Sweetener-Sachets

Die Sicherheit von Süssstoffen und ihre Vor- und Nachteile werden oft kontrovers beurteilt. Dabei haben sie gerade bei Diabetes eine besondere Bedeutung. Ein neuer Bericht der «European Food Safety Agency» fasste alle gegenwärtig verfügbaren Fakten zur Sicherheit von Aspartam, einem häufig verwendeten ­Süssstoff, zusammen.

Reaktionen eines Babies auf salzig, sauer und süss
Reaktionen auf verschiedene Geschmackrichtungen, von links nach rechts = (salzig, sauer, süss).
Abb. © Presses Universitaires de France, «le doux et l’amer», M. Chiva, 1985

«Süss» ist eine elementare Geschmacksqualität, und Geschmacksknospen für «süss» sind in Zunge und Rachen schon bei Neugeborenen entwickelt. Die Einnahme von «Süssem» vermittelt eine sensorische Qualität, die in der Regel als «angenehm» empfunden wird. Schon von Säuglingen weiss man, dass sie lieber Muttermilch mit ihrem leicht süsslichen Geschmack trinken als Milchprodukte ohne Zucker.
Klar ist, dass die Einnahme von Zucker in gesüssten Lebensmitteln zu einem Blutzuckeranstieg führt – je höher der Zucker- oder der Kohlenhydratgehalt in einer Mahlzeit ist, desto höher steigt der Blutzucker. Dieser Anstieg ist bei Diabetikern stärker als bei Stoffwechselgesunden. Zudem: Zucker enthält 4 Kalorien pro Gramm und kann somit eine Gewichtszunahme begünstigen. Gerade Personen mit Diabetes haben oft ein Interesse, diese beiden negativen Aspekte des Zuckerkonsums zu vermeiden und trotzdem nicht auf Süsses zu verzichten.
Kalorienarme Süssstoffe wie Aspartam, Cyclamat oder Saccharin scheinen nun die ideale Lösung: Sie sind zwei- bis dreihundert Mal süsser als Kristallzucker und nahezu kalorienfrei. Doch haben diese Süssstoffe im Publikum ein schlechtes «Image» – sie seien «ungesund», machen dick und können auch Krebs auslösen. Viele Medienberichte und Webseiten unterstützen diese Befürchtung, und es wird vom Konsum von Süssstoffen gewarnt. Neue Zweifel an der Sicherheit von Aspartam entstanden nach der Veröffentlichung einer US-Studie vom Jahr 2012, in der ein Zusammenhang zwischen Konsum und Auftreten von Lymph- und Knochenmarkzellkrebs beob­achtet wurde. Die Zunahme war zwar gering und betraf nur Männer, nicht Frauen. Es konnte nicht ausgeschlossen werden, dass dieser Zusammenhang ein zufälliges Ergebnis war. Des Weiteren zeigte eine im Jahr 2013 veröffentlichte Studie einen Zusammenhang zwischen Neuauftreten von Diabetes Typ 2 und Konsum von nicht-kalorischen Süssstoffen – wobei auch hier nicht klar war, ob Personen mit Veranlagung zu Diabetes oder Neigung zu Übergewicht häufiger solche Süssstoffe auswählten.
Auch bei Saccharin, dem am längs­ten bekannten Süssstoff, wurde nach der Fütterung von grossen Mengen bei Versuchstieren ein gehäuftes Auftreten von Blasenkrebs gefunden. Allerdings konnte ein solcher Zusammenhang beim Menschen nie bestätigt werden.
Neuere Süssstoffe, wie Steviaglycoside, sind bezüglich Sicherheit viel weniger untersucht. Viele Menschen bevorzugen Stevia als Süssstoff, weil sie der unbegründeten Ansicht sind, dass Steviaprodukte sicherer seien als herkömmliche Süssstoffe – doch gibt es über Stevia vergleichsweise viel weniger Untersuchungen.

Wie steht es mit der Sicherheit dieser Süssstoffe? Haben sie einen Einfluss auf den Blutzucker?
Es gibt Arbeiten, die zeigen, dass Süssstoffe nach einmaliger Verabreichung bei Stoffwechselgesunden einen kleinen Insulinanstieg hervorrufen. Dieser ist jedoch so gering, dass keine merkliche Veränderung des Blutzuckers stattfindet.

Kann man mit nicht-kalorischen Süssstoffen Gewicht reduzieren? Oder machen sie sogar «dick»?
Der Konsum von Süssstoffen ist kein Garant für eine Gewichtsabnahme – daraufhin weist schon die Tatsache, dass in den USA in den letzten Jahren die Anzahl übergewichtiger Personen ständig zunahm, während gleichzeitig immer mehr Süssstoffe konsumiert wurden.
Zwei qualitativ hochstehende Studien mit einem Doppelblindansatz zeigten, dass die normale Gewichtszunahme im Wachstum bei Kindern und Jugendlichen nach dem Verzicht auf Süssgetränke geringer war als bei der Gruppe von Kindern, die den Konsum von Süssgetränken fortsetzte.
Die erste im Jahr 2012 veröffentlichte holländische Studie untersuchte Kinder im Alter von vier bis elf Jahren, denen während 18 Monaten in der Schule entweder «normal» gezuckerte oder künstlich gesüsste Getränke abgegeben wurden. Weder Schüler noch Eltern wussten, was für Süssmittel in den Getränken vorhanden waren. Nach 1½ Jahren hatten die Kinder in der mit Zucker gesüssten Getränkegruppe 1 kg mehr an Gewicht zugenommen als Kinder in der Gruppe mit nicht-kalorischen Süssstoffen.
In der zweiten, im selben Jahr erschienenen US-Studie bei übergewichtigen Jugendlichen gelang es, den Anstieg des Gewichts bei Verzicht auf Süssgetränke und vermehrtem Konsum von zuckerfreien Getränken in einem Jahr um 1,9 kg zu verringern. Eine verminderte Gewichtszunahme bei übergewichtigen Kindern ist von grosser Bedeutung, da diese sonst später gehäuft einen Typ-2-Diabetes entwickeln. Entsprechende Doppelblindstudien bei Erwachsenen liegen nicht vor.

Was sagen nationale und ­internationale Lebensmittelbehörden zur Sicherheit?
Es sind kaum andere Lebensmittelzusatzstoffe so gründlich und kritisch bezüglich ihrer Sicherheit untersucht worden wie die Süssstoffe. Die euro­päischen und amerikanischen Lebensmittelbehörden kamen zum Schluss, dass sie im Rahmen von bestimmten Verzehrmengen grundsätzlich als unbedenklich zu beurteilen sind.
Ein neuer Bericht eines Expertengremiums der «European Food Safety Agency» EFSA, das die Sicherheit von Lebensmittelzusatzstoffen überprüft, über die Sicherheit von Aspartam wurde im Dezember 2013 publiziert. Die Sicherheitsüberprüfung basierte auf einer umfassenden Überprüfung aller verfügbaren Daten von Studien an Mensch und Tier durch ein internationales Gremium von Fachexperten.
Aspartam wird im Stoffwechsel zu kleinen Mengen von Phenylalanin und Aspartat – zwei Aminosäuren, die in natürlichen Proteinen vorhanden sind – und zu Methanol, einem Alkohol, abgebaut. Einen eventuell schädlichen Anstieg von Phenylalanin findet man erst bei sehr grossen Mengen Aspartam, bei 4 kg und mehr pro kg Körpergewicht.
Methanol ist ein Alkohol, der in kleinen Mengen in vielen Nahrungsmitteln wie Obst, Fruchtsäften und in Gemüsen vorkommt. Methanol wird zu Formaldehyd abgebaut, das in grösseren Mengen giftig ist und zu Schäden führen kann. Aus einem mit Aspartam gesüssten Getränk entstehen im Darm 35 mg Methanol. Zum Vergleich: Fruchtsäfte enthalten bis zu 140 mg Methanol pro Liter, und 1 dl Tomatensaft enthält 6-mal mehr Methanol als die gleiche Menge, die bei einem Aspartam-gesüssten Getränk entsteht! Niemand würde behaupten, dass das Trinken von Fruchtsäften gefährlich ist.
Aspartam in Mengen bis zu 40 mg/kg Körpergewicht wurde von der EFSA als unbedenklich befunden. Ein Liter eines Aspartam-haltigen süssen Getränks enthält typischerweise etwa 350 mg ­Aspartam.
Kein Aspartam sollen Patienten mit der sehr seltenen angeborenen Stoffwechselstörung Phenyl­ketonurie konsumieren.
Die EFSA-Experten kamen zum Schluss, dass die Einnahme von Aspartam im Rahmen der empfohlenen maximalen Verzehrmengen weder zu Schäden am Erbgut führe noch das Krebsrisiko erhöhe. Es habe keine negativen Wirkungen auf das Gehirn oder das Nervensystem und es beeinträchtige das Verhalten oder das Gedächtnis von Kindern oder Erwachsenen nicht. Bei einer Schwangerschaft bestehe keine Gefahr für das ungeborene Kind.

Fazit: kalorienarme Süssstoffe gelten als (fast) sicher
Sicher ist, dass sie nach dem Konsum keinen Blutzuckeranstieg verursachen. Sie haben somit einen besonderen Stellenwert bei Personen mit Diabetes, wenn diese gerne etwas Süsses essen oder trinken, ohne nachteilige Folgen auf den Blutzucker zu haben. Die Umstellung auf Süssstoffe garantiert keine Gewichtsabnahme, obwohl sie nahezu kalorienfrei sind. Zur Verminderung des Körpergewichts muss die gesamte Energie- und Kalorienbilanz negativ sein.
Der sicherste Rat zur Sicherheit der Süssstoffe ist: Wer an ihr zweifelt, soll auf sie verzichten!

Autor: Prof. Dr. med. Ulrich Keller, FMH Endokrinologie-Diabetologie