Schokolade und kardiovaskuläre Wirkung

Als der Kakao im 16. Jahrhundert durch die Spanier aus Amerika nach Europa importiert wurde, hat er zuerst nur zögerlich am Hofe verschiedener Königshäuser Eingang gefunden, im weiteren Verlauf aber immer mehr auch den Geschmack der breiten Bevölkerung erobert. Kakao wird aus den Bohnen der Kakaofrüchte extrahiert. Im Jahr 2006 betrug der Pro-Kopf-Verbrauch an Schokolade in der Schweiz 11,9kg pro Jahr. (www.chocosuisse.ch)

Kakaobaum mit Fruchthülsen in verschiedenen Reifestadien (Hawaii). Jede Frucht enthält mehrere Kakaobohnen.

Schokolade – vom Gesundheits-Standpunkt aus betrachtet
Die Meinung, dass es sich bei Schokolade um ein Genussmittel, gar eine Sünde gegen die Gesundheit handelt, ist weitgehend bekannt. Sowohl Ärzte als auch Zahnärzte machen den ausgiebigen Schokoladekonsum für das vermehrte Vorkommen von Zahnkaries sowie Übergewicht mit dessen Folgen wie Bluthochdruck und Zuckerkrankheit mitverantwortlich. In den letzten Jahren mehrten sich jedoch Hinweise dafür, dass diese süsse Verführung durchaus auch positive Effekte haben kann. Diese werden auf Substanzen aus Kakao-Extrakten zurückgeführt, die eine günstige Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System aufweisen.

Beobachtungen bei einem Indianerstamm
Von Kuna-Indianern (Abb. 1), welche auf der San-
Blas-Inselgruppe vor der Ostküste Panamas leben, ist bekannt, dass sie im Alter keinen Bluthochdruck entwickeln. Bei der Erforschung ihrer Lebensgewohnheiten fiel auf, dass sie sich täglich von grossen Mengen mit Salz angereichertem Kakao ernährten. Weitere Untersuchungen ergaben, dass sich darin neben Magnesium und Theobromin sehr hohe Flavanoid-Konzentrationen finden. Flavanoide haben eine natürliche antioxidative Wirkung, das heisst sie können die schädliche Oxida-tion wichtiger körpereigener Eiweisse verhindern und dadurch deren Funktionalität erhalten. Die Gesamtwirkung hochreaktiver Oxidantien (sog. Sauerstoffradikale)  im Organismus wird als oxidativer Stress bezeichnet und konnte mit Zellalterung und Entwicklung von Arteriosklerose in Verbindung gebracht werden (siehe auch den Beitrag im «D-Journal» Nr. 168/2004 «Sauer-stoff – Lebensspender und Lebensvernichter»).

Der Flavanoidgehalt ist entscheidend
In verschiedenen Schokolade-Arten wurden unterschiedlich hohe Flavanoid-Konzentrationen gemessen. Je höher der Kakao-Gehalt in der Schokolade ist, desto grösser ist auch die jeweilige Konzentration an Flavanoiden. Dunkle Schokolade enthält verglichen mit Milchschokolade oder gar weisser Schokolade, die nur die Kakaobutter aus den Kakaobohnen enthält, am meisten Flavanoide. Die Beimischung von Milch, wie z.B. in Milchschokolade, schwächt jedoch den positiven Effekt der Flavanoide markant ab.  

Positive Effekte von dunkler Schokolade auf Gefässzellfunktion, Blutdruck und Insulinsensitivität
In einer neueren Studie wurde durch den Genuss von dunkler, nicht jedoch von weisser Schokolade in der Vorderarmzirkulation eine Verbesserung der Gefässfunktion sowie eine Verringerung der Plättchen-Aktivierung erreicht. Durch weniger aktivierte Blutplättchen wird das Thromboserisiko gesenkt und die Gefässverkalkung verlangsamt. Beide Effekte kommen vermutlich über eine Verringerung des oxidativen Stresses und in der Folge verbesserten Erschlaffung der Gefässwände zustande (Abb. 2). Überraschenderweise entdeckte eine italienische Forschungsgruppe sogar, dass bei Gesunden und bei Patienten mit Bluthochdruck durch den Konsum von schwarzer Schokolade das Ansprechen der Zellen auf Insulin (Insulin-Sensitivität) und die Glukosetoleranz verbessert werden können. Weisse Schokolade führte im Gegensatz dazu zu keinen Veränderungen.
Eine weitere Studie konnte placebokontrolliert demonstrieren, dass bei Patienten mit normalem oder leicht erhöhtem Blutdruck selbst kleine Mengen schwarzer Schokolade (6,3 Gramm pro Tag, entsprechend etwa einem Täfelchen), 18 Wochen lang täglich eingenommen zu einer Senkung des Blutdrucks führen.
Diese positiven Effekte der Schokolade widerspiegeln sich sogar in der Sterblichkeit ihrer Konsumenten. In der «Zutphen Elderly Study», welche 470 ältere Männer und deren Essgewohnheiten über 15 Jahre beobachtete, war ein hoher Kakaokonsum mit geringerem Auftreten von Bluthochdruck und einer geringeren Sterblichkeit vergesellschaftet.

Abb.1: Kuna-Frau auf den San-Blas-Inseln.
Abb.2: Effekte von Schokolade auf die Endothelfunktion (links) und die Plättchenadhäsion (rechts). Zwei Stunden nach Einnahme von schwarzer, nicht jedoch weisser Schokolade (weisse Balken vor Konsum, schwarze Balken zwei Stunden nach Konsum) verbessert sich die fluss-induzierte Gefässerweiterung (FMD) und die Plättchenadhäsion nimmt ab.

Schokolade ist nicht gleich Schokolade
Die Vorteile von flavanoidhaltiger Schokolade, die in den verschiedenen Studien Verwendung fand, können nicht auf die Gesamtheit der Schokoladeprodukte übertragen werden. Denn bei deren Herstellung kommt es in der Regel zu einer markanten Flavanoid-Abnahme, sodass in den gängigen Schokoriegeln und schokoladeartigen Pausensnacks nur noch wenig Flavanoide enthalten sind.
Den jüngeren positiven Wirkungen der Schokolade stehen immer noch die seit Längerem bekannten Nachteile gegenüber. In einer Zeit, in der Übergewicht in den Industrienationen endemische Ausmasse annimmt, gilt es zu bedenken, dass auch eine zusätzliche Kalorienzufuhr in Form von flavanoidhaltiger Dunkelschokolade entweder durch Sport abgearbeitet oder an anderer Stelle eingespart werden muss, um eine mindestens unveränderte Energiebilanz zu behalten.
Die Schokolade ist also auf dem Weg, rehabilitiert zu werden, bedenkenlos ist ihr uneingeschränkter Konsum indessen nicht.

Dres med. Daniel Périat, Isabella Sudano,
Andreas Flammer, Georg Noll, Roberto Corti,
Kardiovaskuläres Zentrum,
Universitätsspital Zürich

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