Wie Angehörige eines Diabetikers die Krankheit erleben können

Ich bin die Tochter eines Diabetikers Typ 2. Da wir ein sehr gutes Verhältnis zueinander haben und ich zusammen mit meiner Familie im gleichen Haushalt lebe, wurde natürlich auch ich mit dieser Krankheit konfrontiert.

Sie begann vor ca. 18 Jahren, als mein Vater hin und wieder einfach «zusammenklappte». Wir gaben dem Stress, dem Kreislauf oder irgendwelchen anderen Dingen die Schuld. Nur durch Zufall wurde bei einer Arztkontrolle ein Diabetes gefunden. Mein Vater bekam Tabletten verschrieben, eine Diät verordnet und den Rat, «gesünder zu leben». Ein kurzer Aufenthalt in einer Kurklinik schien alles wieder ins Lot gebracht zu haben. Dank vermehrter Kontrolle ging alles wieder mehr oder weniger seinen gewohnten Gang.
Zwölf Jahre vergingen. Dann stiegen die Blutzuckerwerte wieder und wollten einfach nicht mehr sinken. Insulin schien die einzige Lösung, um die Krankheit wieder in den Griff zu bekommen. Das Insulinspritzen war nicht nur für meinen Vater, sondern für uns alle ein Schock, ein fast grösserer als damals die Diagnose Diabetes!
Nach 15 Jahren Diabetes kündigten sich Spätfolgen an, Schlag auf Schlag: Das Augenlicht war durch eine Retinopathie angegriffen. Mit Laser wurde gerettet, was zu retten war. Dann musste wegen einer Infektion eine Zehe amputiert werden. Die Durchblutung der Beine begann sich zu verschlechtern. Depressionen und Atemnot folgten. Wasser sammelte sich in den Geweben – wir begannen, uns mit dem Thema Nierenschäden auseinander zu setzen. Und das Leben schreibt weiter an dieser Geschichte.
Ich selbst habe, wie wohl jeder Angehörige oder Lebenspartner eines kranken Menschen, mit Gott und der Welt gehadert. Erst als ich begriff, dass ich die Situation akzeptieren müsse, war ich in der Lage, zu helfen und das Beste daraus zu machen. Der Diabetes mit all seinen Tiefen und Höhen ist auch ein Teil von meinem Leben geworden. Ich habe in all diesen Jahren irgendwann alle Phasen mit durchgemacht:

  • Die Angst vor dem Unbekannten
  • Die Sorglosigkeit, die zu verdrängen versucht, was nicht wehtut
  • Das Interesse, alles über die Krankheit zu erfahren
  • Die Begeisterung bei einem neuen Medikament oder Hilfsmittel
  • Die Hoffnung, die einen nicht aufgeben lässt
  • Die Gleichgültigkeit, welche sich im Verlauf der Jahre breit macht
  • Der Hass gegen die Gemeinheit der Krankheit
  • Die Verzweiflung, welche einen gefangen hält
  • Die Ratlosigkeit bei neuen Situationen
  • Die Wut beim Gefühl, nicht helfen zu können
  • Den Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen
  • Den Einklang, den man finden kann, wenn man Herz und Verstand zusammen bringt

Ich bin zur Erkenntnis gekommen, dass diese Krankheit nicht nur den Diabetiker selbst angeht, sondern – teilweise sogar noch mehr – sein Umfeld. Denn man steht daneben und weiss nicht, wie helfen. Man fühlt sich unsicher oder überfordert. Man hat das Gefühl, sich schämen oder sogar fliehen zu müssen vor dieser Unfähigkeit. Aber damit ist niemandem geholfen, im Gegenteil. Man schadet nicht nur dem geliebten Menschen, sondern auch sich selbst. In dieser Sackgasse brauchte ich eine gehörige Portion Willen, um wieder aus ihr herauszufinden:

  • Was sagt mir denn, ich müsse mich bis zur Selbstaufgabe aufopfern?
  • Wer darf einem die Chance nehmen, es gemeinsam zu schaffen?
  • Man muss nicht taten- und hilflos danebenstehen!
  • Wer sagt, man müsse dem Schicksal «kampflos» den Weg freigeben?
  • Niemand!

Was mir geholfen hat, möchte ich als Ratschläge für Angehörige von Diabetikern und Diabetikerinnen weitergeben:

Lesen Sie alles, was Sie über Diabetes bekommen können. Es gibt immer neue Erkenntnisse, die Wissenschaft bleibt nicht stehen. Neue Anregungen können Ihnen gute Dienste leisten.

Ihre Angst vor der Krankheit können Sie sich nur nehmen, indem Sie sie besser kennen lernen. Vor dem, was man kennt, fürchtet man sich nicht.

Das Blutzuckergerät, die Insulinspritze, der Pen oder die Insulinpumpe sind keine Hexerei. Sie sollten sie genauso beherrschen wie der Diabetiker. So helfen Sie ihm, die Angst und das unsichere Gefühl zu vertreiben, welches sich bei allem Neuen breit macht.

Sie können helfen, moralisch unterstützen, neue Impulse geben; aber die Selbstverantwortung kann nur der Diabetiker selbst tragen.

Aber: Gehen Sie nach Möglichkeit mit ihm zur Ernährungs- oder Diabetesberaterin; Sie werden viel Interessantes und Wichtiges über das Essverhalten und die Nahrungsmittel erfahren.

Sie müssen nicht nach Plan, aber geplant leben.

Mehr Bewegung, aber was soll der Diabetiker tun? – Das, was ihm Spass macht! Ein gemeinsamer Spaziergang tut nicht nur dem Körper, sondern auch der Seele gut. Er macht gewiss mehr Spass als alleine, und Sie als Angehörige tun damit auch viel für Ihre eigene Gesundheit.

Weihen Sie die Menschen in Ihrer Umgebung in die Krankheit ein. Leben Sie Ihrem Besuch bei sich zu Hause vor, wie einfach es im Grunde ist.

Die seelische Verfassung Bei der Diagnosestellung haben sehr viele Typ-2-Diabetiker keinerlei nennenswerte Beschwerden. Und doch muss vieles geändert werden: eine Einschränkung hier, ein Weglassen dort; und mancher wird sich fragen: «Warum gerade ich?» Versuchen Sie als Angehörige, sich in seine Gedanken zu versetzen. Sie werden emotionale Schwankungen, das «himmelhochjauchzend» und das «zu Tode betrübt» besser verstehen. Es gibt Fälle, wo sich der Diabetiker weigert, Nahrung zu nehmen, oder forsch und abweisend reagiert. Seine Reaktion scheint unlogisch und verbohrt: Er hat in einem solchen Moment den Überblick nicht. Dann müssen Sie als Angehörige hartnäckig und zielbewusst handeln. Nachher stellt sich meist die Einsicht von selbst wieder ein, und das zu laute Wort und die forsche Geste sind vergessen. Vor allem aber, nehmen Sie solche Reaktionen nicht persönlich. Sie haben nichts mit Ihnen zu tun. Jeder Diabetiker hat die Möglichkeit, seine Lebensqualität zu verbessern und seine Krankheit in den Griff zu bekommen. Sie als Angehörige können ihn dabei ganz massgebend unterstützen. Ein Leben mit Diabetes muss bewusster und geplanter gelebt werden; und dies nicht nur vom Diabetiker selbst, sondern auch von seiner Umgebung. So betrachtet, kann es auch den Angehörigen einige sehr gute Dinge bringen.

Cristina Gibert-Sansiveri
Geroldswil

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