Gegenseitige Beeinflussung von pflanzlichen Heilmitteln und Medikamenten

«Nützt’s nüüt, so schadt’s nüüt» ist eine recht weit verbreitete Ansicht, wenn es um Wirkungen und Nebenwirkungen von Pflanzen auf die Gesundheit geht. Pflanzliche Heilmittel (Phytotherapeutika) sind indes keineswegs a priori harmlos und sicher frei von Nebenwirkungen. Ebenso können bei gleichzeitiger Einnahme «klassischer» schulmedizinischer Medikamente Reaktionen auftreten, welche die Wirkung der einen oder beider Substanzen beeinflussen. Der Fachmann spricht von Interaktionen. Solche Interaktionen sind nicht erstaunlich, werden «biologische» und «chemische» Stoffe doch weitgehend über die gleichen Schutz- und Reinigungssysteme abgebaut bzw. ausgeschieden. Dies geschieht zur Hauptsache auf zwei Wegen: Einerseits existiert in Leber und Darmwand ein ganzes System von Enzymen, welche Gifte und Medikamente abbauen können. Anderseits sind wir ausgestattet mit einem Transportsystem, welches dafür sorgt, dass Fremdstoffe direkt in den Darm oder in die Galle ausgeschieden werden. Dieses Transportsystem bzw. diese Enzyme können nun durch gewisse Medikamente angeregt oder gebremst werden. Daraus resultiert je nachdem ein verzögerter oder ein beschleunigter Abbau des entsprechenden Stoffes. Dies bedeutet, dass die gleichzeitige Gabe von zwei Medikamenten zu einer verstärkten oder aber zu einer abgeschwächten Wirkung des einen Medikamentes führen kann. Selbstverständlich sind Interaktionen auch möglich, wenn zwei Medikamente am gleichen Wirkungsort angreifen, ihre Wirkung also gegenseitig verstärken.

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass pflanzliche Heilmittel oft gleichzeitig verschiedene Stoffe enthalten – wirksame und begleitende –, welche die Hauptwirkung verändern bzw. beitragen können zu einer weitgehend unübersichtlichen gegenseitigen Beeinflussung. Auch kann es, wie wir in einem früheren Artikel bereits festgehalten haben («D-Journal» 164, Seiten 20/21), durchaus von Bedeutung sein, unter welchen Umständen die Pflanzen gezüchtet, geerntet und gereinigt worden sind.
In der Regel ist übrigens mehr bekannt über Interaktionen zwischen «klassischen» Medikamenten, weil diesbezüglich bedeutend mehr Studien durchgeführt werden. Phytotherapeutika werden selten so gut und umfassend untersucht wie Medikamente.
Die folgende Zusammenstellung ist keineswegs umfassend. Wir möchten auch nur auf Interaktionen hinweisen, die mit einer gewissen Häufigkeit vorkommen und in der Praxis eine gewisse Bedeutung haben.

Johanniskraut
Seit über 200 Jahren bekannt hat das als Antidepressivum wirkende Johanniskraut in den letzten Jahren eine eigentliche Renaissance erlebt. Es ist das wohl am häufigsten eingesetzte pflanzliche Heilmittel in der Schweiz überhaupt. Durch Johanniskraut werden die Entgiftungssysteme in der Leber und die Arzneimitteltransporter im Darm angeregt. Zahlreiche Medikamente werden deshalb intensiver und rascher abgebaut, so z.B. Cyclosporin (Sandimmun®), Tacrolimus (Prograf®), beide gegen Organabstossung nach Transplantation; Simvastatin (Zocor®), gegen hohes Cholesterin; zahlreiche Antibabypillen, Amitryptilin (Saroten®, Limbitrol®), gegen Depressionen; Midazolam (Dormicum®), Schlafmittel; Digoxin, Herzmittel; Fexofenadin (Telfast®), Mittel gegen Allergien.
Im Weiteren ist eine Interaktion mit dem Botenstoff Serotonin möglich, welcher angereichert wird durch Einnahme gewisser Psychopharmaka wie Paroxetin (Deroxat®), Sertralin (Zoloft®), Trazodon (Trittico®) und Nefazodon (Nefadar®), alles Antidepressiva. Folgende Symptome können auftreten: Zittern, Übelkeit, Kopfschmerzen, Unruhe, Schwitzen, Muskelschmerzen, Verwirrtheit.

Knoblauch
Die Einnahme von Knoblauchpulver bzw. -extrakt ist heute weitverbreitet in der Behandlung erhöhter Blutfette, der Arteriosklerose und gewisser Infektionen. Das Medikament Saquinavir (Fortovase®, Invirase®), Mittel gegen HIV-Infektionen, wird bei gleichzeitiger Einnahme vermehrt, Chlorzoxazon vermin-dert abgebaut. Die Wirkung des Knoblauchs auf diese Medikamente ist allerdings stark abhängig vom Alter der Knoblauchpräparate. Bei einzelnen Patienten kann die Blutverdünnung verstärkt werden, auch diejenige, welche mit Aspirin durchgeführt wird.

Pfefferminzöl
Menthol, der Hauptwirkstoff des Pfefferminzöls, wirkt beruhigend auf den Dickdarm. Das Pfefferminzöl wird deshalb gerne eingesetzt in der Behandlung des Reizdarms (Colon irritabile). Wahrscheinlich erhöht es die Wirkung zahlreicher Medikamente, ähnlich wie dies der Grapefruitsaft tut. Untersucht wurden bisher allerdings erst die Interaktionen mit dem Blutdruckmittel Felodipin (Plendil®, Logimax®).

Flohsamen
Flohsamen quellen im Wasser und haben deshalb eine stuhlregulierende Wirkung. Bei gleichzeitiger Einnahme ist die Wirkung von Lithium (Lithiofor®, Quilonorm®) u. a., Mittel gegen Depressionen, und Carbamazepin (Tegretol®, Timonil®), Medikament gegen Epilepsie, vermindert. Es ist vorsichtiger, Medikamente generell nicht zusammen mit stuhlregulierenden Mitteln einzunehmen.

Rauschpfeffer
(Kava-Kava)
Extrakte des Rauschpfeffers haben eine angstlösende Wirkung. Es ist Vorsicht geboten, Kava-Kava gleichzeitig mit Beruhigungsmitteln einzunehmen. Darüber hinaus bestehen generell Zweifel an der Sicherheit dieser Präparate. Sie werden mit schweren Leberschäden in Verbindung gebracht.

Baldrian
Baldrianwurzel-Extrakte sind allseits bekannte Schlaf- und Beruhigungsmittel. Sie entfalten ihre Wirkung am gleichen Ort wie die «klassischen» Beruhigungsmittel und verstärken deshalb deren Wirkung. Ähnliche Interaktionen sind auch möglich mit der Passionsblume, dem Lavendel, der Melisse und dem Hopfen.

Ginkgo Biloba
Ginkgo-Präparaten wird ein günstiger Einfluss auf die Gedächtnisleistungen zugeschrieben. Ginkgo kann – wenn auch selten – allein, und etwas häufiger in Kombination mit Heparin, Acetylsalicylsäure (Aspirin®), Clopidogrel (Plavix®) oder Rheumamitteln vermehrte Blutungskomplikationen auslösen.

Ginseng
Auch Ginseng kann einen günstigen Einfluss auf die Hirnleistungen haben. Auch hat er einen leichten blutzuckersenkenden Effekt (siehe «D-Journal» 164, Seite 22). Im Gegensatz zum Ginkgo wird über vereinzelte Fälle mit verminderter Wirkung von Medikamenten auf die Blutgerinnung berichtet. Ebenso kann die Wirkung von wassertreibenden Medikamenten vom Typ Furosemid (Lasix) vermindert sein.

Süssholz (Lakritze)
Süssholz wird verwendet bei Entzündungen und Geschwüren der Magenschleimhaut. Ebenfalls kann es Bestandteil von Hustensirup sein. Als «Bärendreck» und als Inhaltsstoff in gewissen Kaugummis ist es aber auch bekannt als reines «Genussmittel». Die Lakritze kann die Wirkung gewisser Medikamente gegen hohen Blutdruck abschwächen oder aufheben, v.a. Spironolacton (Aldactone®, Xenalon®) bzw. bei längerer Einnahme sogar selbst zu Bluthochdruck führen. Die Wirkung von Prednison kann verstärkt werden.
Zusammenfassend muss festgehalten werden, dass die behandelnden Ärzte immer darüber informiert werden sollten, wenn neben den verordneten «klassischen» Medikamenten gleichzeitig pflanzliche Heilmittel eingenommen werden. Neben Alkohol, Nikotin, Koffein, Grapefruitsaft und anderen Stoffen können Phytotherapeutika Wirkung und Abbau zahlreicher Medikamente bedeutsam verändern. Bei plötzlichem Wirkungsverlust eines Medikamentes oder neu aufgetretenen Nebenwirkungen muss immer in Erwägung gezogen werden, dass jemand ohne ärztliches Wissen die bestehende Behandlung mit Phytotherapeutika «ergänzt» hat.

Dr. med. K. Scheidegger

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