Einflüsse der Nahrung auf die Medikamentenwirkung

Medikamenteneinnahme aufgrund möglicher Wechselwirkungen anpassen

Medikamente werden aus Bequemlichkeit (gegen das Vergessen!) und oft auch wegen der vermeintlich besseren Verträglichkeit meistens mit der Nahrung eingenommen. Eine Analyse der Medikamentenliste eines Zentrums-Spitals mit rund 1200 Medikamenten ergab, dass 94% all dieser Medikamente aufgrund der Angaben im Kompendium* unabhängig von der Nahrung, 5% nüchtern und nur 1% mit der Nahrung eingenommen werden müssten. Dies wirft die Frage auf nach der Bedeutung der Wechselwirkungen zwischen Nahrung und Medikamenteneinnahme und wann diese berücksichtigt werden muss.

Welche Faktoren spielen eine Rolle?
Die Einnahme von Medikamenten mit der Nahrung kann deren Wirkungseintritt, den zugehörigen maximalen Blutspiegel und die Bioverfügbarkeit beeinflussen (Tab. 1).
Man kann davon ausgehen, dass die Einnahme von Tabletten zusammen mit der Nahrung immer zu einer Verzögerung des Wirkungseintrittes der Medikamente führt, weil ihre Aufnahmegeschwindigkeit v.a. von der Geschwindigkeit der Magenentleerung abhängig ist. Diese wird durch die Nahrung verzögert, respektive die Verweilzeit im Magen wird erhöht (Tab. 2).
Daher müssen magensaftresistente Arzneimittel nüchtern eingenommen werden.
Als Nüchternzustand bezeichnen wir die Zeit bis 1 Stunde vor und ab 2 Stunden nach einer Nahrungsaufnahme. Dann werden die natürlichen Bewegungen des Magens noch nicht bzw. nicht mehr beeinflusst durch das Essen.

Einfluss der Arzneiform
Nahrung beeinflusst nicht nur den Wirkungseintritt der Medikamente, sondern kann auch die Wirkung selbst beeinflussen. Gibt man zum Beispiel die Schmerzmittel Paracetamol (Panadol®, Dafalgan® etc.) und Ibuprofen (Brufen® etc.) in Form

zerfallender Tabletten mit dem Essen, so verzögert sich der Wirkungseintritt um rund 1–2 Stunden. Bei Ibuprofen kann mit dem Essen nicht nur der Wirkungseintritt, sondern auch der maximale Blutspiegel so stark reduziert sein, dass keine therapeutische Wirkung mehr erreicht wird.
Entscheidend für einen schnellen Wirkungseintritt ist in erster Linie die Gabe auf nüchternen Magen und nicht die Arzneiform. So beträgt die durchschnittliche Verweilzeit im nüchternen Magen bei zerfallenden und nicht zerfallenden Arzneiformen rund 30 Minuten. Die Verweilzeit steigt jedoch auch mit Pellets oder Granulaten mit einem «leichten Essen» auf ca. 2 Stunden, mit einer «üppigen Mahlzeit» auf rund 4 Stunden an. Bei den nichtzerfallenden Medikamenten kann die Verweilzeit und somit auch der Wirkungseintritt bis zu 10 Stunden und mehr betragen, wenn sie mit dem Essen verabreicht werden. Retard-Arzneiformen, d.h. Medikamente mit absichtlich langer Wirkungsdauer (z.B. 24 Std.), sollen trotz starker Verzögerung des Wirkungseintrittes immer zur gleichen Zeit – vorzugsweise mit dem Essen – eingenommen werden.

Abnahme der Bioverfügbarkeit hat weitere Folgen
Eine Anzahl Wirkstoffe führt mit dem Essen eingenommen nicht nur zu einer Verzögerung des Wirkungseintrittes, sondern auch zu einer Verringerung der Bioverfügbarkeit und somit zu einer ungenügenden Wirkung (Tab. 3). Ist die Bioverfügbarkeit – mit oder ohne Nahrungsaufnahme – tief, so ist mit stärker schwankenden Blutspiegeln zu rechnen.
Bei anderen Medikamenten bewirkt die Nahrungsaufnahme genau das Gegenteil: Die Bioverfügbarkeit nimmt zu und wegen einer besseren Löslichkeit des Arzneimittels im Speisebrei auch seine maximal erreichbare Konzentration im Blut (Tab. 4).

Grapefruitsaft – kein kurzer Effekt
Bestimmte Wirkstoffe werden in der Leber über einen besonderen Mechanismus abgebaut. Fachleute sprechen vom Cytochrom P450-3A4. Diese Medikamente können durch Inhaltsstoffe der Grapefruit, Pomelo und Bitterorange in ihrem Abbau so stark gehemmt und in ihrer Wirkung verstärkt werden, dass sogar Nebenwirkungen nicht auszuschliessen sind (Tab. 5). Beim Grapefruitsaft nützt ein zeitlicher Abstand der Einnahme eines Medikamentes in der Regel nichts, da der Effekt über Tage anhalten kann. Im Kantonsspital Winterthur zum Beispiel ist daher Grapefruitsaft aus dem Trinksortiment entfernt worden.

Welche Bedeutung haben diese Feststellungen?
Ein schneller Wirkungseintritt ist z.B. für Schmerzmittel und Mittel gegen Allergien sehr wichtig. Mit der Nahrung eingenommen wirken diese Medikamente verzögert. Nicht selten wird deshalb eine weitere Tablette eingenommen und führt dann zu einer Überdosierung.
Viele Antibiotika müssen nicht nur nüchtern, sondern auch im richtigen Abstand eingenommen werden. Andernfalls wird die minimale Konzentration, welche nötig ist, Bakterien abzutöten, nicht genügend lang erreicht. Eine Infektion wird so ungenügend bekämpft. Als Folge davon können Antibiotikaresistenzen entstehen.

Wenn das für Fachpersonen bestimmte Kompendium oder die Packungsbeilage Angaben zur richtigen Einnahme machen, dann sind diese bedeutsam und müssen entsprechend eingehalten werden. So ist in Tabelle 6 die korrekte Einnahme der oralen Antidiabetika aufgelistet.Angaben wie «vor», «mit» oder «nach» dem Essen sind allerdings ungenau. Eine klare Angabe von zwei Einnahmearten wäre daher zu empfehlen: Die Nüchterneinnahme (= bis 1 Stunde vor oder ab 2 Stunden nach dem Essen) oder die Einnahme mit dem Essen.

Dr. Friedrich Möll Spitalapotheker FPH
Chefapotheker
Kantonsspitalapotheke Winterthur
friedrich.moell@kaw.zh.ch

Bearbeitet von Dr. K. S.

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