Gicht – wenn Harnsäure zum Problem wird

Was ist Gicht?
Gicht ist die Folge eines Harnsäureüberschusses im Körper. Sie äussert sich zu Beginn durch Schmerz- und Entzündungsanfälle in einzelnen Gelenken, meist der Zehen-, Sprung- oder Kniegelenke, typischerweise im Grundgelenk der Grosszehe. Bei längerem Verlauf können die betroffenen Gelenke zerstört werden. Es können Gichtknoten auftreten. Die Nieren können geschädigt werden.

Auftreten
Die Gicht wurde schon im Ägypten der Pharaonen mit dem Gift der Herbstzeitlosen (Colchizin) behandelt. Viele berühmte Persönlichkeiten der Geschichte litten unter dieser Krankheit, z. B. Kaiser Augustus, Kaiser Karl der Grosse, Kaiser Karl der V., der Sonnenkönig Ludwig der XIV., Martin Luther und Johann Wolfgang von Goethe.
Gicht ist noch heute die häufigste entzündliche Gelenkerkrankung bei Männern über 40 Jahren. Die Frauen sind vor der Menopause kaum betroffen, später etwas weniger häufiger als die Männer. Die Tendenz des Auftretens der Gicht ist zunehmend, was auf die höhere Lebenserwartung, aber auch die Zunahme von Übergewicht zurückzuführen ist.

Symptome der Gicht
Meist manifestiert sich der akute Gichtanfall als plötzliche und oft während der Nacht auftretende Entzündung. Das betroffene Gelenk ist sehr schmerzhaft, gerötet, geschwollen und überwärmt. Der Anfall dauert meist einige Tage. Die typische Entzündung des Grosszehengrundgelenkes wird als «Podagra» bezeichnet. Von Paracelsus stammt die Bezeichnung «Zipperlein» für den akuten Gichtanfall.
Bei einem Teil der Patienten tritt der Gichtanfall nur einmalig auf. Nicht selten kommt es aber zu gehäuften und bis zu Wochen dauernden Anfällen, die die betroffenen Gelenke langsam zerstören können. Die Entzündungen können dann an mehreren Stellen gleichzeitig auftreten und neben den Gelenken auch Sehnenscheiden und Schleimbeutel befallen. Bei der chronischen Gicht kommen nicht selten knotenförmige Ablagerungen in der Haut und im Knochen vor. Mit der Zeit werden gelegentlich auch die Nieren betroffen, was zu Nierensteinen und zu einer eingeschränkten Nierenfunktion führen kann.
Häufig werden die Knoten an den Fingerendgelenken mit Gichtknoten verwechselt. Dabei handelt es sich jedoch um typische Fingerarthrosen (Abnützungserscheinungen der Fingergelenke), die nichts mit der Harnsäure zu tun haben.

Gichtveränderungen im Röntgenbild.

Ursache und Auslöser der Gicht
Die Voraussetzung für das Auftreten der Gicht ist ein erhöhter Harnsäurespiegel im Blut. Die Ursache dafür ist bei den meisten Patienten eine anlagebedingt verminderte Ausscheidung in der Niere. Daneben können eine ungünstige Ernährung, Medikamente und Alkohol die Harnsäuremenge im Körper ungünstig beeinflussen.
Die Harnsäure ist ein Abbauprodukt der Zellkerne. Sie entsteht hauptsächlich aus dem Abbau der körpereigenen Zellkernen, die während des ganzen Lebens ständig erneuert werden. Auch gewisse Nahrungsmittel, besonders das Fleisch, enthalten viele Zellkerne. Wenn die Harnsäure in den Nieren nicht genügend ausgeschieden wird, steigt der Blutspiegel der Harnsäure. Es können sich Harnsäurekristalle bilden, die für die Gichtkrankheit verantwortlich sind.
Allerdings erkranken bei W  eitem nicht alle Personen mit einem erhöhten Harnsäurespiegel an Gicht. Im Rahmen des so genannten metabolischen Syndroms (Übergewicht, Erhöhung der Blutfette, Diabetes mellitus, Bluthochdruck) kommt es oft zu Erhöhungen des Harnsäurespiegels. Diese Pa­tienten erleiden gehäuft Gichtanfälle.

Gichtkristalle aus dem Gelenk.

Behandlung
Hier muss zwischen der Therapie der akuten Gichtanfälle und der Langzeit-Behandlung zur Verhinderung weiterer Attacken und der Folgeschäden unterschieden werden. Beim akuten Gichtanfall können Kälteauflagen und die Behandlung mit Entzündungshemmern (z.B. Voltaren, Indocid, Brufen oder deren Generika) wirksam eingesetzt werden. Auch kurzzeitig verabreichte Cortison-Präparate wirken meist sehr gut, sind aber nur selten notwendig. Sie verursachen beim Diabetes oft einen Anstieg der Blutzuckerwerte.
Bei gehäuft auftretenden Gichtanfällen werden harnsäuresenkende Medikamente eingesetzt (meist Zyloric und Generika). Sie müssen über längere Zeit regelmässig eingenommen werden und sollten nicht während eines akuten Gichtanfalles begonnen werden. Dabei ist das Ziel, die Harnsäurespiegel dauerhaft unter einen Wert von 360 μmol/l zu senken.Auch der Patient selbst kann zur Gichtbehandlung entscheidend beitragen, indem er

  • Fleisch, Geflügel und Fisch (inklusive Meeresfrüchte) nur in kleineren Mengen isst. (Milchprodukte und Gemüse beeinflussen den Harnsäurespiegel nicht ungünstig.)
  • Innereien wie Leber, Milken usw. vermeidet.
  • fleischlose Tage einlegt. (Milch, Joghurt, Quark und Käse sowie gelegentlich eine Eierspeise sind als «Fleischersatz» geeignet.)
  • wenig Alkohol trinkt, insbesondere kein Bier, dafür viel Wasser – mindestens 1½ bis 2 Liter. (Wein in geringeren Mengen beeinflusst den Harnsäurespiegel im Gegensatz zum Bier nicht.)
  • bei Übergewicht das Gewicht langsam reduziert. (Radikale Fastenkuren erhöhen den Harnsäurespiegel.)

Langzeitschäden der Gicht lassen sich durch diese Änderungen der Ernährungsgewohnheiten und bei Notwendigkeit durch die zusätzliche Einnahme der erwähnten Medikamente in den meisten Fällen vermeiden.

Dr. med. Ivo Büchler,
Rheumatologie im Silberturm, St. Gallen

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