Unterernährung im Land, wo Milch und Honig fliessen

In der Schweiz sind etwa zwei Millionen Menschen übergewichtig oder leiden an Fettsucht. Deshalb mag es auf den ersten Blick fremd anmuten, dass in unserem Land immer mehr von Unterernährung gesprochen wird. Täglich werden wir in der Presse, im Fernsehen oder mit der Post mit dem Problem der Unterernährung konfrontiert. Eigentlich ist es ein vertrautes Bild, darum kümmern wir uns kaum darum. Hunger und Tod sind aber doch das grösste Problem der Entwicklungsländer, oder?

Leider sieht der Alltag ganz anders aus. Aufgrund vieler Untersuchungen wissen wir, dass Unterernährung auch bei uns ein sehr häufiges Problem ist. Bei 20% bis 60% der Patienten im Spital wird Unterernährung beobachtet. Diese Unterernährung besteht bereits beim Eintritt ins Spital, sie wurde also zu Hause oder z.B. im Altersheim erworben. Nicht nur Krankheiten führen zur Unterernährung, sondern auch soziale Isolation und Vereinsamung vor allem älterer Mitmenschen. Da dieses Problem uns alle betrifft, möchte ich mit diesem Artikel die Leser sensibilisieren und das Thema der Unterernährung allgemein und nicht nur bezogen auf den Spitalpatienten darstellen.


Abb.1

Begriffsklärung Im Zentrum steht der Begriff der Fehlernährung (Malnutrition). Darunter verstehen wir z.B. die Überernährung, aber auch die Unterernährung. Im Schlaraffenland der vollen Supermärkte und im Zeitalter des Fastfood, ist die Möglichkeit, übergewichtig zu werden und an den damit verbundenen Folgeerkrankungen zu leiden, sehr gross. Mehr ist also nicht immer besser. Umgekehrt gehören einzelne Vitaminmangelzustände ebenso zur Fehlernährung wie die Unterernährung im engeren Sinne. Im Folgenden werden wir uns nur noch mit der Unterernährung auseinander setzen.

Diagnose der Unterernährung
Wenn wir die Frau auf der Abbildung 1 betrachten, wird für alle sofort klar, dass diese an einer sehr schweren Unterernährung leidet. Sie hat keine Fettreserven mehr und ihre Muskeln sind geschwunden. Der Körper ist völlig ausgemergelt und wir sehen nur noch «Haut über Knochen». Es können aber auch nur diskrete Zeichen der Unterernährung vorhanden sein, die leicht übersehen werden können oder welchen man keine Bedeutung beimisst. Die «Faulecke» (Abb. 2) am Mundwinkel kann ein erster Hinweis auf einen Vitamin-B-Mangel sein. Übermässiger Haarverlust oder Geschmackstörungen können auf einen Zinkmangel hinweisen.


Abb.2

Ein wichtiges Kriterium für die Diagnose einer Unterernährung stellt der ungewollte Gewichtsverlust dar. Wer mehr als 5% seines Körpergewichtes in einem Monat oder mehr als 10% im letzten halben Jahr verloren hat, erfüllt das Kriterium der Unterernährung. Häufig ist dieser Gewichtsverlust verbunden mit vermindertem Appetit.

Bin ich normalgewichtig oder untergewichtig?
Diese Frage kann man einfach beantworten, indem man das Körpergewicht auf seine Körpergrösse bezieht und den Körpermassenindex (Body Mass Index, BMI) berechnet. Das Körpergewicht in kg geteilt durch die Körpergrösse in m zum Quadrat ergibt den BMI.
Beispiel: Frau, 55 kg, 1,60 m gross ergibt einen BMI von 55 : 1,62 = 21,4 kg/m2.
Tabelle 1 zeigt die Einteilung des Körpergewichtes aufgrund des BMI. Nicht jeder Mensch, der einen BMI von unter 18,5 kg/m2 hat, ist auch krank. Es gibt Leute, die von ihrer Konstitution her immer schon so leicht waren. Dies hat keine Bedeutung, wenn man sich sonst wohl fühlt und einen guten Appetit hat. Umgekehrt kann es sein, dass fettleibige Menschen plötzlich nicht mehr richtig essen und abnehmen, ohne es zu wollen. Dieser unbeabsichtigte Gewichtsverlust stellt ein Warnzeichen dar und führt auch beim Übergewichtigen zur Unterernährung.

Wer entwickelt eine Unterernährung?
Alle, die nicht essen können, wollen oder dürfen. Sicherlich sind alle Leute gefährdet, die an einer schweren Erkrankung leiden. Aber nicht nur Kranke, sondern auch viele Gesunde sind vor der Entwicklung einer Unterernährung nicht geschützt. Die Bevölkerung wird immer älter, die Grossfamilie ist eine Seltenheit geworden, so dass die meisten älteren Leute ihren Lebensabend allein verbringen müssen. Soziale Isolation und Einsamkeit finden den Weg an den Kochherd nicht. Wenn man allein zu Hause ist, wird nicht täglich eine warme Mahlzeit zubereitet, man begnügt sich mit einem Teller Suppe und die Auswahl der Nahrungsmittel wird zunehmend einseitig. In einer Untersuchung konnte man z.B. feststellen, dass ältere Leute, bei denen man zu Hause den Kühlschrank praktisch leer fand, im nächsten halben Jahr viel häufiger ins Spital eingewiesen wurden, als solche, die einen grösseren Vorrat an Nahrungsmitteln aufbewahrten. Auch in Alters- und Pflegeheimen trifft man viele unterernährte Leute, obwohl hier eine adäquate Ernährung möglich sein müsste. Wichtig ist es, die Risikofaktoren für die Entwicklung einer Unterernährung wahrzunehmen oder aktiv nach diesen zu suchen. Tabelle 2 zeigt solche leicht erkennbaren Faktoren.

Die Bedeutung der Unterernährung
Unterernährung wirkt sich praktisch auf alle Organsysteme nachteilig aus. Durch die unzureichende Versorgung mit Nährstoffen verlieren auch die inneren Organe wie Herz, Bauchspeicheldrüse oder Atemmuskeln an Gewicht. Ihre Kraft und Funktion kann deshalb stark abnehmen, was zu verschiedensten Symptomen führt. Eine kleine Auswahl möchte ich im Folgenden kurz erwähnen. Es kann sich z.B. eine Herzschwäche entwickeln. Bereits kleine Anstrengungen führen zu Atemnot und Schwindel. Generell ist das Abwehrsystem gestört, was zu einer erhöhten Anfälligkeit für Infektionen führt.
Der Magen-Darm-Trakt produziert weniger Magensäure und Verdauungssäfte, was zu Durchfall führen kann. Weiter kann eine schnelle heftige Gewichtsabnahme die Körpertemperatur um 1 bis 2 °C senken. Dies kann zu Koordinationsstörungen und Verwirrtheitszuständen führen, verschlimmert die Muskelschwäche und erhöht vor allem bei älteren Leuten die Sturzgefahr. Offene Wunden, gefürchtet sind die Dekubitalgeschwüre am Gesäss, heilen schlecht und sie können gar zum Tod führen, wenn sie eitern. Unterernährte Patienten schliesslich ertragen Behandlungen schlechter, Nebenwirkungen treten häufiger auf und die Gefahr, an einer Krankheit oder Nebenwirkung zu sterben, ist bei schlechter Ernährung deutlich höher als bei Patienten mit einem guten Ernährungszustand. Schliesslich darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Unterernährung Angst-, Spannungszustände und depressive Verstimmungen auslöst und somit auch das seelische Wohlbefinden massiv beeinträchtigt.

Tabelle 2
Risikofaktoren für die Entwicklung einer Unterernährung

  • Eingeschränkte Gehfähigkeit
  • Totale Immobilität
  • Kaustörungen
  • Appetitmangel
  • Schluckstörungen
  • Demenz
  • Alleinstehend
  • Kann nicht mehr Fleisch schneiden

 

Unterernährung kostet Geld, viel Geld Nach verschiedenen Schätzungen verursacht Unterernährung (diese Angaben gelten nun für Spitalpatienten) in den USA Mehrkosten in der Grössenordnung von 35 bis 75% und die Aufenthaltsdauer wird um bis zu 90% verlängert. Eigene Untersuchungen zeigten ebenfalls eine direkte Beziehung zwischen längerer Aufenthaltsdauer und Mehrkosten, verursacht durch Unterernährung. Unterernährung ist also ein bisher nicht beachteter Grund der Kostensteigerung im Gesundheitswesen. Diese Tatsache sollten neben den Fachleuten auch die Politiker in Zukunft zur Kenntnis nehmen.

Quintessenz

  • Die Unterernährung ist nicht nur ein Problem der Dritten Welt.
  • Auch im Land, in dem wahrlich immer noch Milch und Honig fliessen, sehen wir viele Leute mit zum Teil ausgeprägter Unterernährung.
  • Unterernährung ist eines der am meisten vernachlässigten Probleme im Gesundheitswesen.
  • Unterernährung erhöht die Krankheitsanfälligkeit und die Sterberaten.
  • Unterernährung erhöht die Gesundheitskosten.
  • Mit einer adäquaten Ernährungstherapie kann die Komplikationsrate gesenkt werden.
  • Durch eine bessere Zusammenarbeit zwischen allen Partnern im Gesundheitswesen kann Unterernährung früher erkannt und behandelt werden.

Dr. med. Reinhard Imoberdorf
Co-Chefarzt Medizinische Klinik
Winterthur

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