperatur vor dem Gebrauch prüfen und sonst nur die Kühlelemente dort kühlen. Du bist kürzlich länger geflogen. Von welchen Erfahrungen kannst du da berichten?

CL: Ich habe eine Erklärung meiner Ärztin dabei, dass ich Diabetes habe und Insulin sowie bei Bedarf andere Medikamente brauche. Bei der Sicherheitskontrolle piepst es manchmal wegen der Pumpe, oder das Personal vermutet einen verdächtigen Gegenstand in meiner Hosentasche. Darum nehme ich sie schon vorher aus der Tasche und informiere das Flughafenpersonal proaktiv. Dieses nickt meistens und will die Pumpe nur ansehen. Es gab aber auch schon Fälle, wo die Pumpe durchleuchtet wurde.

CS: Ich war deswegen mit Herstellern in Kontakt. Sie sagen, dass die Pumpen die üblichen Metalldetektoren gut aushalten. Jeder Hersteller bietet spezifische Reisekarten an, die man neben der ärztlichen Bescheinigung mitnehmen kann. Bei Überseereisen kann zudem eine Reservepumpe bestellt werden. Innerhalb von Europa garantieren die Hersteller, dass eine neue Pumpe innert 48 Stunden geliefert wird.

CL: Für unsere Reise nach Namibia habe ich zur Sicherheit einen Monat im Voraus eine Reservepumpe bestellt. Diese hatte ich im Koffer in der Originalverpackung dabei, damit ich sie zurückgeben konnte – obwohl sie viel Platz einnahm. In meinem Koffer habe ich einen GPS-Tracker, damit ich immer weiss, wo er ist. Und weil man in der Wüste keine Batterien kaufen kann, hatte ich auch diese dabei. Denn was nützt eine Reservepumpe, wenn man sie nicht betreiben kann.

CS: Das ist ein gutes Stichwort. Wir empfehlen, immer Reserven mitzunehmen, sprich nochmals die benötigte Menge – dies gilt für Material, Insulin und an dere Medikamente. Lagerst du die auch an zwei Orten?

CL: Ja, unbedingt: Je weiter weg von der Zivilisation man ist, desto wichtiger wird das. Bei den Medikamenten habe ich den Tipp erhalten, die Verpackung wegzulassen. Man sollte dann aber unbedingt elektronisch oder physisch den Beipackzettel mitnehmen, um im Notfall ein ähnliches Medikament kaufen zu können.

CS: Ich rate zudem, die Medikamente in ein Plastiksäckchen zu tun, um sie vor Feuchtigkeit zu schützen. Und bei Medikamentenlisten reicht es nicht, nur den Handelsnamen zu notieren, wichtig ist auch der Wirkstoffname. Das hilft, wenn man das Medikament im Ausland kaufen muss, denn Medikamente heissen nicht in jedem Land gleich.

CL: Ich möchte ergänzen, dass auch die Dosierungen anders sein können. Auch das steht auf dem Beipackzettel – darum ist er so wichtig.

CS: Wenn wir schon von Notfällen sprechen: Du hast mir gesagt, dass du nicht nur die Koordinaten deiner Ärztinnen und Ärzte mitnimmst, sondern im Vorfeld auch prüfst, wo die nächsten medizinischen Einrichtungen sind?

CL: Nun, für Afrika habe ich das gemacht. Generell bin ich ein Fan von Listen und rate, diese nicht nur im Handy, sondern auch in Papierform dabeizuhaben, denn das Handy kann gestohlen werden, und dann wird es mühsam.

Gut zu wissen

Berechnen Sie bei Reisen Hitze und Kälte immer mit ein. Denn:

  • Bei Hitze kann Insulin denaturieren, das heisst, die Struktur des Insulins wird zerstört, und es kann zu einer reduzierten Wirksamkeit kommen.
  • Bei Kälte kann das Insulin gefrieren und komplett wirkungslos werden. Zudem können feine Risse im Glas entstehen, was die Sterilität des Produktes beeinträchtigen könnte.

Während in den meisten Ländern heute U-100-Insuline (100 Einheiten/ml) verwendet werden, sind in einigen Regionen – etwa in Indien – weiterhin U-40-Insuline (40 Einheiten/ml) verbreitet. Bei der Anwendung ist daher auf die passende Dosierung zu achten.

CS: Kannst du noch etwas sagen zum Thema Fliegen und Essen im Flugzeug?

CL: Ich fliege ungern und meide es. Auch weil es schwierig ist zu planen, wann man essen kann. Ich bin schon fast verhungert, weil wegen Turbulenzen der Service verschoben wurde. Ich spritze immer erst, wenn das Essen schon vor mir steht. Mein Tipp: Spezialessen wird zuerst serviert, dann muss man weniger lange warten. Viele Fluggesellschaften haben zwar kein Diabetes-Spezialmenü mehr, aber das vegetarische Menü ist eine Möglichkeit, die Warterei zu verkürzen.

CS: Das merke ich mir. Mein Tipp ist, immer Riegel dabei zu haben, um nicht zu hungern. Zur Thrombose prophylaxe empfehle ich, viel Wasser zu trinken, und bei längeren Flügen rate ich vor allem Menschen mit Typ-2-Diabetes und Übergewicht, ab und zu aufzustehen. Wie handhabst du es mit Street Food im Ausland?

CL: Da bin ich als Mensch mit Diabetes vorsichtig und verzichte. Bei Restaurants schaue ich, wo die Einheimischen essen und vermeide klassische Touristenlokale. Jemand hat mir einmal erzählt, dass es im Hotel wegen Dreiminuteneiern eine Salmonellenvergiftung gegeben habe. Seither passe ich auch da auf. Findest du übrigens, dass man die Reiseleitung über den Diabetes informieren sollte?

CS: Das kommt auf die Reise an. Ich finde wichtig, dass mindestens eine Person informiert ist, damit sie im Falle eines Hypos richtig reagieren und bei Bedarf Glukagon verabreichen kann. Generell rate ich, sich gut vorzubereiten und im Ausland nicht plötzlich Dinge zu machen, die man zuhause nie machen würde.

DIE VERPACKUNG VON MEDIZINPRODUKTEN – GINGE DAS NICHT KLEINER?

Viele Menschen mit Diabetes fragen sich, warum ihre Medizinprodukte nicht in kleineren Verpackungen daherkommen, so wie wir dies im Alltag von Gebrauchsgegenständen kennen. Das wäre beim Reisen praktisch. Die Redaktion des d-journals ist dem nachgegangen und hat mit Swiss Medtech, dem Schweizer Medizintechnikverband, Kontakt aufgenommen. Hier das Wichtigste in Kürze.

 

Für Verpackungen von Medizinprodukten gelten andere Massstäbe als für Konsumprodukte. Ihre Form und Grösse sind das Resultat technischer, regulatorischer und logistischer Vorgaben. Am Ende steht ein Prinzip über allem: Patientensicherheit.

Ein Mini-Tresor mit klaren Funktionen

Die Verpackung von Medizinprodukten übernimmt zentrale Schutzfunktionen. Je nach Produkt muss sie Sterilität gewährleisten oder zumindest einen wirksamen Schutz vor Feuchtigkeit, Licht und Druck bieten. Gleichzeitig stellt sie die Rückverfolgbarkeit jeder einzelnen Charge sicher. Sie ist damit nicht nur Hülle, sondern integraler Bestandteil des Produkts und kann nicht ohne Weiteres angepasst werden. Im Zulassungsverfahren wird auch die Verpackung geprüft. Dazu gehören unter anderem Sturztests, um sicherzustellen, dass das Material nicht bricht und das Produkt unversehrt bleibt. Anpassungen erfolgen in der Regel erst im Zuge einer Produktneuentwicklung. Gleichzeitig arbeitet die Branche kontinuierlich daran, Verpackungen nachhaltiger zu gestalten und Recyclingaspekte stärker zu berücksichtigen.

Verpackungen sind nicht zufällig

Einzelne Komponenten wie Sensoren oder Nadeln sind steril verpackt und benötigen dafür definierte Schutz- und Luftkammern. Gleichzeitig muss sichergestellt sein, dass sich die Bestandteile im Innern nicht bewegen. Andernfalls könnte etwa ein Sensor verrutschen und in seiner Funktion beeinträchtigt werden. Für diesen Schutz sind ein gewisses Volumen und durchdachte Verpackungskonzepte erforderlich. Auch die äussere Kartonbox übernimmt eine wichtige Sicherheitsfunktion. Wird ein Produkt ohne sie transportiert, entfällt ein Teil dieses Schutzes. Zudem enthält die Originalverpackung häufig relevante Informationen. Produkte können in der Regel nur in dieser zurückgegeben werden.

AutorIn: Christiane Suter, Diabetesfachberaterin und Christian Lüscher, Experte mit Typ-1-Diabetes