Restless-Legs-Syndrom

«Seit längerem habe ich in meinen Füssen immer wieder ein Taubheitsgefühl gehabt», berichtet der 56-jährige Herr P. H., Typ-2-Diabetiker seit 10 Jahren. «Auch habe ich manchmal empfunden, meine Füsse würden brennen. Die Haut fühlte sich unangenehm an. Mein Arzt hat von einer diabetischen Polyneuropathie gesprochen. Diese sei – für sich allein – zwar manchmal unangenehm aber nicht gefährlich. Vor ein paar Monaten ist nun alles viel schlimmer geworden. Gegen Abend und vor allem in der Nacht habe ich einen grossen Bewegungsdrang in meinen Unterschenkeln und Füssen. Sobald ich mich hinlege oder auch nur absitze, beginnt es. Ich habe dann auch ein schlecht beschreibbares ‹komisches Gefühl› in meinen Beinen. Es ist, als wenn die Muskeln überlastet wären. Dabei habe ich in letzter Zeit eher zu wenig Bewegung ge­habt. Zunehmend bekomme ich nun auch Probleme mit dem Schlaf».

Der Hausarzt von Herrn H. ist durch den Verlauf der Beschwerden verunsichert. Er überweist den Patienten einem Neurologen. Dieser stellt nach ­einer genauen Befragung der Symptome und einer gründlichen Untersuchung der Beine und Füsse die Diagnose eines sekundären «Restless-Legs-Syndroms» und verordnet Herrn H. ein Medikament. Nach kürzester Zeit verschwinden die Beschwerden. Der Schlaf wird wieder besser. Das Taubheitsgefühl allerdings bleibt.
Der «neudeutsche» Begriff Restless-Legs-Syndrom (RLS) bedeutet übersetzt «Syndrom der ruhelosen Beine». Es ist dies ein Syndrom, welches durch die vier unten aufgelisteten Kriterien definiert wird. Das RLS hat in den letzten Jahren einige Beachtung erhalten, weil es viel häufiger vorkommt als früher vermutet. Zu Recht wird darauf hingewiesen, dass die Häufigkeit heute teilweise aber auch überschätzt wird, wenn der Schweregrad der Störung nicht auch mitberücksichtigt wird. Wenn die diagnostischen Kriterien z. B. nur im Anschluss an einen anstrengenden Langstreckenflug erfüllt sind, hat dies selbstverständlich noch keinen eigentlichen Krankheitswert! Bedeutsam ist sicher das Auftreten der typischen Beschwerden an mindestens zwei Tagen pro Woche oder die Klage des Patienten über eine verminderte  Lebensqualität. Eine sehr detaillierte Abstufung des Schweregrades ist mit dem «internationalen RLS-Score» möglich (http://www.restless-legs.ch/de/fragebogen.cfm).
Es kann im Einzelfall schwierig sein, die Diagnose eines RLS korrekt zu stellen, insbesondere wenn zusätzliche Krankheiten wie eine Polyneuropathie oder ein enger Spinalkanal vorliegen. Weder Laboruntersuchungen noch Spezialuntersuchungen der Nerven zeigen irgendwelche Besonderheiten. Typischerweise ist auch die körperliche Untersuchung völlig normal. (Bei unserem Patienten findet man aber selbstverständlich Zeichen einer Polyneuropathie). Am Wichtigsten ist die ganz genaue Befragung.
Entscheidend sind folgende vier «essentielle Kriterien»:

  • Es besteht ein grosser Drang, die Füsse/Beine zu bewegen, oft verbunden mit «komischem» Gefühl, das typischerweise in den Muskeln ­lokalisiert wird.
  • Zunahme der Beschwerden in Ruhe, ­v. a. im Sitzen und Liegen.
  • Deutliche, oft rasche Besserung bei Bewegung.
  • Auftreten hauptsächlich in den Abendstunden und in der Nacht.

Folgende «supportive und assoziierte Kriterien» können die Diagnose unterstützen:

  • Bei über 50 % der Betroffenen mit primärem RLS findet sich eine positive Familienanamnese: Nahe Verwandte haben bereits unter dieser Störung gelitten.
  • Während des Schlafs kommt es zu häufigen (unwillkürlichen) Beinbewegungen, in der Regel über 15 Mal pro Stunde
  • Der Nachtschlaf wird zunehmend gestört. Dies betrifft über 90 % der Patienten.
  • Bei 60 % der Betroffenen wird gleichzeitig eine Depression oder eine Angststörung diagnostiziert.
  • Die Untersuchung der Beine/Füsse ist – wie bereits erwähnt – gänzlich unauffällig.
  • Patienten mit einem RLS sprechen meistens auf eine Testdosis eines geeigneten Medikamentes sehr rasch und gut an.
Herumlaufen kann hilfreich sein, die Beschwerden zu lindern. Helfen kann auch, andere, nicht betroffene Körperteile zu bewegen – z. B. die Hände beim Stricken.

Wir unterscheiden zwei Formen von RLS: Das primäre RLS ist eine erbliche (genetische) Störung im Zentralnervensystem, bei der vermutlich der Botenstoff Dopamin vermindert gebildet wird. Das RLS kommt zwar insgesamt häufiger im Alter vor – insbesondere bei Frauen –, kann aber durchaus bereits in der Kindheit auftreten. Das sekundäre RLS tritt auf als Folge einer zugrunde liegenden Störung. Am häufigsten findet man es bei Pa­tienten mit Eisenmangel, mit Nierenerkrankungen und mit einer Polyneuropathie. Auch kommt das sekundäre RLS nicht selten in einer Schwangerschaft vor. Der Schweregrad dieser Störung ist, wie bereits erwähnt, sehr unterschiedlich. Bei einigen Betroffenen treten Symptome nur ganz sporadisch auf, z. B. im Anschluss an eine lange Reise; andere haben täglich ausgeprägte Beschwerden, die zu schweren Schlafstörungen führen können.
Unser Herr H. hat höchstwahrscheinlich eine sekundäre Form des RLS. Die zugrunde liegende Störung bei ihm ist eine diabetische Polyneuropathie, eine der «klassischen» Folgeerkrankungen des ­Diabetes.
Aus dem Gesagten lässt sich ableiten, dass aufwändige (und teure) Zusatzuntersuchungen zur Diagnosestellung meistens unnötig sind. So ist es höchst selten angezeigt, die Patienten im Schlaflabor weiter abzuklären. Selbstverständlich muss beim Verdacht auf ein sekundäres RLS eine entsprechende Blutuntersuchung veranlasst werden. Eisen, Vit. B12, Folsäure, Nierenfunktion etc. sollten untersucht werden.
Wie bei vielen anderen Störungen sollte selbstverständlich auch beim Restless-Legs-Syndrom versucht werden, die Beschwerden mit natürlichen Mitteln zu bekämpfen bzw. mögliche auslösende Faktoren zu vermeiden. Neben dem oft hilfreichen Herumlaufen kann es nützlich sein, andere, nicht betroffene Körperteile zu bewegen. So hilft zum Beispiel das Stricken (mit den Händen) den Bewegungsdrang in den Füssen zu lindern. Auch das Reiben der betroffenen Stellen oder kalte bzw. heis­se Bäder können günstig sein. Der allgemeinen Schlafhygiene ist Beachtung zu schenken. So sollte in den Abendstunden konsequent auf Alkohol und Koffein verzichtet werden. Gewisse Medikamente können ein RLS verstärken.
Oft lässt es sich nicht vermeiden, das RLS mit Medikamenten zu behandeln. Dies ist insbesondere dann angezeigt, wenn die Lebensqualität durch die Beschwerden, durch die Schlafstörungen oder durch die sich daraus ergebende Tagesmüdigkeit beeinträchtigt wird. Zum Einsatz kommen in erster Linie Medikamente, die uns vertraut sind von der Behandlung des Parkinson-Syndroms. Erstaunlicher- und erfreulicherweise sprechen über 90 % der Betroffenen schnell und nachhaltig auf geringe Dosen dieser Medikamente an. Bei lange dauernder Therapie kann es allerdings zu einer erneuten Zunahme der Symptome kommen. Dann ist in der Regel die Erfahrung des Spezialisten gefragt.
Selbstverständlich hoffen wir, dass möglichst ­wenige Diabetiker – mit oder ohne Polyneuropathie – vom lästigen Restless-Legs-Syndrom betroffen werden, oder dass ihnen dank der korrekten Diagnose therapeutisch geholfen werden kann.

Dr. med. K. Scheidegger
Mit Hinweisen von Prof. J. Mathis
Zentrum für Schlafmedizin des Inselspitals Bern


Internet-Adressen zum RLS:
www.restless-legs.ch  •  www.rls.org  •  www.wemove.org/rls

www.ksm.ch/broschueren/RestlessLegs.pdf

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