Frau liegt schlaflos im Bett

Gehört: «Schlafen Menschen mit Diabetes eigentlich schlechter? Ich habe manchmal das Gefühl, am Morgen nicht ausgeschlafen zu sein. Auch muss ich mich tagsüber immer wieder gegen den Schlaf wehren», berichtet der 60-jährige, übergewichtige Herr B., bei dem vor einem Jahr ein Diabetes mellitus Typ 2 diagnostiziert worden ist. Aktuell genügt eine Behandlung mit Metformin.

Geantwortet: Grundsätzlich ist es so, dass Diabetiker, die vor Diagnosestellung einen «gesunden, tiefen Schlaf» hatten, mit grosser Wahrscheinlichkeit auch weiterhin erholsam schlafen können. Und wer schon früher von Schlafstörungen gequält wurde, darf durch den Diabetes keine Besserung erwarten. Es gibt indes ein paar Situationen, die dem Diabetiker direkt oder indirekt den Schlaf stehlen können.

Nykturie – nächtliches Wasserlassen
Sicher erinnern Sie sich an den Ausbruch Ihrer Krankheit. Noch unerkannt und unbehandelt waren Ihre Blutzuckerwerte derart hoch, dass Sie viel mehr urinieren mussten, selbstverständlich auch nachts. Wird die sogenannte Nierenschwelle für Glukose, welche bei etwa 10 mmol/l Blutzucker liegt, deutlich überschritten, erhöht sich das Urinvolumen stark. Gleiches gilt zunehmend auch bei HbA1c-Werten über etwa 8 %. Eine Nykturie – nächtliches Wasserlassen – kann auch auftreten bei einer Herzinsuffizienz, unter einigen Medikamenten, v. a. harntreibenden Entwässerungspillen (Diuretika), und bei älteren Männern mit einer vergrösserten Prostata. Dass der Schlaf durch eine mehrmalige Nykturie empfindlich gestört werden kann, liegt auf der Hand.

Hypoglykämie
Unter einer Tablettenbehandlung mit Sulfonylharnstoffen oder Gliniden und bei allen insulinbehandelten Diabetikern können Unterzuckerungen auftreten. Die symptomatischen Hypoglykämien, die zu einem unsanften Erwachen führen, stören den Schlaf ganz offensichtlich. Entgegen einer weit verbreiteten Annahme haben aber viele Diabetiker, die Insulin spritzen, auch immer wieder nächtliche Unterzuckerungen, die «überschlafen» werden. Die Leber produziert den nötigen Zucker, damit die Betroffenen am Morgen wieder «normal» erwachen. Es kann aber durchaus sein, dass der Kampf des Körpers gegen den tiefen Blutzucker Spuren hinterlässt: Kopfschmerzen, allgemeine Abgeschlagenheit und Gereiztheit beim Erwachen können auftreten. Nächtliche Hypoglykämien können die Schlafarchitektur empfindlich stören, auch wenn sie primär unbemerkt verlaufen.

Schlaf-Apnoe-Syndrom
Im «d-journal» Nr. 187/07 haben wir ausführlich über diese Krankheit berichtet. Sie kommt gehäuft bei Diabetes vor, insbesondere bei übergewichtigen Typ-2-Diabetikern und bei langer Krankheitsdauer. Der wiederholte Kollaps der oberen Atemwege während des Schlafs führt zu einem Atemstillstand (Apnoe), der erst wieder durchbrochen wird, wenn der Sauerstoffgehalt im Blut stark absinkt und dadurch eine massive Stimulation der Atmung auslöst. Dieses häufige «Fast-Erwachen» stört den Schlafrhythmus extrem. Von einem Schlaf-Apnoe-Syndrom Betroffene leiden deshalb oft auch an einer ausgeprägten Tagesmüdigkeit, evtl. begleitet von Sekundenschlaf. Auf die richtige Fährte, diese Krankheit zu entdecken, kommt der Arzt oft über die Befragung der «Bettnachbarn». Der Schlaf ist unruhig. Lautes Schnarchen und längere Phasen von Apnoe lösen sich dauernd ab. Die Behandlung des Schlaf-Apnoe-Syndroms mit einem Überdruck-Atemgerät verbessert übrigens nicht nur den Schlaf und entsprechend die Tagesmüdigkeit. Es wird gleichzeitig auch die Insulinresistenz, eine häufige Begleiterin des Typ-2-Diabetes, reduziert.

… und ausserdem
Bekanntlich erkranken Diabetiker bis doppelt so häufig wie Stoffwechselgesunde an einer Depression. Auch darüber haben wir im «d-journal» schon berichtet (Nr. 200/09). Depressive Verstimmungen sind nicht immer offensichtlich und für jedermann erkennbar. Es können aber Müdigkeit, Antriebs- und Interesselosigkeit auftreten – und der Schlaf kann empfindlich gestört werden.
Die Nervenstörung der Beine und Füsse (periphere Polyneuropathie), eine mögliche (Spät-) Folge des Diabetes, kann sehr unangenehme Schmerzen verursachen, die typischerweise in Ruhe viel ausgeprägter sind als bei Bewegung. Weil die Schmerzen oft auf Medikamente ungenügend ansprechen, kann die Nachtruhe für Betroffene zu einer Qual werden.
Diabetiker müssen oft auch mit anderen Medikamenten behandelt werden, z. B. gegen erhöhten Blutdruck oder erhöhtes Cholesterin. Bei gestörtem Schlaf ist es Aufgabe des betreuenden Arztes, wohl am besten durch Auslassversuche einen Zusammenhang zwischen Medikamenten und Schlafstörungen auszuschliessen.

… und Herr B.?
Sie sind, lieber Herr B., zur Zeit gut eingestellt (HbA1c 6,7%). Metformin, mit welchem Sie den Diabetes behandeln, kann keine Unterzuckerungen auslösen. Andere Medikamente, insbesondere harntreibende, nehmen Sie keine. Der Schlaf wird nicht durch Schmerzen gestört. Einen depressiven Eindruck machen Sie nicht. Es ist aber, vor allem auch wegen des immer noch bestehenden deutlichen Übergewichts durchaus denkbar, dass Sie ein Schlaf-Apnoe-Syndrom haben. In diese Richtung müssen wir als Erstes abklären.

Autor: Dr. med. K. Scheidegger