Blutfette; was ist dran und was kann ich dagegen tun?

Schon lange sind das Cholesterin und die Blutfette ganz allgemein als Risikofaktoren für Herzinfarkt und Hirnschlag im Gespräch. Aber zwischen der Meinung von Gesundheitsaposteln einerseits, die einem am liebsten jeden Fettkonsum vollständig verbieten würden, und Skeptikern andererseits, deren Grossvater jeden Tag 3 Bratwürste gegessen hat und trotzdem 90 Jahre alt wurde, weiss mancher gar nicht mehr, was er denn nun glauben soll.

Wie bei so vielem ist beides ein bisschen richtig und ein bisschen falsch.
Heutzutage ist gut bewiesen, dass das Risiko, einen Herzinfarkt, einen Hirnschlag oder einen anderen Verschluss eines grossen Blutgefässes im Körper zu erleiden, mit steigendem Blutcholesterin stetig zunimmt. Dies trifft für Diabetiker sogar noch mehr zu als für Nichtdiabetiker. Je höher das unbehandelte Cholesterin ist und je mehr man es senken kann, desto grösser ist der Risikounterschied, den man erreichen kann, und umso mehr lohnt sich eine Behandlung. Eine Sicherheit gibt es aber natürlich, wie bei jeder Risikobehandlung, nicht. Das heisst: auch wer seine Blutfette mit optimaler Therapie auf ideale Werte senkt, kann trotzdem einen Herzinfarkt erleiden. Und auch wer ein himmelhohes Cholesterin unbehandelt lässt, kann trotzdem alt werden und an etwas anderem sterben. Ausnahmen bestätigen eben die Regel!

Ab wann erhöhte Blutfette behandeln?
Trotzdem lohnt es sich jedoch wie gesagt, erhöhte Blutfette zu behandeln. Ab wann dies nun aber nötig wird, ist eine in den letzten Jahren oft diskutierte Frage. Dementsprechend sind die Grenzwerte, ab denen ein Blutfett als normal anzusehen ist und nicht behandelt werden muss, in den letzten Jahren immer wieder neu angepasst worden. Und zwar jedes Mal weiter nach unten. Dies liegt daran, dass man in immer wieder neuen Studien gesehen hat, dass das Risiko niemals stabil bleibt, sondern bei noch tieferen Cholesterinwerten immer noch kleiner wird. Bei Diabetikern mit ihrem generell erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko liegen die Zielwerte sogar noch tiefer als bei Nicht-Diabetikern, so dass hier mittlerweile diskutiert wird, ob nicht eigentlich jeder Typ-2-Diabetiker ohne Rücksicht auf seine Laborwerte von einer Behandlung profitieren würde.
Erhöhtes Blutfett ist aber nicht einfach gleich Cholesterin. Es werden verschiedene Unterarten des Cholesterins unterschieden, die zusammen das Totalcholesterin (TC) ergeben.
Einerseits das LDL (low density lipoprotein), andererseits das HDL (high density lipoprotein). Das LDL wandert in die Peripherie des Blutkreislaufs und setzt sich dort an den Gefässwänden fest und führt zu Ablagerungen und der gefürchteten «Gefässverkalkung». Es ist also gesundheitsschädlich.
Das HDL hingegen wandert aus der Peripherie zurück in die Leber und wird dort verbrannt. Es entspricht damit quasi dem Kehricht im Müllauto, der nicht mehr auf der Strasse liegt. Ein hohes HDL ist damit sogar gesundheitsfördernd! Dementsprechend ist zur Interpretation eines erhöhten Gesamtcholesterins auch immer der HDL-Wert nötig.
Ein leicht erhöhtes Totalcholesterin, das aber hauptsächlich aus HDL besteht, ist unbedenklich. Zur Vereinfachung wird hier oft auch der Quotient des Totalcholesterins geteilt durch das HDL angegeben, für den wieder spezielle Grenzwerte bestehen.
Eine weitere wichtige Untergruppe der Blutfette sind die Triglyzeride. Dies sind Fette, die entweder direkt aus der Nahrung im Da

rm kommen und sich noch auf dem Weg in die Leber befinden und dort weiterverarbeitet werden, oder es sind «eigene» Fette, die die Leber produziert hat. Hohe Triglyzeridwerte sind ebenfalls ungesund.
Die aktuell für Diabetiker gültigen Zielwerte der einzelnen Blutfette finden Sie in der unten stehenden Liste. Ihre persönlichen Werte kann ihr betreuender Arzt im Diabetes-Pass eintragen.

Zielwerte für Diabetiker (Typ 2)*

Totalcholesterin (TC)

kleiner als 5

mmol/l

Quotient TC/HDL

kleiner als 5

LDL

kleiner als 2,6

mmol/l

HDL

grösser als 1,1/1,3

mmol/l
(Männer/Frauen)

Triglyzeride

kleiner als 1,7

mmol/l

*bei Diabetes Typ 1 ohne Spätkomplikationen gelten andere (etwas höhere) Zielwerte

Therapiemöglichkeiten
Als Therapie gegen erhöhte Blutfette gibt es verschiedene Möglichkeiten. Sicherlich unbedenklich zu empfehlen sind die «natürlichen» Möglichkeiten der Beeinflussung des LDL-Cholesterins: Einerseits eine Ernährung, in der möglichst wenige tierische Fette vorkommen wie beispielsweise Rahm, Käse, Wurstwaren und allgemein fettes Fleisch etc. Andererseits möglichst viel körperliche Aktivität, da diese über das Gewicht das Cholesterin senkt. Leider (oder glücklicherweise) ist der Effekt der cholesterinsenkenden Ernährung relativ beschränkt. Trotz sehr konsequenter Einhaltung kann der Ausgangswert meist nur um maximal 10% gesenkt werden. Bei einem Ausgangscholesterin von 8 kann auch bei konsequentem Verzicht auf tierische Fette selten ein Wert unter 7,2 erzielt werden!
Erhöhte Triglyzeride behandelt man mit Gewichtsreduktion und Vermeiden von zuviel v.a. «raschen» Kohlenhydraten. Auch das Vermeiden von zuviel Alkohol senkt erhöhte Triglyzeride. Das heisst, dass bei einem Grossteil der Patienten die Behandlung mit Tabletten nötig wird.

Medikamentöse Behandlung
Heutzutage erfolgt die Behandlung erhöhter Cholesterinwerte grösstenteils mit sogenannten Statinen. In diversen Studien wurde mittlerweile bewiesen, dass diese nicht nur den Cholesterinwert im Blut positiv beeinflussen, sondern auch einen schützenden Einfluss auf die Gefässwände haben. Deshalb leben Patienten, die ein Statin einnehmen, auch effektiv länger und erkranken weniger an kardiovaskulären Leiden (z.B. Herzinfarkte, Schlaganfälle).
Natürlich hat aber auch jedes Medikament mögliche Nebenwirkungen. Auch das Medikament Lipobay der Firma Bayer gehörte in die Gruppe der Statine und musste wegen gesunheits-
schädlicher Wirkung vom Markt genommen werden. Die übrigen Statine wurden daraufhin noch einmal speziell bezüglich der betroffenen Nebenwirkung untersucht, waren aber gut verträglich und unbedenklich, so dass hier eine «Sippenhaft» sicher keinen Sinn hat. Leichtere Nebenwirkungen anderer Art sind aber möglich. Bei einem diesbezüglichen Verdacht sollte man sich unbedingt mit seinem behandelnden Arzt besprechen. Dies umso mehr als eine Behandlung zur Cholesterinsenkung im Prinzip lebenslänglich durchgeführt werden muss.
Bei einer ungenügenden Senkung des Cholesterins unter einem Statin allein kann zusätzlich eine weitere Substanz, Ezetimibe, gegeben werden, um das Cholesterin in den Zielbereich zu senken. Die Fibrate – eine weitere Substanzgruppe – werden bei speziellen Indikationen (z.B. bei deutlich erhöhten Triglyzeriden und auch beim metabolischen Syndrom) eingesetzt.
Zusammenfassend sind erhöhte Blutfette erwiesenermassen schädlich für die Blutgefässe, und je mehr zusätzliche Risikofaktoren – wie erhöhter Blutdruck, Rauchen und vor allem Diabetes – ausserdem noch bestehen, desto sinnvoller ist eine konsequente Behandlung. Eine Reduktion tierischer Fette hat Sinn, wie es auch häufig schon in der Diabetesernährung empfohlen wird. Weitere diätetische Massnahmen führen aber meist nicht zum Ziel und können die Notwendigkeit einer medikamentösen Therapie nicht vermeiden.
Die heute verwendeten Medikamente sind erwiesenermassen wirksam und sicher, verlangen aber eine konsequente und langjährige Einnahme.

Dr. med. Dirk Kappeler

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