Doping mit Insulin?

Ein «D-Journal»-Leser stellte uns die ebenso interessante wie aktuelle Frage:

«Insulin und Doping ist offenbar seit Jahren ein Thema, und dies erstaunlicherweise sowohl bei Bodybuildern wie auch bei reinen Ausdauersportlern. Für mich als 54-jährigen Hobbysportler in den Bereichen Tennis und Bike, der seit 34 Jahren Diabetiker ist, aber bezüglich Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer gemessen an seinen «gesunden» Jahrgangskollegen sehr gut dasteht, wäre es sehr aufschlussreich zu erfahren, warum sich sowohl Kraft- wie auch Ausdauersportler von Insulin eine Leistungssteigerung versprechen. Zudem würde mich natürlich auch interessieren, ob ich als Diabetiker mit Insulinbehandlung praktisch gratis von einer Leistungssteigerung profitiere, die für gesunde Personen verboten ist.
Mit freundlichen Grüssen
A. W. Bern

In dieser Aussage bezüglich «Insulin und Doping» wird mehr als eine höchst interessante und ebenso brisante Fragestellung aufgeworfen. Die Frage ist, hat Insulin einen leistungssteigernden Effekt und sind vielleicht gar diabetische Patienten/-innen unter gewissen Umständen leistungsfähiger?
Lassen Sie mich ein bisschen ausholen. Wachstumshormon wird seit den frühen 80er Jahren im Sport als Aufbausubstanz, somit als Doping, gebraucht. Es brauchte ungefähr zehn Jahre, bis die Leute von den Internationalen Olympischen Komitees (IOK) und die Endokrinologen diese Entwicklung bemerkt hatten.
Insulin als Dopingsubstanz hat diesbezüglich eine kürzere Geschichte. Es geht auf die Winterspiele 1998 in Nagano zurück, als eine medizinisch ausgebildete Begleitperson des russischen Teams nachfragte, ob der Gebrauch von Insulin nur für diabetische Patienten erlaubt sei. Das machte dann die Mitglieder des IOK aufmerksam, und Insulin wurde sofort auf die Liste der Dopingmittel gesetzt. Soweit zur Geschichte.
Welche Wirkung hat physiologisch gesehen beim Gesunden das Insulin? Steigt das Insulin an, wird sicherlich die Lipolyse (Fettabbau) geblockt und andererseits die Glykogenbildung (Leber, Muskel etc.) gefördert. Auf die aktuell höchst interessante physiologische Debatte, welchen Effekt Insulin auf den Eintritt in die Zelle, hier im Speziellen Muskel- und Fettgewebe, hat, möchte ich nicht eintreten. Eines steht aber sicherlich fest, dass hier viele altgediente Dogmen neu überdacht und viele medizinische Textbücher neu geschrieben werden sollten.
Heute scheint klar zu sein, dass beim diabetischen Patienten beim relativen Insulinmangel die Lipolyse gesteigert wird und somit die freien Fettsäuren und deren Abbauprodukte, die Ketone im Blut, ansteigen. Ebenso wird im Zustand des Insulinmangels Eiweiss abgebaut. Die Annahme ist nun, dass gerade der metabolische Abbau dieser Eiweisse und Fette den Verbrauch des Zuckers (Glukose) in der Zelle zusätzlich hindert. Somit ist aus physiologischer und auch sportlicher Sicht der ideale Zustand, wenn man viel Insulin und eben auch Zucker «an Bord» hat. Dies dürfte uns am leistungsfähigsten machen. Beim Nichtdiabetiker kommt dieser Zustand eines Hyperinsulinismus und einer Hyperglykämie nicht vor. Beim diabetischen Patienten hingegen kann er problemlos induziert werden. Somit ist sicherlich die Annahme richtig, dass in einem Grenzbereich der Hyperglykämie zusätzlich mit einem Hyperinsulinismus die Leistungsfähigkeit gesteigert werden kann.
Zuletzt zur Frage: Ist Insulin nun eine «Droge» oder ein Dopingmittel?

  • 1. Durch den Zustand der Hyperglykämie (BZ um 10 mmol/l / 180 mg%) und des Hyperinsulinismus wird der Eintritt der Glukose in die Zelle sicherlich gefördert, und so wird auch der Glykogengehalt (Speicherform der Glukose) dort zunehmen. Da die Leistungsfähigkeit nun bekannterweise auch in einer gewissen Relation zum Speicherglykogen steht, kann angenommen werden, dass eine Leistungsförderung in gewissen Situationen erklärbar ist.
  • 2. Diese Leistungssteigerung dürfte somit nicht nur vor dem Wettkampf, sondern auch in der Erholungsphase deutlich sein.
  • 3. Mittels Insulin wird nun der Fettabbau und der Eiweissabbau gehemmt. So ist es leicht verständlich, dass die Muskelmasse in gewissen Situationen des Hyperinsulinismus bei begleitender Hyperglykämie nicht nur durch die Eiweiss-, sondern auch durch die zunehmende Glykogenspeicherung gefördert wird. Es ist schon seit langem bekannt, dass mit Insulin behandelte Patienten mit Diabetes eine Zunahme der Muskelmasse aufzeigen, wenn sie optimal therapiert sind und verglichen werden mit Normalkontrollen (Nichtdiabetiker).

Eine lange Geschichte kurz zusammengefasst:
All diese Punkte unterstützen die schnelle und zielgerichtete Reaktion des Internationalen Olympischen Komitees, Insulin auf die Dopingliste zu setzen, und sie zeigen, dass die Frage des russischen Medizinmannes sicherlich berechtigt war.

Prof. Primus Eugen Mullis
Abteilungsleiter pädiatrische Endokrinologie
Diabetologie und Metabolik
Medizinische Universitätskinderklinik, Inselspital
3010 Bern

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