Hüfifirn – Sonnenaufgang auf dem Gletscher

Die Diabetikerfraktion stellen wieder Hampi (53) und ich (36). Beide sind Typ-1-Diabetiker, spritzen mit Pen und Messen mit dem Freestyle Libre. Hampi nutzt als Basalinsulin morgens und abends Lantus, ich spritze morgens Tresiba. Für die Kohlenhydrate ist bei beiden NovoRapid dabei.
Ich starte in einer eher «schlechten» Diabetesphase mit relativ hohem Insulinbedarf in die Hochtour. So freue ich mich, dass die intensive Bewegung und die dadurch geringeren Insulinmengen meine Insulinempfindlichkeit wieder in Schuss bringen. Das Basalinsulin (Tresiba) reduziere ich in zwei Schritten von 7 auf 4 E/Tag. Als Kohlenhydratspender kommen 3 Äpfel, 3 Brötli, Cracker, Dörrfrüchte und Schoggi mit.

Donnerstag, 6. September 2017
Morgens um 10.00 Uhr treten in Linthal sechs Gestalten aus dem Zug, die aussehen, als hätten sie Grosses vor: unsere Bergführerin Sina, Bea, Hampi, Stephan, Sven und Michi. Doch der Anfang gestaltet sich gemütlich: Postautofahrt bis Urnerboden, Käse kaufen und Seilbahn fahren. Dem Fisetengrat entlang wärmen wir uns auf einfachen Wegen bis zum «Rund Loch» auf, ein eindrückliches Loch im Boden von ca. 20 m Durchmesser. Als Zwischenziel steht der Gemsfairenstock mit knapp 3000 m auf dem Programm, welcher über ein von unten einfach aussehendes Firnfeld erklommen wird. Für Spannung sorgt aber ein Eisgrat von 25 cm Breite und 4 m Länge zwischen zwei Spalten, den wir in Fredy Nock-Manier bezwingen.
Die Bewegung sorgt trotz einiger Picknickpausen mit ca. 80 g Kohlenhydraten für einen spritzenfreien Tag und gute BZ-Werte.

Gemsfairen­gipfel: Hampi, Stephan, Bea, Sven und Michi auf dem Gipfel des Gemsfairen­stocks, Sina am Fotoapparat.

Auf der anderen Seite des Gemsfairen geht es zur Claridenhütte hinunter, welche im Nebel zwar nicht zu sehen ist, aber über einen ausgezeichneten akustischen Peilsender verfügt. Dieser heisst Grigio, hat vier Beine und bellt, als gäbe es kein Morgen. Freundlicherweise weisen Tafeln am Weg auf Grigios Eigenart hin, aber auch sonst erweist sich die Claridenhütte als äusserst gastfreundlich: Zweierzimmer, grosse Waschräume, eine Leseecke und ein feiner Znacht – Freude herrscht!
Zur grossen Lasagneportion gönne ich mir lediglich 3 E NovoRapid, wo normalerweise etwa 5 E angesagt wären. Da der Dessert Verspätung hat, rasselt mein BZ nach dem Essen in den Keller. Im letzten Moment mit 2,7 mmol/l bringt mich der feine Kuchen wieder ins Lot. Die Nacht verläuft mit super Werten. Hampi hingegen hat in der Nacht zu tiefe Werte und braucht noch etwas nächtliche Extranahrung. Mit nächtlichen Tiefs hatte er allerdings auch vor der Tour schon zu kämpfen.
Das Frühstück mit ca. 60 g KH kompensiere ich mit 2 E NovoRapid, die Basalrate bleibt bei 4 E. Hampi lässt den Frühstücksbolus gleich ganz bleiben.

Claridenhorngrat – Angespannte Momente auf bröckligem Grat
Claridenhorngrat – Angespannte Momente auf bröckligem Grat

Freitag, 7. September 2017
Heute sollte es nun auf den Clariden gehen. Der Abmarsch findet noch im Dunkeln statt, was mit einem wunderschönen Sonnenaufgang auf dem hartgefrorenen Gletscher belohnt wird.
Kaum losgelaufen, sind Hampi und ich auch schon wieder am Essen …
Doch ob der Aufstieg über den Südgrat ein weiser Entscheid war? Das Claridenhorn überrascht mit der Konsistenz eines Glarner Schabzigers: anschauen genügt, und schon bröckelt’s. So gestaltet sich die Kletterei nicht gerade entspannend, dafür lockt oben auf dem Grat ein atemberaubender Ausblick. Unter den Füssen einen bröckligen Grat, links und rechts hunderte Meter hinunter: Was dem geübten Klettermax einen lauen Endorphinschub verleiht, hatte für mich eher die Qualität einer Endzeitvision.
Meine angespannte Verfassung sorgt für einen konstant hohen BZ um die 8 mmol/l. Interessanterweise wirkt sich mentaler Stress bei Hampi in der Regel gegenteilig aus und senkt seinen BZ.
Da unsere Truppe auf dem Grat nicht gerade flott vorwärts kommt, müssen wir die Übung auch bald wieder abbrechen. Nach einer Abseilepisode und einem steilen Firnhang erreichen wir wieder den Hüfifirn. Also besteigen wir den Clariden nun über die einfachere Route von Osten her über das Firnfeld. Oben angekommen zeigt sich uns ein wunderbares Panorama! Der Abstieg präsentiert sich dann wieder als etwas für starke Nerven, mit ganz viel Nichts unter den Füssen, aber immerhin mit einer Kette gesichert. War es ein Scherz des Schicksals, dass uns mitten im gefühlten Desaster die komplette Bergrettung Lichtenstein entgegenkletterte? Mindestens 20 Jahre gealtert, mit leicht wackligen Knien und zünftig erleichtert überstehe ich aber auch diese Etappe.
Heute fanden bei mir seit dem Frühstück rund 100 g KH ihre Bestimmung, ohne dass ich spritzen musste. Auch Hampi konnte den Pen in der Tasche lassen.
In einem weiten Bogen gehen wir zurück zu unserem Materialdepot unter dem Claridenhorn, welches sich im Stil einer Fata Morgana jeweils hinter den nächsten Felsvorsprung «flüchtet». Nach rund elf Stunden auf den Füssen erwartet uns dann die Planurahütte. Diese steht auf fast 3 000 m über einem eindrücklichen Naturschauspiel, wo der Wind ca. 50 m breite und 30 m tiefe sichelförmige Schneisen zwischen Fels und Gletscher herausgearbeitet hat. Ganz im Gegensatz zur komfortablen Claridenhütte warten hier genau 1 Waschtrog und ein WC ennet der Terrasse auf die Besucher, doch Charme hat auch diese Hütte. Dem zuziehenden Wetter sei Dank musste eine grössere, per Heli (muss das sein?) eingeflogene Gruppe bereits am Nachmittag statt wie geplant am Samstag wieder abfliegen, so dass es in der Planurahütte bestens Platz hat. Das Nachtessen mundet vorzüglich, was doch immer wieder ein schöner Tagesabschluss ist.
Der Znacht ist zu fein, um Mass zu halten … Gute 100 g KH treffen auf 4 E NovoRapid, was bis zur Schlafenszeit um 21 Uhr für gute Werte sorgt. Kurz vor Mitternacht habe ich dann allerdings, nicht ganz unerwartet angesichts des «Riesen­znachts», über 13 mmol/l und spritze nochmals 1,5 E. Am Morgen passt wieder alles. Hampi hingegen frönte des Nachts wiederholt seiner Traubenzucker, um nicht zu tief zu kommen.
Da für morgen Samstag grössere Mengen Neuschnee ab Mittag angesagt sind, entscheiden wir uns, die hochalpine Region über das Iswändli zu verlassen und die Tour morgen frühzeitig auf dem Klausenpass zu beenden.

Samstag, 8. September 2017
Das Frühstück spritze ich mit 1,5 E knapp ab, Hampi lässt’s gleich ganz bleiben. So startet er zwar mit über 10 mmol/l in die heutige Tour, doch kommt er bei Bewegung jeweils schnell wieder runter. Das Tresiba erhöhe ich angesichts des vorzeitigen Abbruchs der Tour wieder auf 5 E.
Puh, windet das … Aber allzu kalt ist es nicht, der Föhn lebt noch, und so ist der Gletscher bereits morgens um 7.00 Uhr weich und nass. Schon bald geht’s zünftig bergauf, wobei einen der Wind beinahe den Hang hinauf bläst. Auf dem Chammlijoch rasten wir dick eingemummelt, bis plötzlich Sina wie von der Tarantel gestochen davonspurtet – ihr Helm flattert fröhlich über den Schnee davon! Jaja, auch Leichtbau hat seine Tücken … Schon bald weist mich das sich munter entkringelnde Seil darauf hin, dass ich am selben Faden wie Sina hänge, und so haste ich, in der linken Hand ein offenes Znüniböxli, in der rechten den offenen Rucksack, hintendrein. Mit einem filmreifen Hechtsprung wird des Ausreissers Ausflug beendet.
Auf der anderen Seite des Chammlijochs offenbart sich der Blick in die tiefen Lagen bis hinunter auf die Klausenstrasse. Noch scheint der Abstieg unendlich weit zu sein, doch mit jeder Minute wird die Umgebung weniger alpin, und noch vor Mittag kommen wir, zeitgleich mit dem einsetzenden Regen, auf dem Klausen an.
Der Diabetes ist bei Hampi wie bei mir soweit problemlos mitgewandert. Natürlich hatte der FreestyleLibre viel zu tun, was mit Klettergurt, Handschuhen und viel Wind gar nicht immer so einfach ist. Trotzdem ermöglichen die engmaschigen Messungen einen weitgehend sorgenfreien Umgang mit dem Diabetes, zumindest tagsüber. Das Verhalten in der Nacht ist für mich oft etwas überraschend, da die reduzierte Basalrate, die Höhe und die intensive Bewegung nicht den gewohnten Bahnen entsprechen. Leider hat die Tour meine Insulinempfindlichkeit nicht nachhaltig erhöht, da wäre wohl ein Tag mehr und etwas mehr Mass beim Nachtessen nötig gewesen.
Danke an alle für die schönen Tage!

Schweizerischer Dia Alpin Club

Die Organisatoren oder Tourenleiter laden rechtzeitig und ausführlich zu den Anlässen ein.
Der Schweizerische Dia Alpin Club lehnt jegliche Haftung ab, soweit dies nach zwingendem Recht zulässig ist. Versicherung ist Sache jeden Teilnehmers.
Interessierte können das Programm bestellen und Informationen einholen.

Hans-Peter Forster
Dietschwilerstrasse 5
9533 Kirchberg
Tel: 071 923 70 62
E-Mail: h.p.forster@bluewin.ch

Paul Thalmann
Mühlenstrasse 41
9030 Abtwil
Tel: 071 311 16 75
E-Mail: paul.thalmann@gaiserwald.net

Autor: Michael Baumgartner