Biotherapie mit Parasiten – eklig, aber heilsam

Über die Behandlung zur Heilung diabetischer Geschwüre mit Fliegenmaden haben wir im «d-journal» 192 ausführlich berichtet. Heute erfahren Sie, wie Blutegel, kleine Krebse und Fische, Würmer und  Wurmeier im direkten Körperkontakt mit uns manche Leiden lindern helfen.

Blutegel
Blutegel leben in sauberen Gewässern, fressen hie und da ein paar Algen  und warten – bis zu 15 Monate – auf einen Wirt, dessen Blut sie saugen können. Meist sind dies Kleintiere wie Frösche oder Fische. Doch der medizinische Blutegel Hirudo medicinalis wartet auf grosse Säugetiere: auf Hunde, Rehe und Hirsche, aber auch auf Menschen, welche die «heilsamen Vampire» zunehmend schätzten. Als Folge davon wurden die Blutegel bei uns fast  ausgerottet.
Schon in der Antike mussten die Sauger bei Aderlässen zu Diens­ten sein. Ihr Haupteinsatz war lange Zeit das Absaugen von Blut bei venösen Stauungen (Krampfadern, Hämorrhoiden) oder bei Blutergüssen nach Unfällen. Im Speichel von Blutegeln findet sich Hirudin, welches das Gerinnen des Blutes verzögert. Der Egel gibt diesen Wirkstoff in die Wunden ab, damit der Blutfluss ungestört läuft. Das ist so wirksam, dass neben den 15 Millilitern Blut, die der Egel trinkt, nach seinem Abfallen noch einmal 50 Milliliter Blut nachfliessen können. Hirudin wurde von der pharmakologischen Industrie isoliert und ist in vielen Venensalben vorhanden. Doch beim Blutegel ist, wie bei der Madentherapie,  das Sekret so komplex, dass es nicht vollständig nachgebildet werden kann. Es wirkt bakterizid (Bakterien ab­tötend), schmerzstillend, blutverdünnend und sogar etwas euphorisierend, d. h. abgegebene Endorphine (morphiumähnliche Wirkstoffe) können die Stimmung des «Opfers» verbessern.
In der Rheumatologie wurden aufgrund wissenschaftlicher Studien die Wirksamkeit der Hirudotherapie (Behandlung mit Blutegeln) vor allem bei Kniegelenksarthrosen nachgewiesen, aber auch bei Daumenarthrose und beim «Tennis-Ellbogen» eingesetzt.
Die spannendste Anwendung von Blutegeln findet derzeit in der modernen Transplantations-Mikrochirurgie und Unfallchirurgie statt. Wenn nach Unfällen abgetrennte Gliedmassen mikro­chirurgisch wieder angenäht werden, kommt häufig die lokale Durchblutung nicht wieder in Gang. Die Inhaltstoffe des Blutegelspeichels können selbst in aussichtslosen Fällen die durch geronnenes Blut verstopften Blutgefässe wieder durchlässig machen und so eine Verbesserung der Sauerstoffversorgung bewirken und das Organ retten.
Die Blutegel-Therapie gehört in die Hände ausgebildeter Therapeuten und erfordert Zeit und Geduld. Die Blutegel brauchen Ruhe und Halbdunkel, damit sie mit ihrer Arbeit beginnen. Nachdem sie sich vollgesogen haben, fallen sie von selbst ab (nach 10 bis 40 Minuten). Jeder Blutegelbiss hinterlässt dauerhaft eine winzige, dreieckige Narbe. Die Tötung und fachgerechte Entsorgung der verwendeten Blutegel ist für jeden Therapeuten selbstverständlich.

Knabberfische
Neurodermitis und Schuppenflechte (Psoriasis)  sind Hautkrankheiten, bei denen sich Hautpartien mit dicken Belägen abgestorbener Hautschuppen bilden können.
Oft leiden die Betroffenen über viele Jahre an dieser Krankheit und, wenn diese noch an sichtbaren Stellen auftritt, kommt zum häufigen Juckreiz noch eine erhebliche psychische Belastung hinzu. Neben herkömmlichen Therapien kam in den letzten Jahren auch die Behandlung mit der rötlichen Saugbarbe, lateinisch Garra rufa, in Mode. Diese Fische nennt man auch «Doktorfische» (wegen ihres lanzettförmigen Körpers) und Kangal-Fische nach einem Thermalbad in der Türkei. Badegäste dieses Thermalbads verbreiteten die Kunde von den phänomenalen, Hautschuppen fressenden Fischen. Bei den hohen Temperaturen benötigen die Fische viel Nahrung und haben neben Algen und Kleinlebewesen, die sie von Steinen abschaben, eine zusätzlich proteinreiche Nahrungsquelle entdeckt: Sie knabbern Hautschuppen von der menschlichen Haut ab, welche Neurodermitis- und Psoriasis-Patienten in grossen Mengen anbieten. Das Anknabbern erfolgt sehr schonend, sodass sowohl Patienten als auch Fische davon profitieren. Die Ichthyotherapie (von griech. Ichthys = Fisch) ist mittlerweile anerkannt und wurde aus der Türkei nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz importiert. Die Haltung von Kangalfischen im heimischen Aquarium ist – obwohl im Internet angepriesen – nicht empfehlenswert, braucht es doch mindesten 500 Knabberfische pro Behandlung.

Krill
Krill ist ein norwegisches Wort und bedeutet übersetzt «Walnahrung». Krill sind garnelenähnliche Kleinkrebse und Teil des tierischen Planktons. Unter Plankton verstehen wir die Gesamtheit der im Wasser frei schwebenden Tiere (Zooplankton = Schwebefauna) und Pflanzen (Phytoplankton = Schwebeflora). In alten Zeiten träufelten norwegische Fischer einen Extrakt aus den Kleinkrebsen auf Schürfwunden zu deren rascherer Heilung. Diese Beobachtung führte dazu, Krill bei schlecht heilenden Wunden einzusetzen. Sein Verdauungssaft «Krillase» beseitigt zerstörtes Gewebe und reinigt die Wundoberfläche. Diese Wirkung ist derjenigen der Fliegenmaden ganz ähnlich.
Die Krillase wird aus der bekanntesten Krillart, dem Antarktischen Krill (Euphausia superba) gewonnen, dessen Biomasse nach neuen Schätzungen gegen 100 Millionen Tonnen im ganzen Südpolar­meer beträgt. Damit ist der antarktische Krill wohl die erfolgreichste Tierart der Welt. Der Krill filtert Phytoplankton aus dem Wasser und ist die Hauptnahrung vieler Wale, Robben, Tintenfische, Pinguine, Albatrosse und anderer Vögel. 

Würmer
Dass Allergien in den letzten dreissig Jahren in den Industrieländern stark zugenommen haben, beschäftigt Wissenschafter weltweit. Eine der möglichen Ursachen ist die übermässige Hygiene im Lebensumfeld der Menschen. Das dadurch bedingte Fehlen von Bakterien, Würmern, Milben usw.  führt zu Fehlentwicklungen des heranreifenden Immunsystems. Mögliche Folgen sind unangemessen starke Abwehrreaktio­nen auf kleinste Reize (Allergie) oder das ebenfalls gehäufte Auftreten von Autoimmunerkrankungen, bei denen das «beschäftigungslose» Immunsystem über den eigenen Körper herfällt. Untersuchungen haben gezeigt, dass Parasiten wie Darmwürmer bei der Normalisierung von Funktionen des menschlichen Immunsystems gute Arbeit leisten können. Die verwendeten Wurmeier dürfen selbst keine Krankheiten auslösen, sondern lediglich eine Stimula­tion des Immunsystems hervorrufen. Hier ein paar Beispiele:

  • Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind zwei verschiedene Autoimmunerkrankungen mit schubweise und chronisch verlaufenden Darmentzündungen. Amerikanische Forscher haben solchen Patienten nun alle drei Wochen 2500 Wurmeier eines Tierparasiten (Schweine-Peitschenwurm) verabreicht und erstaunliche Besserungen des Krankheitsverlaufs bei einem Gross­teil der Behandelten  beobachtet. Den Menschen wird der Wurm nicht gefährlich.  Seine mikros­kopisch kleinen Eier heften sich für wenige Wochen an der menschlichen Darmschleimhaut fest. Nur wenige Tiere schlüpfen aus, die sich nicht vermehren können.
  • Die Multiple Sklerose wird heute ebenfalls zu den Autoimmunkrankheiten gezählt. In einem über 41/2 Jahre dauernden Doppelblindversuch wurden zwei Gruppen beobachtet: Die eine Hälfte schluckte nach Krankheitsausbruch Wurmeier, die andere nicht. Die Anzahl der Krankheits­schübe und auch das Fortschreiten der neurologischen Symptome waren in der Wurmgruppe signifikant geringer.
  • Gruppen von Patienten mit Heuschnupfen und allergischem Asthma werden neuerdings weltweit getestet mit solchen «Wurmkuren», u. a. auch an der Allergiestation der Dermatologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich.
  • Eine Zukunftsvision ist, den Ausbruch von Krankheiten, bei denen Autoimmunprozesse eine wichtige Rolle spielen – z. B. Diabetes Typ 1 –, bei familiär Belasteten durch vorbeugende Wurm­infektionen zu verhindern.

Ausblick
Die Apotheke der Natur hält noch viele Heilsubs­tanzen bereit, für die sich auch die pharmazeutische Industrie interessiert. Das Geheimnis liegt in der organischen Evolution. Jede Art von Lebewesen hat sich im Laufe ihrer Stammesgeschichte zu einer einzigartigen Chemiefabrik entwickelt, um sich in der feindlichen Umgebung zu behaupten.
Insekten bergen eine wahre Schatzkammer für die Zubereitung von Arzneimitteln, weil sie Pheronome (biochemische Geschlechts- und Alarm-Duftstoffe), Abwehrsekrete und Gifte produzieren. In Schmetterlingsflügeln, Hirschkäferbeinen und im Wespengift finden sich Stoffe, die zur Krebs­bekämpfung geeignet sein können.
Ein multinationales Forschungsteam arbeitet im Bereich der Nervenphysiologie mit dem Gift eines Skorpions und möchte damit neuartige Schmerzmittel entwickeln.
Aus dem Gift der gefährlichen Vogelspinne wurde eine Substanz gewonnen, die sich im Tierversuch gegen die Ursachen gefährlicher Herzrhythmusstörungen wirksam erwies.
In einer Spinnenfarm in den USA werden 10 000 Spinnen gehalten. Täglich werden bis zu 1000 Spinnen «gemolken». Wissenschafter auf der ganzen Welt beziehen von dort Spinnengift in Reinsubs­tanz und versprechen sich in ihrer Forschung damit Erfolge im Bereich der Bekämpfung unheilbarer Krankheiten.
Die grossen Hoffnungen ruhen auf der marinen Biomedizin (Meeresfauna und -flora). Man ahnt von einigen Verbindungen, wie sie künftig eingesetzt werden können: Schwämme gegen Malaria; ein entzündungshemmender Korallen-Wirkstoff als Kortisonersatz; aus einem Moostierchen wurde ein Stoff extrahiert, der Brustkrebszellen zerstört; aus dem Seehasen, einer Nachtschnecke im Indischen Ozean, wurde ein Stoff gewonnen, der möglicherweise Hautkrebs heilt. Hunderte von Algen sind im Visier der Forschung, versprechen sie doch Mittel gegen die Übertragung des HIV-Virus und solche  mit antimikrobieller Wirkung, was angesichts der Antibiotika-Resistenzen  höchst erwünscht ist.  
Meeresexperten sind sich einig, dass die massenhafte Produktion für die Pharmaindustrie nicht über die «Ernte» vor den Küsten realisiert werden darf. Die Pflanzen und Tiere müssen in geschlossenen Systemen unter sterilen Bedingungen gezüchtet werden, um die natürliche Flora und Fauna zu schützen. Das Meer wird dem Menschen nur dienen können, wenn es selbst intakt bleibt.

Dr. med. Rolf Bucher

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