Pflanzliche Heilmittel gegen Diabetes

«Ich möchte meine Krankheit möglichst natürlich behandeln» ist der Wunsch vieler Menschen, die an Diabetes erkrankt sind. Dabei wird leider nur selten daran gedacht, dass die Grundlage jeder guten Diabetestherapie absolut natürlich ist: Wer wollte bestreiten, dass eine gesunde, ausgewogene Ernährung mit viel frischen, saisongerechten Produkten und regelmässige körperliche Aktivität auch strenge Kriterien einer natürlichen Behandlung perfekt erfüllen? Indes: Der Wunsch nach einem gesunden Lebensstil ist oft grösser als der Wille, die dazu nötigen Schritte umzusetzen.

In den letzten Jahren haben auch viele andere, ebenfalls als «natürlich» geltende Behandlungsformen das Armentarium medizinischer Therapien erweitert. Stellvertretend für alle seien erwähnt: Akupunktur, traditionelle chinesische Medizin, Ayurveda, Atlaslogie, Aromatherapie, Osteopathie und selbstverständlich die Homöopathie. In den USA geht man davon aus, dass über ein Drittel aller Menschen mit Diabetes neben der klassischen schulmedizinischen Behandlung auch auf alternative Therapieformen vertrauen. In der Schweiz wird dies nicht wesentlich anders sein.
In der folgenden Übersicht werden wir uns allerdings ausschliesslich auf die Phytotherapie beschränken, die Behandlung des Diabetes mit pflanzlichen Essenzen und eventuellen Nahrungszusätzen und -ergänzungen. Gute Studien zu anderen alternativen Behandlungen gibt es ohnehin fast keine. Und einfach über das Hörensagen berichten möchten wir an dieser Stelle nicht.

 

Probleme bei den meisten bisherigen
Studien mit pflanzlichen Heilmitteln:

 

  • retrospektive statt prospektive Untersuchungen (d.h. zuerst werden Patienten behandelt, dann wird eine Studie daraus gemacht. Korrekt: Zuerst Studienprotokoll erstellen, dann Patienten behandeln)
  • zu kleine Zahl von Probanden in der Studie
  • keine korrekte «Verblindung» (kein Vergleich mit Placebo [= Scheinmedikament] bzw. Patient und Arzt wissen, ob das richtige Medikament eingenommen wird oder das Scheinmedikament)
  • keine korrekte Randomisierung (die Patienten werden nicht nach dem Los-Prinzip der Behandlungsgruppe oder der Placebogruppe zugeteilt)
  • Fehlen einer Vergleichsgruppe, welche die gleichen Voraussetzungen hat

 

Wenig Studien – wenig Wissen
Obwohl seit Jahrhunderten in Gebrauch – insbesondere in China, Indien, Südamerika und bei zahlreichen Indianerstämmen in den USA –, gibt es indes auch bezüglich der Wirksamkeit von Pflanzen auf den Diabetes erstaunlich wenig gesichertes Wissen. Dies hat wohl unter anderem damit zu tun, dass in den Industrienationen niemand ein wirkliches Interesse hat, teure Studien durchzuführen mit Pflanzen, von welchen immerhin soviel bekannt ist, dass ihre Wirkung diejenige der uns zur Verfügung stehenden Medikamente nicht erreicht.
Es soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass insbesondere die Pharmaindustrie durchaus ein reges Interesse hat an Pflanzen mit blutzuckersenkendem Effekt. So wurde zum Beispiel das Metformin (Glucophage®) ursprünglich abgeleitet von der seit langem in der Behandlung des Diabetes bekannten Galega officinalis (echte Geissraute). Auch heute dient die Natur immer noch als Vorbild für die Entwicklung neuer Medikamente. Die von manchen Leuten gemachte strikte Unterscheidung zwischen natürlichen und chemischen Substanzen ist deshalb in mancher Hinsicht recht fragwürdig.
Es gibt noch zahlreiche weitere Hindernisse auf dem beschwerlichen Weg, gute Studien mit pflanzlichen Heilmitteln durchzuführen. Erwähnt sei unter anderem:

  • Die Standardisierung pflanzlicher Produkte ist nicht so strikte geregelt wie in der «klassischen» pharmazeutischen Industrie. Die meisten pflanzlichen Produkte unterliegen nicht den strengen Kriterien bezüglich Herstellung, Konzentration und Reinheit, wie sie für Medikamente gelten. In zahlreichen Ländern braucht es für pflanzliche Heilmittel nicht einmal eine behördliche Zulassung, weil sie dort als Nahrungsergänzung und nicht als Medikamente taxiert werden.
  • Das Alter einer Pflanze, der Zeitpunkt des Pflückens, die klimatische Lage des Anbaufeldes, die Methoden des Trocknens und der weiteren Verarbeitung sind möglicherweise von nicht geringem Einfluss auf die erwünschte Wirkung. Dazu gibt es aber weder allgemeine Richtlinien noch eine Deklarationspflicht.
  • Es ist nicht gesichert, dass eine hoch gereinigte pflanzliche Substanz die gleiche Wirkung zeigt wie eine mehr naturbelassene, die noch zahlreiche andere Stoffe enthält.
  • Unterschiede zwischen vermeintlich gleichen Pflanzen können bedeutsam sein. So kommt zum Beispiel koreanischer, japanischer, sibirischer und amerikanischer Ginseng nicht von der gleichen Pflanze. Die entsprechenden Studienresultate sind nur bedingt vergleichbar. (Wer aber weiss dies wirklich beim Kauf von Ginseng-Präparaten?)
  • Die unterschiedliche Ernährung in verschiedenen Ländern macht es sehr schwierig, Resultate von Studien mit Nahrungsergänzungen gültig zu vergleichen. Mangelzustände können zu andern Resultaten führen als eine genügende, ausgewogene Grundnahrung (z.B. latenter Chrommangel der Bevölkerung in China, nicht aber in den USA).

Planzen mit nachgewiesener Wirkung Eine Gruppe amerikanischer Autoren hat sich die Mühe genommen, alle in englischer Sprache erschienenen Studien zur Wirkung von pflanzlichen Heilmitteln und Nahrungs-Supplementen zusammenzufassen. Dies bedeutet natürlich, dass diese Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann, da gewisse Resultate aus Ländern mit regem Gebrauch von Phytotherapeutika wie China und Indien hier nicht berücksichtigt sind. Allerdings werden allgemein interessierende Studien heute fast durchwegs (auch) in englischen Zeitschriften veröffentlicht. Diese Autoren haben insgesamt 108 Studien ausgewertet. Untersucht wurden dabei 25 verschiedene Pflanzen, 11 Kombinationspräparate und 9 Vitamine bzw. andere Nahrungsergänzungen. Nur gut die Hälfte davon entsprachen den Kriterien einer «guten» Studie (siehe Tabelle 1). Die meisten betrafen den Typ-2-Diabetes, 4 den Typ-1-Diabetes und 12 Untersuchungen fanden an gesunden Personen statt. Die gemessenen Parameter betrafen den Nüchternblutzucker, den Blutzucker nach dem Essen, das HbA1c, den Glukosetoleranztest (Zuckerbelastungs-Test) oder den Insulinspiegel. Für folgende 9 Substanzen ist die Datenlage so, dass von einer nachgewiesenen Wirkung gesprochen werden kann:

Coccinia indica (Efeukürbis)
In grossen Teilen des indischen Subkontinentes wild wachsende Pflanze; findet Verwendung vor allem in der traditionellen Ayurveda-Medizin. Eingesetzt wird hauptsächlich ein Pulver aus getrockneten Blättern der Pflanze. Es steigert wahrscheinlich die Insulinausschüttung. Nebenwirkungen sind nicht bekannt.

Trigonella foenum (Bockshornklee)
gehört zu den Leguminosen. Wird angebaut in Indien, Nordafrika und rund um das Mittelmeer. Sein blutzuckersenkender Effekt wird vor allem den Samen zugeschrieben, welche zum Beispiel im Brot verarbeitet werden können. Die Wirkung erfolgt zumindest teilweise über eine Verzögerung der Kohlenhydrataufnahme aus dem Darm. Auch bei Trigonella foenum sind keine Nebenwirkungen bekannt.

Panax quinquefolium (amerikanischer Ginseng)
Verwendet werden hier die Wurzeln, bevorzugt von etwas älteren Pflanzen. Verschiedene Mechanismen scheinen zur Blutzuckersenkung beizutragen. Nebenwirkungen sind selten und mild. Dem Ginseng werden noch viele andere positive Eigenschaften zugeschrieben: verbessertes allgemeines Wohlbefinden, mehr Energie, bessere Konzentrationsfähigkeit, Stimulierung des Immunsystems etc.

Opuntia streptacantha (Feigenkaktus)
ist ein Kaktus, der hauptsächlich im Südwesten der USA und in Mexiko wächst. Sein hoher Fasergehalt verzögert die Resorption der Kohlenhydrate im Darm. Nebenwirkungen scheinen kaum vorzukommen.

Gymnema sylvestre, eine Rebenart
wächst an Bäumen der tropischen Wälder in Indien. Ist auch gut bekannt in der ayurvedischen Medizin. Die Wirkmechanismen sind unklar. Ein insulinstimulierender Effekt muss aber mit vorhanden sein, weil die Blätter von Gymnema sylvestre bei gänzlichem Fehlen von eigenem Insulin nicht wirken.

Aloe vera ist eine Wüstenpflanze,
am besten bekannt für ihre wundheilungsfördernden Wirkungen. Zum Einsatz gelangt in erster Linie ein Gel, welches gewonnen wird aus dem Innern der Blätter. Der Wirkungsmechanismus ist unbekannt. Nebenwirkungen sind in den erwähnten Studien nicht aufgetreten.

Momordica charantia ist ein tropisches Gemüse,
bekannt auch als Balsambirne oder Bittermelone. Kann auf verschiedene Weise, z.B. als Fruchtsaft, eingenommen werden. Wahrscheinlich tragen mehrere Mechanismen zur Blutzuckersenkung bei. Auch von Momordica sind keine Nebenwirkungen bekannt.

Chrom
als bekanntes Spurenelement ist unerlässlich zur Aufrechterhaltung eines normalen Glukosestoffwechsels. Es spielt eine Rolle für das richtige Funktionieren der Insulinrezeptoren. Die Studien über Chrom als Nahrungs-Supplement zeigen unterschiedliche Resultate. Dies mag damit zu tun haben, dass die günstigen Resultate vor allem aus China stammen, dessen Bevölkerung möglicherweise leicht unterversorgt ist mit Chrom.

Vanadium
ist ein Spurenelement, von dem man nicht sicher weiss, ob es für den Menschen wirklich nötig ist. Jedenfalls ist ein Vanadiummangel beim Menschen nicht bekannt. Vanadium scheint insulinähnliche Effekte zu haben. Vanadium führt oft zu Übelkeit, Flatulenz und Durchfall.
Diese Phytotherapeutika und Nahrungsergänzungen können selbstverständlich nicht vorbehaltlos als sinnvolle und effektive Behandlungsmöglichkeiten des Diabetes angepriesen werden. Sie sind bestenfalls in Erwägung zu ziehen als begleitende Behandlung. Ihr längerfristiger Einsatz scheint ungefährlich zu sein. Für alle erwähnten Substanzen wäre es aber absolut wünschenswert, dass weitere Studien mit einer genügend grossen Zahl von Patienten und über genügend lange Zeit durchgeführt würden.

Bedeutung der Phytotherapeutika
Eine Anzahl weiterer Pflanzen und Nahrungsergänzungen wurden ebenfalls geprüft, ihr blutzuckersenkender Effekt ist indes eher fraglich oder aber ganz fehlend: Allium sativum (Knoblauch), Allium cepum (Zwiebel), Ocimum sanctum (Heiliger Basilikum), Bauhinia forficata (Brasilianischer Orchid-Baum), Myrcia uniflora, Ficus carica (Feigenbaum), Silibum marianum (Mariendistel), Magnesium, Vitamin E und a-Liponsäure.
Zu Kräutermischungen, wie sie gerne verwendet werden, z.B. in der traditionellen chinesischen Medizin, der tibetanischen Medizin und der indianischen Heilkunde, fehlen Studien fast gänzlich oder sind nur in der Originalsprache publiziert.
Selbstverständlich werden im Alltag noch viele andere pflanzliche Essenzen in der Therapie des Diabetes eingesetzt, vorwiegend in Form von Teemischungen, wie z.B. Heidelbeerblätter, Bohnenblätter etc. Gegen deren Gebrauch ist prinzipiell nichts einzuwenden. Irgendetwas trinken sollten wir ja ohnehin… Allerdings ist die tatsächliche Wirkung dieser Tees sehr viel geringer als die erhoffte (und oft auch angepriesene). Der nicht selten stolze Preis solcher Teemischungen ist deshalb in der Regel nicht gerechtfertigt.
Das Vorgehen der Amerikanischen Diabetesgesellschaft (ADA) in Bezug auf pflanzliche Heilmittel für den Diabetes ist unserer Meinung nach vernünftig:

  • Es wird betont, dass Diabetiker, welche sich gesund ernähren, ein sehr geringes Risiko haben, in irgendeiner Form mangelernährt zu sein. Für alte Leute, strenge Vegetarier und Diabetiker, welche während längerer Zeit eine stark hypokalorische Diät durchführen, wird als Nahrungsergänzung ein Multivitaminpräparat empfohlen.
  • Generelle, positive Empfehlungen für den Einsatz von pflanzlichen Heilmitteln werden nicht gemacht. Dafür ist der Wissensstand immer noch zu dürftig, die Wirksamkeit der Phytotherapeutika zu gering.
  • Grossen Wert legt man auf die Sicherheit der Behandlung. Man empfiehlt, nur eindeutig deklarierte Produkte mit bekannter Herkunft, welche keine sensationellen Anpreisungen enthalten, zu kaufen.
  • Die ADA fordert die Diabetiker, welche sich mit Phytotherapeutika behandeln, auf, dies nicht «im Geheimen» zu tun, sondern mit dem betreuenden Arzt zu besprechen. Ebenso ermahnt sie ihre Mitglieder, die «schulmedizinische» Behandlung nicht ohne Kenntnis des Arztes abzubrechen.

Dem ist eigentlich kaum noch etwas beizufügen ausser: Eine gesunde, ausgewogene Ernährung verbunden mit regelmässiger körperlicher Aktivität ist eine ausgezeichnete, natürliche Therapie des (Typ-2-) Diabetes mellitus.

Dr. med. K. Scheidegger

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