Der Eintritt in ein Alters- und Pflegeheim ist für die meisten Menschen ein Schritt, der mit Unsicherheit verbunden ist. Für Menschen mit Diabetes stellen sich neben den persönlichen auch diverse medizinische Fragen. Der Geriater Dr. med. Sacha Beck rät zum offenen Dialog.
Die Bandbreite der Wohnformen im Alter ist gross, sie reicht vom Wohnen zuhause mit Spitex-Unterstützung über betreutes Wohnen bis hin zu Pflegeabteilungen. Ziehen Menschen mit Diabetes von Zuhause in ein sogenannt betreutes Wohnen, leben also körperlich und geistig relativ selbstständig, können sie oft ihr bekanntes Diabetesmanagement eigenständig weiterführen. Steigt allerdings der Betreuungs- und Pflegebedarf und es treten unter Umständen auch Einschränkungen der Kognition auf, ist oft eine engere pflegerische Betreuung in einem Alters- und Pflegeheim nötig, was für das Diabetesmanagement in vielerlei Hinsicht zu Veränderungen führt. Sacha Beck ist Facharzt für Altersmedizin (Geriatrie), Demenzspezialist und Heim- und Hausarzt in diversen Betrieben der Langzeitpflege und weiss: Wer im Alters- und Pflegeheim wenig Betreuung benötigt und kognitiv fit ist, kann seinen Diabetes auch im Heim anfangs oft selbstständig managen – begleitet von seinem bisherigen medizinischen Netzwerk. In solchen Fällen haben das Pflegeteam und er als Heimarzt wenig zu tun. Allerdings ist es oft nur eine Frage der Zeit, bis die Betroffenen Unterstützung im Diabetesmanagement benötigen. Weil die Menschen heutzutage zudem eher spät in eine Altersinstitution eintreten, wenn der Bedarf an Betreuung und Pflege bereits hoch ist, nimmt der Unterstützungsbedarf durch Betreuungsteams im Diabetesmanagement insgesamt zu.
Eine andere Sichtweise
Sacha Beck schätzt, dass rund 20% der Menschen in Alters- und Pflegeheimen Diabetes haben, allerdings nur ein kleiner Teil von ihnen Insulin benötigt. Bei oralen Medikamenten sind die Abläufe besser eingespielt, allerdings werden bei den Bewohnenden sekundäre Organschäden seltener systematisch überwacht. Dies, weil oft aufgrund vieler belastender Begleiterkrankungen und unterschiedlicher Behandlungsziele als in jüngeren Jahren sinnvolle Mittelwege in der Prävention gefunden werden müssen. Anspruchsvoller für die Institutionen ist die Betreuung jener Diabetesbetroffenen, die Insulin benötigen.
Sich auf Neues einlassen
Sind Menschen beim Heimeintritt so beeinträchtigt, dass die Pflege und Betreuung an Fachpersonen abgegeben werden muss, gilt es, sich auf ein neues Betreuungsnetzwerk einzulassen. Der Übergang sei für Betroffene und Angehörige, aber auch für die neuen Betreuungspersonen anspruchsvoll, weil das Setting und die Haltung im Heim anders seien, als das, was die Menschen bis anhin gehört und teilweise jahrzehntelang gewohnt waren. In der letzten Lebensphase verschieben sich die Behandlungsziele. Das Vermeiden von Hypoglykämien, eine machbare und sichere Umsetzung der Insulingabe und der Erhalt der Lebensqualität, stehen im Vordergrund, auch wenn dafür stärkere Blutzuckerschwankungen in Kauf genommen werden. Sacha Beck, der ebenfalls eine Praxis mit Fokus Gesundheit im Alter leitet, verortet hier einen Nachholbedarf im Diskurs unter den Fachpersonen und bei den Behandlungsleitlinien für Menschen in Heimen. Die Betagten haben oft viele verschiedene Krankheiten und Medikamente, sind kognitiv beeinträchtigt und gebrechlich. Er sagt: «Wir sollten stärker in Lebensphasen und den sich darin verändernden Behandlungszielen denken. Dies gilt auch für das Diabetesmanagement. In einigen Ländern wie den USA oder in Grossbritannien ist man diesbezüglich weiter. Dort existieren diverse spezifische Empfehlungen für die Diabetesbehandlung im Heim. Das ist hilfreich für Betroffene und Betreuende.»
Gemeinsam die bestmögliche Lösung finden
Gerade beim Heimeintritt ist viel Aufklärungsarbeit und Verständnis für die jeweiligen Sichtweisen angebracht. Es braucht die Unterstützung von verschiedenen Fachpersonen, um auszuloten, was möglich und umsetzbar ist, insbesondere bei kognitiven Einschränkungen wie Demenz. Nicht alles, was in den generellen Guidelines zur Diabetestherapie vorgesehen ist, sei auch im Heim realisierbar. Aber auch die Pflegenden ihrerseits müssten verstehen, was ein «gutes» Blutzucker-Monitoring beinhaltet. Sacha Beck plädiert dafür, Lebensqualität und die konkrete Umsetzbarkeit in den Fokus zu stellen und die HbA1c-Ziele bei Hochbetagten anzuheben. Wichtig ist, dass das auch von Betroffenen und Angehörigen akzeptiert wird. «Hier ist manchmal eine gute Aufklärung nötig», sagt Sacha Beck. Er erklärt: «Polypharmazie, Multimorbidität, Gebrechlichkeit und das Vorliegen von kognitiven Beeinträchtigungen beeinflussen die Therapieziele. Präventive Therapieziele geraten in den Hintergrund und verlieren an Bedeutung. Die Pflege und die Lebensqualität rücken in den Vordergrund und neben den Diabetolog:innen sind nun weitere Fachpersonen eingebunden.»
Frühzeitig Gespräche führen
Sacha Beck rät Betroffenen und ihren Angehörigen, frühzeitig das Gespräch mit den involvierten Ärztinnen und Ärzten zu suchen, wenn ein Heimeintritt ansteht. Auch die behandelnde Diabetologin oder der behandelnde Diabetologe sollte über den geplanten Heimeinzug informiert werden, um praktische Empfehlungen abgeben zu können. Der Einzug ist ein einschneidendes Ereignis und es ist sinnvoll, den Behandlungsplan für das Eintrittsgespräch vorzuskizzieren. Dies um gemeinsam festzulegen, was für die Pflege machbar ist – besonders hinsichtlich der aktuellen Technologien. Sacha Beck würde es zudem begrüssen, wenn ambulante endokrinologische Teams für komplexere Situationen in die Institutionen kämen und das Betreuungs- und Pflegepersonal beraten würden, wie es für andere Disziplinen wie Zahn- und Augenmedizin bereits üblich ist.
Aus eigener Erfahrung
Sacha Beck weiss wovon er spricht: Seine Mutter hatte Typ-1-Diabetes und trug einen Sensor. Im Heim wusste man bei Eintritt nicht, wie damit umzugehen ist, geschweige denn, wie man ihn wechselt. Sein Vater hat schlussendlich das Team im Wechsel geschult. Und das sei kein Einzelfall, wie er betont. Seiner Erfahrung nach sind die heutigen Closed-Loop-Systeme und deren Handhabung in den Heimen noch zu wenig bis gar nicht bekannt. Die Pflegefachpersonen im Heim seien eher mit der Messung am Finger vertraut, was dafür sehr zuverlässig klappe. Er findet, dass die Institutionen hier in den nächsten Jahren einen Schritt machen müssten. Vielleicht ist aber auch ein alternatives, einfacheres Messsystem denkbar. Denn die Tools sind nur dann hilfreich, wenn sie auch sicher angewendet werden können. Er rät daher, beim Eintrittsgespräch dieses Thema zu adressieren und zu diskutieren, ob ein Sensor angewendet werden kann oder ob ein einfacheres Messsystem besser wäre

