Weisse Tabletten, Antibiotika

Gehört: «Meine Erkältung will einfach nicht aufhören» beklagt sich die 58jährige Frau B., Typ-2-Diabetikerin seit vier Jahren. «Sollte ich nicht zur Sicherheit ein Antibiotikum nehmen, damit nicht noch etwas Ernsthaftes daraus wird? Mit meinem Diabetes bin ich ja sicher besonders gefährdet. Zudem möchte ich in zwei Wochen gesund in die Ferien verreisen können.»

Geantwortet: Nein, Frau B.! Damit würde ich Ihnen überhaupt nicht helfen. Im Gegenteil! Lassen Sie es mich erklären.
Beginnen wir mit dem Diabetes: Sie sind gut eingestellt und haben erfreulicherweise keine Folgeschäden der Krankheit. Ihre Infektgefährdung ist deshalb gleich wie bei Stoffwechselgesunden, und wenn Sie krank sind wie jetzt, kann sich der Körper ebenso gut selbst dagegen wehren. Nur bei deutlich erhöhten Blutzuckerwerten ist das Immunsystem nicht mehr voll funktionstüchtig. Die Fresszellen (Makrophagen) werden dann von der Glukose daran gehindert, sich gegen den «Angreifer» zu wehren. Auch Durchblutungsstörungen und Nervenschädigungen vermögen das Immunsystem zu schwächen. Bei Diabetesbetroffenen mit derart beeinträchtigter Abwehr wird deshalb von vielen Fachgesellschaften empfohlen, regelmässig eine Grippeimpfung durchführen zu lassen und sich zudem gegen eine Lungenentzündung mit Pneumokokken-Bakterien zu impfen. Niemand würde diesen Menschen aber quasi vorbeugend Antibiotika verordnen.
Erkältungskrankheiten inklusive Bronchitis und Mittelohrentzündung wie auch fast alle Grippeerkrankungen werden in der Regel verursacht durch Viren. Und gegen diese Viren sind Antibiotika gänzlich unwirksam. Dennoch werden bei solchen Krankheiten – wahrscheinlich in einem falschen Sicherheitsdenken – viel zu oft Antibiotika gegeben. Gemäss zurückhaltenden (!) Schätzungen sind ein Viertel bis zur Hälfte aller Verordnungen von Antibiotika falsch. Um die Ärzte in der richtigen Anwendung von Antibiotika zu unterstützen, hat die Schweizerische Gesellschaft für Infektiologie übrigens Verschreibungsrichtlinien erarbeitet.
Antibiotika korrekt, das heisst dort, wo sie wirklich nötig sind, eingesetzt, sind äusserst hilfreich. Sie können Leben retten. Es ist deshalb verständlich, dass gewisse Leute, auch Ärzte, die Meinung vertreten, diese Bakterientöter «lieber einmal zu viel als einmal zu wenig» einzusetzen. Abgesehen davon, dass auch Antibiotika – ernsthafte – Nebenwirkungen haben können, ist man in den letzten Jahren auf ein sehr ernsthaftes Problem aufmerksam geworden: Der zu häufige, oft unkritische Einsatz dieser Medikamente hat dazu geführt, dass gewisse Bakterien bedeutend schlechter oder gar nicht mehr auf Antibiotika ansprechen. Es sind sogenannte Antibiotikaresistenzen aufgetreten. Das ist selbstverständlich höchst unerwünscht und gefährlich. Wir sind deshalb alle – Ärzte und Betroffene – aufgefordert, sehr bewusst und sparsam mit Antibiotika umzugehen, um nicht irgendwann die Waffen im Kampf gegen bakterielle Infektionen zu verlieren.
Ich fasse für Sie kurz zusammen: Antibiotika wirken nur bei bakteriellen Infektionen, nicht gegen Viren (z. B. Grippe oder Erkältung). Verschiedene Erkrankungen benötigen unterschiedliche Antibiotika. Die körperliche Abwehr ist in vielen Fällen ausreichend, auch bei Ihnen, trotz des – gut eingestellten – Diabetes. Eine falsche, zu häufige Einnahme von Antibiotika kann zu Resistenzen führen. Sie wirken dann nicht mehr genügend oder gar nicht mehr.
Falls sich Ihre Erkältung unerwartet entwickeln sollte, zum Beispiel hohes Fieber oder Atemnot auftreten, was allerdings kaum befürchtet werden muss, dürfen und sollen Sie sich selbstverständlich nochmals in der Sprechstunde melden. Im Moment versuchen wir einfach, die Symptome der lästigen Erkältung zu behandeln.

Autor: Dr. med. K. Scheidegger