Zu Risiken und Nebenwirkungen – Lesen Sie den Beipackzettel oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker

Bestimmt kennen Sie diesen Satz, er wird in ­jeder Werbung am Fernsehbildschirm eingeblendet und gesprochen, er steht auf jedem Plakat, das ein Arzneimittel anpreist. Freiwillig fügen die Firmen ihn nicht ein, es ist vorgeschrieben, auf die Neben­wirkungen und Risiken von Medikamenten aufmerksam zu machen.

Vorgeschrieben wird der Hinweis von der Arzneimittel-Werbeverodnung (AWV) zum Heilmittel­gesetz (HMG).
Der Gesetzgeber hofft, dass sich der Patient informiert, die Packungsbeilage des Medikamentes liest und sich bei einer Fachperson beraten lässt. Damit sollen unerwünschte Wirkungen vermindert und die Sicherheit für die Patienten erhöht werden.
So weit so gut, nur hat das Ganze auch Tücken.

Lesen und verstehen
Der Patient muss die Packungsbeilage lesen können. Sie als Leser/-in dieses Journals können lesen. Wir haben jedoch in der Schweiz sehr viele Menschen, die nur knapp lesen können. Aktuelle Zahlen sprechen von 800 000 Menschen in der Schweiz mit funktionalem Analphabetismus (Leseschwäche und Schreibschwäche). Bei den 55- bis 75-jährigen sind über 20 % betroffen. Es sind vor allem Leute aus den tieferen sozio-ökonomischen Schichten, und diese sind statistisch gesehen auch häufiger krank und haben einen schlechteren Gesundheitszustand als Menschen mit einem höheren Bildungsstatus.
Falls jemand nun den Packungszettel lesen kann, muss er ihn auch verstehen können. Die Arzneimittel-Werbeverordnung verlangt, dass der Beipackzettel verständlich geschrieben sein muss. ­Medizinische Probleme verständlich zu schreiben ist jedoch ausserordentlich schwierig. Bei einem Medikament zur Verdünnung des Blutes steht zum Beispiel bei den Nebenwirkungen, dass es zu Magenbeschwerden kommen könne. «Magenbeschwerden» ist ein breiter Begriff, der viel umfassen kann.
Falls unser Patient den Beipackzettel verstanden hat, muss er ihn auch auf seine persönliche Situa­tion übertragen können. Wenn er zum Beispiel nach der Einnahme dieses Medikamentes Magenbeschwerden bekommen hat, sind diese wirklich auf das Medikament zurückzuführen?

Informieren und absichern
Das Abfassen eines Beipackzettels zur Patienten­information ist eine Gratwanderung. Einerseits muss der Inhalt korrekt sein und für einen Laien verständliche  Informationen zum Medikament enthalten. Andererseits ist er auch eine Absicherung für die Firma, die das Medikament vertreibt. Wenn nun bei der Einnahme des oben erwähnten blutverdünnenden Medikamentes Magenbeschwerden auftreten, dann kann die Firma darauf hinweisen, dass die Nebenwirkung in der Packungsbeilage beschrieben ist. Auch Swissmedic, die Schweizerische Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Heilmittel, verlangt eine ausführliche Beschreibung von möglichen ­Nebenwirkungen und Risiken von Medikamenten. Bei der Zulassung eines Medikamentes durch die Swissmedic werden gleichzeitig auch die Beipackzettel und die Informationen für die Fachpersonen geprüft.

Information um jeden Preis?
Beim Packungsprospekt geht es darum, die Patien­ten zu informieren, aufzuklären und mögliche Risi­ken zu mini­mieren. Gleichzeitig besteht aber das Risiko, dass die ­Information den Patienten verunsichert.
Wenn Sie nun als Anwender von Medikamenten beim Lesen einer Packungsbeilage etwas verwirrt sind und das Medikament aufgrund von unheimlich anmutenden Nebenwirkungen hinterfragen, dann stehen Sie nicht alleine da. Und man kann sich fragen, wer von dieser ganzen Geschichte profitiert.

Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker
Eine Meinung von einer Fachperson zu haben und Informationen zu erhalten, die persönlich zugeschnitten sind, ist sehr hilfreich. Hier  kann gefragt werden, was es mit den Magenbeschwerden auf sich hat und ob ein Zusammenhang mit den Medikamenten besteht. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass Nebenwirkungen auftreten und wie schwerwiegend diese sein können, kann abgeschätzt werden.
Aber auch bei der Fachperson kann es Schwierigkeiten geben. Zum einen braucht der Patient etwas Mut, um Fragen zu stellen, und ein Vertrauensverhältnis muss ­bestehen, damit Fragen gestellt werden können. Zum anderen muss die Fachperson auch auskunftwillig sein und die Situation richtig einschätzen können. Zudem braucht es die richtige Sprache, um einfach und verständlich einen Zusammenhang zu erklären. Unter dem heutigen Zeitdruck ist das ­leider nicht immer gewährleistet.

Und jetzt?
Medikamente werden nicht einfach zum Spass verschrieben. Durch nicht eingenommene Medikamente werden viele gesundheitliche Probleme verursacht und es entstehen enorme Folgekosten. Wir haben also zwei Verlierer: einerseits den Patienten, der nicht richtig therapiert wird, andererseits die Gesellschaft, die die Folgekosten zu tragen hat.
Vertrauen in den Arzt und den Apotheker und eine hohe Fachkompetenz dieser Personen helfen dem Patienten, bei Unsicherheiten Unterstützung zu bekommen.

Andrea Merkel-Hoek, eidg. dipl. Apothekerin ETH/MPH

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