Prävention und Gesundheitsförderung im Alltag

«Sie haben Diabetes, nun müssen Sie halt etwas gesünder leben!» «Gesünder leben: ja gerne, aber wie? Wenn es nur nicht so schwierig wäre, würde ich es sofort tun!»
Wer kennt sie nicht, diese Aussagen, wenn es ums Thema Diabetes geht. Aber gesund leben heisst nicht einfach «weniger essen und sich mehr bewegen».
Ein gesunder Lebensstil wird Menschen nicht zufällig geschenkt; er hat sehr viel mit dem Verhalten jedes Einzelnen zu tun, aber auch mit der Umgebung, in der die Menschen leben.

Etwas Theorie zum Anfang
Die Prävention hat zum Ziel, bestimmte Krankheiten oder gesundheitliche Probleme zu verhindern oder zu vermindern. Sie setzt also die Vorbeugung von Krankheiten ins Zentrum ihrer Aktivität. So wird beim Diabetes durch eine gute Einstellung versucht, diabetische Folgeschäden zu vermeiden. Prävention ist auf allen Stufen von Krankheiten sinnvoll: Wenn gewisse Risikofaktoren vorliegen, wenn noch keinerlei Folgen einer Erkrankung sichtbar sind bis zu bereits schwerwiegenden Folgeschäden. Immer wird es bei Diabetes durch eine besser eingestellte Stoffwechsellage eine Linderung der Folgeschäden geben. Der Gedanke hinter der Prävention lautet: «Ich tue etwas, damit ich Folgeschäden vermeide».
Gesundheitsförderung hat dagegen einen anderen gedanklichen Ansatz im Hintergrund. Die Gesundheitsförderung setzt die Gesundheit ins Zent­rum des Denkens, sie möchte primär die Gesundheit stärken und so indirekt Krankheiten im Allgemeinen verhindern. Der Gedanke dahinter lautet: «Ich tue etwas, damit ich gesund bleibe und es mir gut geht».

Verhaltensprävention
Individuelles Verhalten kann jeder Einzelne gut steuern und ist sehr wichtig bei der Prävention und Gesundheitsförderung. Was kaufe ich ein? Wie viel esse ich? Wie verbringe ich meine Freizeit? Welchen Risiken setze ich mich aus?

Verhältnisprävention
Für die Gesundheit der Bevölkerung ist jedoch auch die Qualität der Umgebung von entscheidender Bedeutung. So haben unter anderem folgende Punkte einen Einfluss:
•    Wie ist die Luftqualität und die Wasserqualität?
•    Werden qualitativ hochstehende Nahrungsmittel zu vernünftigen Preisen angeboten?
•    Gibt es Naherholungsräume, in denen ich mich aufhalten kann?
•    Können sich Kinder auf Spielplätzen austoben?
•    Gibt es sichere Rad- und Fussgängerwege usw.
Hier spricht man von Verhältnisprävention. Sie ist von einzelnen Menschen nur bedingt beeinflussbar; sie ist die Aufgabe von Gemeinden, von den Kantonen oder vom Bund.

Was bedeutet das für den Alltag?
Prävention und Gesundheitsförderung im Alltag heisst, sich bewusst und geschickt mit dem Thema Gesundheit auseinanderzusetzen. Wie will ich vernünftiger essen, wenn ich die Nahrungsmittel und ihre Zusammensetzung nicht richtig kenne? Mir nützt die beste Ernährungsberatung nichts, wenn ich sie im Alltag nicht umsetzen kann. Genau so ist es mit der Bewegung; körperliche Aktivität muss bewusst in den Alltag integriert werden, sonst ist sie nicht nachhaltig.

Gute Betreuung ist das A und O
Die Auswahl der richtigen Betreuer und Begleiter bei Gesundheitsthemen ist sehr wichtig. Es gibt sehr gute Fachpersonen und leider, wie überall auch, weniger gute. Es ist essentiell, sich mit Leuten zu verbinden, die über ein gutes Fachwissen verfügen, eine bodenständige und vernünftige Art haben und ihr Wissen patientenfreundlich vermitteln können. Die Auswahl von richtigen Fachpersonen ist für Laien nicht immer ganz einfach. Diabetespatienten haben da sicherlich einen Vorteil, wenn sie sich bei einem Diabetologen und in seinem Netzwerk behandeln lassen.

Essen ist die halbe Gesundheit
Obwohl Menschen mit Diabetes heute alles essen dürfen, gibt es immer noch ein paar Regeln zu beachten. Diese muss der Patient lernen. Manchmal ist es ganz schön schwierig, sich daran zu halten: Folgende Tipps helfen Ihnen vielleicht:
•    Überlegen Sie sich, was gesunde und gute Nahrungsmittel für Sie sind.
•    Machen Sie sich einen kleinen Plan von gesunden Menüs, die Sie wirklich gerne essen.
•    Kaufen Sie immer nur Nahrungsmittel, die auf der «erlaubten» Liste stehen.
•    Kochen Sie frisch und verwenden Sie so wenig als möglich fertige Nahrungsmittel.
•    Essen sie regelmässig alle «guten» Nahrungsmittel (Die Nahrungsmittel­pyra-­ mide kann Ihnen da helfen).
•    Essen Sie auch auswärts vernünftig.
•    Zwischendurch darf auch etwas «Unvernünftiges» genascht werden, es soll aber die Ausnahme sein. Verbote bewirken bei vielen ein unwiderstehliches Bedürfnis, das Verbotene zu bekommen.
•    Vielen hilft es auch, gewisse Sachen ganz aus dem Alltag zu streichen, zum Beispiel dem Manager, der bei seinen vielen Geschäftsessen aus Prinzip nie ein Dessert nimmt.

Bewegung ist auch die halbe Gesundheit
Gerade bei Diabetes ist die Bewegung von zentraler Bedeutung für eine gute Stoffwechselkontrolle. Die Bewegung in den Alltag zu integrieren, ist für manche eine echte Herausforderung. Aus einem bewegungsträgen Menschen muss kein Hochleistungssportler werden, bereits kleine Veränderungen im Bewegungsverhalten bringen viel. Hier ein paar Tipps:
• Suchen Sie eine Sportart oder eine Bewegung aus, die Ihnen Spass macht, nur so können Sie sie auch über längere Zeit und mit Freude ausüben. Auch Tanzen ist Bewegung! Überlegen Sie, wie Sie den Sport in den Alltag integrieren.
• Überlegen Sie, ob Sie lieber alleine oder in einer Gruppe aktiv sein wollen.

Aber auch im Alltag, zu Hause oder am Arbeitsplatz ist eine regelmässige Bewegung möglich:
• Nutzen Sie immer wieder die Gunst des Augenblicks, gehen Sie bei schönem Wetter an die frische Luft; Bewegung in der freien Natur tut gut.
• Gönnen Sie sich auch immer wieder eine Abwechslung, damit es nicht langweilig wird.
•    Fordern Sie sich immer wieder etwas heraus. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man gegen sich selber gewinnt.
•    Gehen sie im Alltag nicht immer den einfachsten Weg: Sie können die Treppe nehmen, zu Fuss einkaufen, im Garten arbeiten usw.
•    Strecken Sie sich immer mal wieder und atmen Sie tief ein und aus.

Die nähere und weitere Umgebung hat auch einen Einfluss
Die Auswahl und Gestaltung der Umgebung hat auch einen Einfluss auf die Gesundheit. Leider kann sie normalerweise nicht so einfach verändert werden. Die persönlichen Räume sind sehr wichtig. In einem Schlafzimmer und einem Bett, in dem Sie sich wohl fühlen, schlafen Sie normalerweise besser als in einem ungemütlichen Umfeld. Genauso wichtig ist das Wohlbefinden in den eigenen vier Wänden. Hier können Sie selber gestalten und Einfluss nehmen. Es lohnt sich auch, in einer Nachbarschaft zu leben, die die Gesundheit eher fördert als hemmt. Sichere Strassen und Grünflächen in der Umgebung sind eine Wohltat und ermöglichen Aktivitäten im Freien.

Sich selber treu bleiben
Prävention und Gesundheitsförderung im Alltag zu leben ist manchmal ganz schön schwierig. Die Erfahrung zeigt, dass Menschen, die den positiven Effekt einer gesunden Lebensweise verspüren, ganz selbstverständlich gesünder leben. Manchmal gibt es Rückfälle, die an die Nerven gehen können. Versuchen Sie dann einfach, sich selber treu zu bleiben und den Gewinn durch die bessere Gesundheit in den Vordergrund zu stellen.

Andrea Merkel-Hoek,
eidg. dipl. Apothekerin ETH/MPH