Zöliakie – bei Typ-1-Diabetes daran denken!

«Es ist zum Verzweifeln», klagt der 35-jährige Herr K. in der Sprechstunde. «Irgendwie vertrage ich das Insulin nicht mehr. Nach dem Spritzen bekomme ich jeweils einen so stark geblähten Bauch, dass ich meinen Hosengurt öffnen muss.» Als erfahrene Diabetiker wissen Sie selbstverständlich so gut wie der betreuende Arzt von Herrn K., dass Insulin nie Blähungen verursacht. Andere Ursachen müssen gesucht werden. Eine Unverträglichkeit auf Ersatzzucker wie Sorbit – ein nicht seltener Grund für unangenehme Blähungen bei Diabetikern – kann es nicht sein. Herr K. meidet solche Speisen. Der Arzt weiss, dass Blähungen, manchmal verbunden mit Durchfällen und Bauchschmerzen, ein Hauptsymptom der Zöliakie, der Glutenunverträglichkeit, sein können. Er erinnert sich, dass die Zöliakie, auch einheimische Sprue genannt, gelegentlich zusammen mit einem Typ-1-Diabetes auftritt, veranlasst die entsprechenden Abklärungen – und: Wer sucht der findet! Trotz fortgesetztem Spritzen von Insulin, aber unter konsequenter glutenfreier Diät muss Herr K. seinen Gurt nach dem Spritzen von Insulin seither nicht mehr öffnen…

Zöliakie = Glutenunverträglichkeit
Die Zöliakie oder einheimische Sprue ist eine Erkrankung, bei der wegen einer Überempfindlichkeit auf Gluten die Schleimhaut des Dünndarms abgebaut wird. Es kommt insbesondere zu einer Zerstörung der Darmzotten, welche durch ihre spezielle Anordnung die Oberfläche der Darmwand sehr stark vergrössern, damit Nahrungsbestandteile wie Vitamine, Eisen, Kalzium und gewisse Eiweisse besser in den Körper aufgenommen werden können. Fehlen diese Darmzotten, kann es zu einer Mangelernährung mit den entsprechenden gesundheitlichen Problemen kommen.
Gluten ist ein Eiweiss, welches hauptsächlich in Weizen, Hafer, Gerste und Roggen vorkommt. Werden diese Getreideprodukte und andere glutenhaltige Nahrungsmittel konsequent aus dem Speisezettel gestrichen, können sich die Darmzotten wieder gänzlich normal aufbauen. Die Nahrung wird wieder normal aufgenommen. Die Betroffenen sind – solange sie sich an diese glutenfreie Diät halten – gesund und beschwerdefrei. Doch davon später.

Die Diagnose wird oft verpasst
Die Diagnose eines Beinbruchs oder auch einer Blinddarmentzündung ist wesentlich einfacher als diejenige der Zöliakie. Es gibt nämlich keine Symptome, welche spezifisch auf diese Krankheit hinweisen würden (siehe Tab. 1). Alle Beschwerden wie auch die körperlichen Befunde sind vage und können auch bei vielen anderen Krankheiten vorkommen. Nicht zu unrecht wird die Zöliakie deshalb zuweilen als ein «grosser Imitator» bezeichnet. Selbstverständlich ist es für den Arzt hilfreich, wenn die Patienten über die erwähnten Bauchbeschwerden klagen. Es ist allerdings gar nicht selten, dass diese Symptome gänzlich fehlen. Dem Schreibenden ist zum Beispiel der Fall eines damals ca. 50-jährigen Mannes bekannt, bei dem jahrelang über die mögliche Ursache einer Osteoporose diskutiert wurde. Obwohl er nie irgendwelche Bauchbeschwerden gehabt hatte, wurde schliesslich eine Zöliakie diagnostiziert! Andere Störungen bzw. Krankheiten, welche den Arzt hellhörig für das Vorliegen einer Zöliakie machen sollten, sind:

  • Unfruchtbarkeit (bei Frauen und Männern)
  • wiederholter Fruchttod (Abort)
  • unerklärbare Blutarmut (Anämie) bzw. fehlendes Ansprechen einer Blutarmut auf die Behandlung mit Eisentabletten
  • Herzmuskelschwäche
  • kreisrunder Haarausfall (Alopecia areata)
  • Fettleber (bei schlanken Menschen!)

Vererbung und Umwelt
Die Zöliakie, von der man früher glaubte, dass sie fast nur im Kindes- und Jugendalter diagnostiziert werde (siehe «D-Journal» 137/1999), ist auch bei Erwachsenen wesentlich häufiger, als früher angenommen wurde. Fachleute gehen davon aus, dass in der Schweiz jeder Zweihundertste eine Glutenunverträglichkeit hat. Frauen sind dreimal häufiger betroffen als Männer. Da die Krankheit bei eineiigen Zwillingen nur in ca. 70% gemeinsam vorkommt, spielen sehr wahrscheinlich neben der Vererbung auch Umweltfaktoren eine gewisse auslösende Rolle. Genaueres dazu wissen wir allerdings noch nicht.

Die Zöliakie ist eine Autoimmunkrankheit
Die einheimische Sprue gehört zu den Autoimmunkrankheiten. Es erstaunt deshalb nicht, dass Menschen mit Typ-1-Diabetes, der ja ebenfalls eine Autoimmunkrankheit ist, häufiger von einer Zöliakie betroffen sind als Nichtdiabetiker. Ca. 5% der Typ-1-Diabetiker haben auch eine Zöliakie. Ebenfalls ca. 5% aller Menschen mit Zöliakie haben gleichzeitig einen Typ-1-Diabetes. Zudem kommt die Zöliakie wie erwähnt familiär gehäuft vor – ob mit oder ohne Diabetes. Auch dazu ein eindrückliches Beispiel: Die Mutter eines 12-jährigen Mädchens mit Diabetes erkundigte sich nach möglichen Ursachen für wiederholte Bauchbeschwerden ihrer Tochter. Nachdem ihr die möglichen Symptome einer Zöliakie aufgezählt worden waren, wurde sie nachdenklich. Genau solche Symptome habe sie selber seit bald 20 Jahren. Die Untersuchung bestätigte die Diagnose einer Sprue bei der Mutter! Die Tochter war erfreulicherweise nicht betroffen! Weitere Autoimmunerkrankungen von Hormondrüsen (siehe auch «Autoimmunerkrankungen» von PD Dr. med. Beat Morell in «D-Journal» Nr. 151/2001), insbesondere der Schilddrüse oder der Nebennieren, sind ebenfalls assoziiert mit der Zöliakie.

Mögliche Symptome der Zöliakie

  • Gewichtsverlust
  • Durchfall
  • Fettstühle
  • Blähungen
  • unklare Bauchschmerzen
  • Appetitlosigkeit
  • allgemeine Schwäche
  • erhöhte Müdigkeit
  • trockene Haut
  • Blässe, Blutarmut
  • Blutungsneigung
  • Gelenkschmerzen
  • periphere Neuropathie
  • Aphthen im Mund

Diagnose
Die Diagnose einer Zöliakie ist sehr wahrscheinlich, wenn im Blut entsprechende Antikörper (Transglutaminase-Antikörper, Endomysium-Antikörper) nachgewiesen werden können. Ähnliches gilt ja auch beim Typ-1-Diabetes (Inselzell-Antikörper, GAD-Antikörper). Die Diagnose wird gesichert durch eine Gewebeprobe aus dem Zwölffingerdarm. Hier kann bei der Betrachtung unter dem Mikroskop die bereits erwähnte eindrückliche Zerstörung der Dünndarmzotten festgestellt werden.

Die Therapie ist «einfach»
Die klassische, äusserst wirksame Behandlung der Zöliakie ist der konsequente Verzicht auf alle Lebensmittel, welche Gluten enthalten. Wie im Erlebnisbericht (siehe Seite 12 in diesem Journal) eindrücklich beschrieben, ist es keine leichte Aufgabe, sich sowohl diabetesgerecht wie auch glutenfrei zu ernähren. Für Leute mit entsprechenden gesundheitlichen Problemen kann es aber trotz dieser Einschränkungen insgesamt einen Gewinn an Lebensqualität bedeuten, wenn sie ihre chronischen Beschwerden verlieren können. Ob sich auch Erwachsene mit einer Zöliakie an eine Diät halten sollten, wenn sie sich gänzlich gesund fühlen und keine Folgekrankheiten haben (Blutarmut, Osteoporose etc.; siehe oben), wird lebhaft diskutiert. Wahrscheinlich ist es nicht gerechtfertigt, sie viele Jahre einem derart strengen Regime zu unterwerfen, obwohl ohne Diät die Wahrscheinlichkeit, an einem Lymphdrüsenkrebs (v.a. des Darmes) zu erkranken, geringgradig erhöht ist.
Zu allem Überfluss haben zahlreiche Menschen mit einer Zöliakie anfänglich auch eine Milchunverträglichkeit (Lactoseintoleranz; siehe «d-journal» 170/ 2004). Erfreulicherweise können Milchprodukte nach dem Wiederaufbau der Darmzotten meist aber wieder ohne Beschwerden gegessen werden.

Die Prognose ist gut
Zwar ist die Diät aufwändig. Die Prognose der Zöliakie ist aber bei glutenfreier Ernährung auch langfristig sehr gut. Wenn die Darmschleimhaut sich normalisiert hat, was in der Regel nach einigen Monaten der Fall ist, können alle wichtigen Nahrungsbestandteile wieder normal aufgenommen werden. Da die Unverträglichkeit gegen das Klebereiweiss aber nicht verloren geht, muss die Diät lebenslänglich weitergeführt werden.

Dr. med. K. Scheidegger

Adressen:
Schweizerische Interessengemeinschaft für Zöliakie,
Birmannsgasse 20, 4055 Basel
Telefon 061 271 62 17
www.zoeliakie.ch,
Wir verweisen auch auf die in «D-Journal» Nr. 137/1999 erschienenen Artikel "Zöliakie bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes" und "Ernährungsberatung bei Zöliakie und Diabetes mellitus".
www.glutenfreie-rezepte.ch

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