Geht es um die Ernährung und die Anpassung des Insulins, gehört das Zählen von Kohlenhydraten dazu. Nicht alle Kohlenhydrate sind gleich. Ihre Wirkung hängt von der chemischen Struktur sowie von den anderen Nährstoffen und den Ballaststoffen ab.

Odile Rossetti Olaniyi, Ernährungsberaterin

Es überrascht immer wieder, dass viele Diabetesbetroffene des Typs 1 die Menge der Kohlenhydrate ihrer Mahlzeiten nicht genau berechnen, sondern sich eher an den Essensportionen orientieren. Erstaunlicherweise funktioniert das im Allgemeinen recht gut. Das dürfte auf die jahrelangen Erfahrungen mit Diabetes zurückzuführen sein, durch die viele Betroffene zu Expertinnen und Experten auf diesem Gebiet geworden sind. Funktioniert diese ungefähre Schätzung jedoch nicht so gut oder überhaupt nicht, kann es zu sehr unangenehmen Überraschungen kommen. Auch fällt es auf diese Weise einer diabetesbetroffenen Person schwer, allenfalls den Wert des glykierten Hämoglobins (HbA1c = Langzeitblutzuckerwert) zu verbessern. Bleibt der HbA1c-Wert zu hoch, führt dies über kurz oder lang zu Komplikationen. Eine Mahlzeit kann bei gleichem Volumen mehr oder weniger Kohlenhydrate enthalten. Wer die Kohlenhydratmenge berechnet, kann die zu injizierende Insulindosis exakter bestimmen. Damit lässt sich zum Beispiel vermeiden, dass man mit einer Hyperglykämie (zu hoher Blutzuckerspiegel) zwei bis drei Stunden Zeit verliert, bis man den Wert mit Insulin korrigiert hat und sich wieder fit fühlt.

Kohlenhydrate

konsequent berechnen Ultraschnell, sehr schnell oder schnell wirkende Insuline bieten der diabetesbetroffenen Person maximale Freiheit und Unabhängigkeit, da die Therapie auf das Essen abgestimmt wird. Eine bestimmte Menge an Insulin ist für eine bestimmte Menge an Kohlenhydraten festgelegt. Dann wird die Insulindosis für jede Änderung der Kohlenhydratmenge um 10 Gramm nach oben oder nach unten angepasst, abhängig vom Ausgangswert des Blutzuckerspiegels. Diabetesbetroffene des Typs 2 mit intermediär oder langsam wirkendem Insulin können die Insulinmenge nicht so einfach anpassen, da die Wirkdauer viel länger ist. Sie müssen deshalb eine regelmässige Menge an Kohlenhydraten zu sich nehmen. Bei der Therapie mit schnell wirkendem Insulin kann man fast alles essen, was man möchte. Doch: Falls zu viele Kohlenhydrate auf einmal verzehrt werden, ist die korrekte Insulineinstellung sehr kompliziert. Es scheint, als wirke das Insulin ab einer bestimmten Schwelle nicht mehr. Und sobald es wieder zu wirken beginnt, lässt es den Blutzuckerspiegel rapide absinken, sodass das Risiko einer Unterzuckerung entstehen kann. Daher sollte man die Kohlenhydrate konsequent berechnen. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Verpackungsinformationen lesen, Lebensmittel wiegen, Kohlenhydratersatz verwenden, Nährwerttabellen einsetzen, nützliche Apps auf dem Smartphone installieren usw. Sehr viel lernt man von Ernährungsberaterinnen und Ernährungsberatern, welche Diabetesbetroffene anleiten, damit diese rasch selbstständig zurechtkommen.

Den glykämischen Index im Blick behalten

Nicht alle Kohlenhydrate verhalten sich gleich. Ihre Wirkung hängt von der chemischen Struktur sowie vom Zusammenspiel mit den anderen Nährstoffen und Ballaststoffen (Nahrungsfasern) ab. Der glykämische Index gibt an, wie stark der Blutzuckerspiegel bei der Einnahme von 50 Gramm Kohlenhydraten eines Lebensmittels steigt und zwar verglichen mit dem Anstieg bei der Einnahme von 50 Gramm Traubenzucker (gilt als europäisches Referenzlebensmittel für Glukose). Je ausgewogener eine Mahlzeit ist – mit Proteinen, Kohlenhydraten, Gemüse, Fett – und je mehr Nahrungsfasern sie enthält, desto tiefer ist der glykämische Index. Dadurch bleibt der Blutzuckerspiegel stabiler und dessen Anstieg erfolgt sanfter. So führt die gleiche Menge an Kohlenhydraten mit einer Portion Linsen zu einem besseren Blutzuckerspiegel als mit einer Portion Teigwaren aus Weissmehl. Der glykämische Index ist nicht wissenschaftlich präzis, aber ein hochinteressantes Konzept, das man mit eigenen Erfahrungen ergänzen muss.

Der grosse Einfluss von Fetten und Proteinen

Lange ging man davon aus, dass Fette und Proteine (Eiweisse) den Blutzuckerspiegel nicht beeinflussen. Mit den neuen, kontinuierlich messenden Glukosesensoren wurde jedoch deutlich, dass dies vor allem bei einem Zuviel an Fetten und Proteinen nicht stimmt: Isst man mehr als 40 bis 60 Gramm Fett pro Mahlzeit, steigt der Blutzuckerspiegel drei bis fünf Stunden nach der Mahlzeit an. Dies hängt mit dem Anstieg der Triglyceride (Nahrungsfette) zusammen, welche die Insulinresistenz in der Leber sowie in den Muskel- und Fettzellen erhöhen. Isst man mehr als 40 bis 60 Gramm Proteine pro Mahlzeit, wirkt sich dies ähnlich aus wie bei zu viel Fett. Allerdings hängt die Wirkung nicht mit einer Insulinresistenz zusammen, sondern mit dem Ansteigen des Blutzuckerspiegels durch Umwandlung von Protein in Glukose, da der Körper überschüssiges Protein nicht benötigt. Fondue ist hierfür ein gutes Beispiel: Es enthält etwa dreimal so viel Fette und Proteine wie eine normale Mahlzeit und ist dadurch extrem schwer verdaulich. Spritzt man sofort Insulin, riskiert man eine Unterzuckerung, weil das noch unverdaute Brot im Magen von Proteinen und Fetten umgeben ist. Deshalb empfiehlt es sich, die Injektion hinauszuzögern oder in mehreren Schritten vorzunehmen, damit zum richtigen Zeitpunkt stets die richtige Insulinmenge im Körper verfügbar ist.

Vorsicht mit Alkohol

Alkohol sollte nur mit Mass konsumiert werden: zum Beispiel ein Glas Wein pro Tag. Bei übermässigem Alkoholkonsum besteht die grosse Gefahr einer Unterzuckerung, besonders wenn abends getrunken wird. Alkohol wird in der Leber abgebaut, die während dieses Vorgangs keine andere Funktion übernehmen kann und folglich im Fall einer Unterzuckerung keine Glukose produziert. Bei hohem Alkoholkonsum muss deshalb vor dem Schlafengehen unbedingt der Blutzuckerspiegel gemessen werden: Er sollte höher (etwa 10 mmol/l) liegen als gewöhnlich, um sicherzugehen.

FAZIT:

• Die Betreuung durch Fachpersonen (Arzt, Ernährungsberaterin, Pflegefachperson usw.) ist zentral. Durch eigene Erfahrungen, regelmässige Selbstkontrollen und gezieltes Fragen lernt man sich besser kennen und macht Fortschritte.

• Die FIT-Kurse (Funktionelle Insulintherapie für Diabetesbetroffene des Typs 1), die an verschiedenen Orten in der Schweiz durchgeführt werden, unterstützen diesen Lernprozess.

• Besonnen bleiben, Mass halten und durch neue Erfahrungen dazulernen.