Kirche in dxer Slowakei und Moschee in Marokko

Diabetes mellitus ist eine weit verbreite Erkrankung. Aktuell geht man von weltweit rund 425 Millionen Betroffenen aus. Heutzutage ist es für viele eine Selbstverständlichkeit, fremde Länder zu bereisen, und einige lassen sich für länger auch im Ausland nieder. Egal ob auf einer Ferienreise oder in einer neuen Heimat: Der Diabetes mellitus bleibt ein stetiger Begleiter, auf den gut geachtet werden muss. Trotz einiger internationaler Leitlinien fallen Unterschiede zwischen hier und anderswo auf. Wie erleben Betroffene aus dem Ausland den Umgang mit «ihrem» Diabetes in der Schweiz? Welche Unterschiede stechen im Vergleich zu ihrer Heimat hervor?

Gerne lassen wir hierzu zwei Experten zu Wort kommen. Beide leben seit mehreren Jahren mit Dia­betes mellitus Typ 1. Die Schweiz ist aber erst seit einigen Jahren ihr neuer Wohnort. Auch wenn sie aus verschiedenen Regionen dieser Welt stammen, verbinden sie zahlreiche Gemeinsamkeiten. In der Schweiz stellen sowohl Ludmila als auch ­Ridouan persönlich gefärbte Vergleiche zu ihren Herkunftsländern an.

Slowakei

Ludmila am Štrbské Pleso (deutsch Tschirmer See
Ludmila am Štrbské Pleso (deutsch Tschirmer See), ein Wintersport- und Kurort in der Hohen Tatra in der Slowakei.

Die Slowakei ist der Schweiz nicht unähnlich, gilt sie doch geographisch auch als Gebirgsland, geprägt von den Karpaten. Die Landesfläche ist nur wenig grösser als diejenige der Schweiz, mit 5,4 Millionen (2017) leben dort aber deutlich weniger Einwohner als bei uns. Die Slowakei ist nach Aufteilung der Tschechoslowakei seit 1993 ein eigenständiger demokratischer Staat und seit 2004 EU-Mitglied. Ein Diabetes mellitus findet sich bei rund 9,7 % (2017) der Erwachsenen (mehrheitlich wie weltweit v. a. Typ 2), somit ist dieser häufiger als in der Schweiz (rund 7,3%, 2017). Die Anzahl Kinder (unter 20jährig, 2017) mit einem Diabetes mellitus Typ 1 beträgt in der Slowakei 1400, wobei jährlich pro 100 000 bei 12,5 Kindern ein Diabetes mellitus Typ 1 diagnostiziert wird, was etwa mit der Schweiz vergleichbar ist.

Slowakei
«Mein Diabetes-Management hat sich in der Schweiz insgesamt positiv verändert», so fasst Ludmila die letzten drei Jahre zusammen. Mit 7 Jahren wurde in ihrer Heimat Slowakei (nicht zu verwechseln mit Slowenien) ein Diabetes mellitus Typ 1 diagnostiziert. Gleichzeitig litt das Mädchen an einer Windpocken-Infektion, und ein mehrtägiger Spitalaufenthalt in der Hauptstadt Bratislava wurde notwendig. Seither sind 25 Jahre vergangen. Ludmila wurde Primarlehrerin. Aufgrund des Stellenwechsels ihres Ehemannes zogen sie in die Schweiz. Die Verbesserung ihrer Blutzucker-Einstellung in der Schweiz führt Ludmila mitunter auf den Beginn einer Sensoranwendung in Kombination mit ihrer Insulinpumpe zurück. Die therapeutische Anwendung einer kontinuierlichen Glukosemessung (CGMS) sei in der Slowakei nicht weit verbreitet. Hingegen schätzte es Ludmila sehr, dass bei ihr zuhause die Krankenkasse den Kauf einer Insulinpumpe komplett übernahm, und nicht wie bei uns üblich ein Mietvertrag mit der Pumpenfirma eingegangen werden musste. Die slowakischen Krankenkassen-Prämien seien unter anderem abhängig vom Lohn, was als «gerechter» empfunden werde. Jedoch habe man keine Möglichkeiten, individuell durch Wahl verschiedener Modelle diese zu optimieren. «Hier kann ich meine Ärztin jederzeit z. B. per Email erreichen und erhalte in absehbarer Zeit eine Antwort», gibt sich die Slowakin erstaunt. Umso mehr, da sie es gewohnt war, keine genauen Zeitangaben für vereinbarte Konsultationen zu erhalten. Manchmal musste sie am besagten Tag stundenlang in der slowakischen Poliklinik auf ihre Dia­betologin warten. Die ärztliche Betreuung sei nun persönlicher, und man nehme sich in der Schweiz generell mehr Zeit. Positiv bewertet sie in der Slowakei die regelmässige Teilnahme an mehrtägigen Gruppenkursen in der Natur zum Thema Diabetes, organisiert durch den natio­nalen Diabetesverein (unserer Schweizerischen Dia­betesgesellschaft entsprechend). Vor zwei Jahren wurde Ludmila in der Schweiz Mutter eines gesunden Sohnes, wobei sie insbesondere während ihrer Schwangerschaft die engmaschige Diabetesbetreuung als sehr wichtig empfand.

Marokko

Ridouan in seiner Heimatstadt Larache (Nord Marokko)
Ridouan in seiner Heimatstadt Larache (Nord Marokko)

Marokko, im Westen von Nordafrika gelegen, ist zehnmal so gross wie die Schweiz und weist eine Einwohnerzahl (2016) von 35,8 Millionen auf (rund das 4fache der Schweiz). Vielen Touristen als Reiseziel bekannt, stand Marokko aufgrund des «arabischen Frühlings» in den letzten Jahren in den Schlagzeilen. Die politische Lage hat sich in der konstitutionellen Monarchie mittlerweile wieder stabilisiert.
Diabetes mellitus wird bei Erwachsenen etwa gleich häufig diagnostiziert wie bei uns, wobei wie mancherorts von einer grossen Dunkelziffer an Diabetes mellitus Typ 2 ausgegangen wird. Bei 26 von 100 000 Kindern wird pro Jahr ein Diabetes mellitus Typ 1 entdeckt, womit ein solcher in Marokko deutlich häufiger als bei uns und in der Slowakei aufzutreten scheint.

Marokko
Der 30jährige Ridouan stammt aus Marokko und lebt seit fünf Jahren in der Schweiz. Auch er wurde vor kurzem in der Schweiz glücklicher Vater eines Sohnes. Seine Schweizer Ehefrau hatte er bei der gemeinsamen Arbeit in einem Zirkus kennengelernt. Er arbeitet mittlerweile in einem Hotel, begegnet zahlreichen Reisenden aus aller Welt. Während eines heissen Sommers wurde bei ihm mit 19 Jahren aufgrund typischer Symptome wie vermehrtes Durstgefühl und häufiges Wasserlassen ein Diabetes mellitus Typ 1 festgestellt. Ridouan musste mehrere Tage in einem Krankenhaus verbringen und erlernte hierbei die Insulininjektionen und Blutzucker-Selbstmessungen. Als Basis spritzte er zweimal täglich ein Humaninsulin, worunter nicht selten Hypoglykämien resultierten. Auch Messstreifen waren damals in Marokko nur in begrenzter Anzahl vorhanden. Nach dem Umzug in die Schweiz wurde die bestehende Therapie durch ein Insulinanalogum ersetzt, wodurch bei ihm stabilere Werte resultieren. «Ich bin sehr dankbar für die vielen Möglichkeiten in der Diabetestherapie hier». Bedingt durch die wirtschaftliche Situation seien die Mittel im marokkanischen Gesundheitswesen sehr begrenzt. Eine Insulintherapie per Pumpe sei dort erst kürzlich möglich geworden, aufgrund der Kosten aber nur einigen wenigen vorenthalten. Von einer solchen möchte Ridouan auch in der Schweiz weiterhin absehen, da er als ehemaliger Artist und Leistungssportler auch die Kehrseite der Medaille kenne. Er sei sich bewusst, dass der Patient selber massgeblich für den Erfolg einer guten Diabetes-Einstellung verantwortlich sei. Der «Probemonat» mit einer Insulinpumpe habe ihn nicht überzeugt. Jedoch profitiert auch Ridouan in der Schweiz von einer kontinuierlichen Sensormessung, welche in seiner Heimat für die Mehrheit der Betroffenen unerschwinglich ist. Diabetologische Kontrollen fanden in Marokko maximal alle sechs Monate statt. Auch er musste oft lange auf den Arzt warten. «Ich fühle mich hier sehr gut betreut. Die aktuelle Therapie bedeutet für mich mehr Qualität in allen Bereichen», so fasst Ridouan seine Diabetes-Behandlung in der Schweiz zusammen.

Diabetes mellitus – hier
Von aussen betrachtet fallen sowohl der Slowakin als auch dem Marokkaner in unserem Schweizer System zahlreiche Vorteile auf. Nicht nur sind alle technischen Neuerungen betreffend die Therapie des Diabetes mellitus Typ 1, wie z. B. Insulinpumpen oder Sensoren, bei uns erhältlich und werden von der obligatorischen Krankenkassen-Grundversicherung anteilsweise übernommen. Auch die ärztliche Betreuung sei geprägt von guter Erreichbarkeit, Pünktlichkeit und einer hohen Professio­nalität. Alles Aspekte, welche beide unabhängig voneinander nennen. Als negativen Punkt fallen Ludmila wie auch Ridouan generell die hohen Gesundheitskosten auf. Gemeinsam ist beiden eine Dankbarkeit für den hohen medizinischen Standard in der Schweiz, der in vielen Ländern dieser Welt nicht selbstverständlich ist und nicht nur die Diabetesbehandlung betrifft.

Autor: Dr. med. Lea Slahor