«Sollen sich Diabetiker outen?»

Ich bin seit 33 Jahren zuckerkrank, Typ 1. Meinen Lehrmeister hatte ich über meine Krankheit informiert. Um den Lehrvertrag als Maschinenzeichner zu bekommen, musste ich eine Aufnahmeprüfung bestehen. Es hatte damals, 1974, sehr viele Bewerber für diese Lehrstellen. Mit viel Glück und intensiven Gesprächen bekam ich dann den Vertrag.Es war allen klar, dass ich als Diabetiker eine geregelte Arbeit und eine gute Ausbildung benötigte, um mein Leben meistern zu können. Ich merkte aber bald, dass ich als Diabetiker Nachteile hatte. Für den Lernfahrausweis musste ich zuerst zur ärztlichen Kontrolle, um zu prüfen, ob ich fahrtauglich war. Das hat mir schon damals zu denken gegeben. Meine Überlegung: Hätte ich doch lieber nichts gesagt. Bei der Aushebung fürs Militär genügte ein Arztzeugnis, und ich wurde als untauglich erklärt. Diese Erfahrungen waren für mich sehr schmerzlich. Ich beschloss dann, keinem mehr etwas über meine Krankheit zu sagen. Diesen Entscheid konnte ich nicht immer einhalten. Als ich meine Frau kennen lernte, musste ich es ihr sofort sagen. Es kostete mich sehr viel Überwindung, es ihr zu sagen.

Um das Manko in Bezug auf den Militärdienst auszugleichen, meldete ich mich freiwillig beim Zivilschutzdienst. Dort wusste niemand, dass ich zuckerkrank war. Ich machte weiter bis zum Dienstchef. Keiner merkte etwas von meiner Last. Ich bildete mich auch beruflich weiter. Zuerst machte ich das Handelsdiplom. Einige Jahre später besuchte ich das Abendtechnikum und bildete mich zum Maschinenbautechniker TS weiter. Keiner wusste etwas. Es kostete mich manchmal sehr viel Kraft. Oft konnte ich den Blutzucker nicht in der richtigen Höhe halten. Es war manchmal sehr stressig für mich. Wenn ich bei einer Prüfung ein Hypo hatte, rann mir der Schweiss übers Gesicht. Ich hatte aber dieses Fach trotzdem mit Bestnote absolviert. Die Schule besuchte ich berufsbegleitend am Abend und am Samstag. Ich arbeitete 100% als Konstrukteur an sehr aufwendigen Projekten in dieser Zeit. Zum Glück kannte manchmal mein Auto – am Abend nach der Schule – den Heimweg. Ich bin oft an meine Grenzen als Diabetiker gegangen. Zu Hause warteten mein Pflegesohn und meine Frau auf mich. Ich habe die Meinung, dass ich in der Gesellschaft als Diabetiker nicht anerkannt werde und dass ich als Zuckerkranker kein Recht habe, wirklich als Diabetiker leben zu können.
Ich bin heute als Ingenieur tätig und arbeite in einer etwas ruhigeren Anstellung. Kürzlich habe ich meinen direkten Vorgesetzten über meine Krankheit informiert. Er hat nur gesagt, dass ich ja nichts dafür könne. Heute weiche ich jedem Stress aus, so gut ich kann. Mein Leben als Diabetiker kann ich immer noch nicht richtig leben. Es fehlt mir dazu die Zeit. Mein Lohn ist seit zehn Jahren rückläufig; der Druck dadurch wird immer schlimmer. In meiner kurzen Freizeit versuche ich, meine Kraft zu behalten.
Hier die Frage: Wo ist die Grenze in unserer Gesellschaft? Wann werden wir Diabetiker endlich anerkannt? Wann bekommen wir wirklich die Zeit für unser geregeltes Leben? Wo ist die Gerechtigkeit?
Mit freundlichen Grüssen
W. B.

Ich finde es richtig, wenn sich Diabetiker outen! Diabetes ist in der heutigen Zeit leider noch immer ein Tabu-Thema mit vielen Vorurteilen.
Wer hat noch nie den Spruch gehört: «Musst halt weniger Süssigkeiten essen.» Aufklärung ist hier das A und das O. Auch dass sehr oft schlanke Menschen Diabetes haben, ist nicht bekannt. Ich selbst bin übergewichtig, arbeite aber daran und komme meinem Ziel in kleinen Schritten näher.
Am Anfang musste ich ein halbes Jahr lang spritzen und tat das auch mal auf einer öffentlichen Toilette, weil es nicht anders ging. Da wurde ich schön schräg angeschaut, da man meinte, ich spritze mir wer weiss was. Kürzlich diskutierten wir mit Bekannten einer Kollegin, und die fanden es unappetitlich, wenn ein Diabetiker Zucker misst oder spritzt in einem Lokal. Dabei geht doch das auch ganz unauffällig.
Meiner Meinung nach muss sich niemand deswegen verstecken: Und nach meiner Erfahrung ist es gerade auf Toiletten einfach zu unhygienisch.
Mit freundlichen Grüssen
J. F.-H.

 

Im Dezember 1985 wurde bei mir Diabetes Typ 2 festgestellt. Seither spreche ich offen über die Krankheit.

  • Ich habe die Verwandtschaft orientiert, die sich bei Einladungen bei mir oder meiner Frau über «verbotene» und erlaubte Speisen orientieren kann.
  • Beim Auswärtsessen orientiere ich meistens kurz die Serviceangestellten und kann so ohne Schwierigkeiten kleine Menü-Änderungen anbringen (z.B. wenig Reis, dafür mehr Gemüse).
  • Beim Essen in Gesellschaft mit festgesetztem Menü orientiere ich die Tischnachbarn und sage lachend, dass ich kein «Schneuggi» sei, sondern dass ich mich an diabetesgerechte Speisen halte und deshalb z.B. bei grossen Portionen Reis, Kartoffeln, Teigwaren usw. Resten stehen bleiben.
  • In unserem Stamm-Ferienhotel sind Personal und Küche orientiert, sodass ich ohne grosses Dazutun Diabetesgerechtes aufgetischt bekomme (z.B. an Stelle von Süssspeisen als Dessert frische Früchte).

Bis heute bin ich mit meinen erklärenden Wünschen immer auf Verständnis gestossen, auch bei Leuten, die mit dem Wort «Diabetes» oder «zuckerkrank» nichts anfangen konnten. Nur hin und wieder muss man dem Personal einen kleinen Tipp für die Küche mitgeben.
Nachdem ich in den ersten zwölf Wochen nach der Feststellung des Diabetes zwölf Kilogramm abgenommen hatte und seither das Normalgewicht plus/minus ein Kilogramm gehalten habe, lebe ich noch immer ohne Tabletten oder Insulin bei einem HbA1c unter 7 und fühle mich wohl dabei. Entscheidend mitgewirkt hat meine Frau, die auch für einen Diabetiker hervorragend, abwechslungsreich und phantasievoll kocht (nicht zuletzt dank der Ernährungsberatung bei der ZDG). Natürlich trägt auch der tägliche, mindestens einstündige zügige Marsch und ab und zu die schweisstreibende Arbeit im Garten zu meinem Wohlbefinden bei. Ich bin im 79. Lebensjahr, halte mich aber von allen Gruppierungen alter und älterer Leute fern, die nichts Gescheiteres wissen, als über ihre Gebresten zu klagen.
Mit freundlichen Grüssen
H. E.

Wir führen einen Gastwirtschaftsbetrieb. Ich bin selber seit zehn Jahren Diabetiker und habe vielleicht ein Auge/Ohr für Gäste, die Diabetiker sind. Bei uns verkehren einige Diabetiker, die keine Hemmungen haben, sich als solche zu erkennen zu geben, z.B.:
«Können wir um 18 Uhr essen? Meine Frau ist Diabetikerin, und es ist wichtig, dass sie dann essen kann.»
«Ich nehme kein Brot zum Essen, dafür gönne ich mir nachher ein kleines Dessert. Ich bin Diabetiker.»
«Ich darf dieses Dessert nicht essen, ich muss auf meinen Zucker achten. Aber geben Sie mir einen Fruchtsalat ohne Zucker.»
Oder der freundliche Herr, der vor dem Essen seinen Blutzucker misst.
Unsere Erfahrung ist, dass Diabetiker offen sind und zu ihrer Krankheit stehen.
Mit freundlichen Grüssen
M. L.

Als im Jahr 1998 bei mir die Diagnose Diabetes mellitus festgestellt wurde, war ich kurz vor dem Verzweifeln. Nach Krebs und diversen anderen schweren Operationen, die ich durchzustehen hatte, glaubte ich, jetzt endlich mein «Bürdeli» getragen und Ruhe zu haben. Aber da kam die Diagnose «zuckerkrank».
11/2 Jahre lang versuchte mein Arzt, die Krankheit mit Tabletten, nebst strenger Diät, in den Griff zu bekommen. Leider stiegen die Werte stetig, und so stand plötzlich das Wort «Insulin» im Raum. Davon war ich gar nicht begeistert und weigerte mich erstmals; fürchtete ich mich doch vor den Nadeln. Mir reichte schon die tägliche Stecherei zum Blutzuckermessen. Da die Werte immer noch zunahmen, musste ich mich dann doch an den Gedanken gewöhnen, zu den verhassten Spritzen zu wechseln.
Eigenartigerweise fiel mir der Übergang gar nicht so schwer, und ich habe mich schnell daran gewöhnt. Ich spritze dreimal täglich und habe die Werte endlich im Griff. Sobald ich anfing mit den Spritzen, habe ich auch im riesigen Bekannten- und Freundeskreis bekannt gegeben, dass ich jetzt Diabetikerin sei, und dies wurde überall sehr positiv aufgenommen. Wenn ich irgendwo eingeladen bin, wird mir immer ein diabetesgerechtes Dessert serviert; automatisch steht bei der Kaffeetasse ein Süssstoffbehälter, und immer wieder wird gefragt «Hesch dr dSprütze gmacht?», weil es mir halt doch passiert, dass ich im Eifer die Zeit vergesse.
Ich finde, Diabetes ist heute kein Tabu-Thema mehr. Je offener man damit umgeht, desto positiver sind die Reaktionen der Mitmenschen.
Mit freundlichen Grüssen
Y. E. B.-M.

Mit Interesse habe ich Ihren Bericht zum «outen» von Diabetikern gelesen. Ich kann zwar nicht beurteilen, ob ich genügend bekannt bin, doch punkto Diabetes und Leistungsnachweis stelle ich mich gerne für ein «outen» zur Verfügung:
Ich kann nicht wirklich darüber urteilen, ob der Diabetes in meiner Jugend hinderlich war oder nicht. Die Schule hat mich weder als Kind noch als Jugendlicher sonderlich begeistert; und als der Diabetes bei mir mit neun Jahren diagnostiziert wurde, fand ich es noch ganz spannend, bei meinen Kollegen dafür im Mittelpunkt zu stehen.
Nach Abschluss der obligatorischen Schule und einer Verkäuferlehre zog es mich schon bald ins ferne Ausland. Ich durchquerte mit dem Mountainbike weite Teile Asiens und Australiens. Zwischendrin arbeitete ich als Briefträger, Nachtwächter, verkaufte Schlüsselanhänger und führte Umfragen für Marktforschungsinstitute durch, um meine Reisen zu finanzieren.
Beim Reisen merkte ich bald, dass es mir sehr gut gefällt, mein Leben selber zu bestimmen und nicht allzu sehr von anderen abhängig zu sein. Ich empfand auch den Diabetes dabei nicht wirklich als Hindernis. Er war und ist ein Teil von mir. Testen und Spritzen war und ist genauso selbstverständlich, wie dass ich trinke, wenn ich Durst habe, und/oder esse, wenn ich hungrig bin.
Ganz nach dem Motto «es gibt Leute, da bestimmt das Leben, wo es langgeht, und es gibt andere, die bestimmen selbst, wo es in ihrem Leben langgeht» wusste ich nach dreieinhalb Jahren meiner Reisen, dass ich mein Leben selber in die Hand nehmen möchte. Das war vor 13 Jahren. Ich bin nun seit 28 Jahren Diabetiker, bin 37-jährig und CEO in einem der führenden Markt- und Meinungsforschungsinstitute der Schweiz mit mehr als 400 Mitarbeitern. Daneben bin ich berufsbegleitend Doktorand bei Prof. Dr. Sybille Sachs in einer Kooperation mit der University of Southern Queensland, Australien, und der Hochschule für Wirtschaft und Verwaltung Zürich. Ob als Vorstandsmitglied der Schweiz. Gesellschaft für praktische Sozialforschung oder als Präsident der Alumni HWZ – der Absolventenorganisation der Hochschule für Wirtschaft und Verwaltung Zürich – oder bei einem der weiteren Mandate: Der Diabetes war nie ein Hindernis auf diesem Weg. Ganz im Gegenteil, dank Diabetes habe ich gelernt, mich auf das Wichtige zu konzentrieren, gewissenhaft und selbständig zu sein, Verantwortung zu übernehmen und trotz ehrgeizigen Zielen mit dem zufrieden zu sein, was ich habe.
Mit freundlichen Grüssen
G. U.

Das von Ihnen angesprochene Thema beschäftigt mich schon sehr lange und ich habe der Weisheit letzten Schluss auch noch nicht gefunden. Ich denke, die Antwort auf die Frage «outing?» heisst: «kommt drauf an».
Mein Vater war seit seinem 18. Lebensjahr Diabetiker – diese Diagnose war dazumal (vor 50 Jahren) für die Familie eine soziale Katastrophe. Es war das höchste Bestreben, dass niemand aus dem Umfeld, geschweige denn aus dem Dorf, wissen durfte/sollte, dass er Diabetiker war. Ich als Sohn wusste ebenfalls nicht Bescheid, bis ich etwa 12 Jahre alt war – ich habe nur immer erlebt, wie mein Vater «komisch» wurde, dann habe ich die Situation verlassen und wenn ich eine halbe Stunde später zurückkam, war wieder alles gut. Von einem Freund habe ich dann mal per Zufall erfahren, dass mein Vater zuckerkrank sei. Für mich war es für lange Zeit unbegreiflich, weshalb man nicht zu dieser Situation stehen konnte, zumal es sowieso alle wussten (mein Vater hatte immer wieder Hypos und damit verbundene «Stories»…).
Vor zwei Jahren (34-jährig) habe ich selber die Diagnose Diabetes Typ 1 erhalten – für mich ein tiefer Schock, da ich diese Krankheit von meinem Vater her kannte.
Wie gehe ich jetzt mit dem Outing um? Wie gesagt, das kommt drauf an. Mein Umfeld, meine Freunde, meine Bekannten – die wissen alle Bescheid, denn ich messe meinen Blutzucker immer und überall wo nötig und spritze auch das Insulin immer am Tisch, respektive unter dem Tisch (und kein Mensch merkt das…).
In meinem Arbeitsumfeld wissen die wenigsten Personen, dass ich Diabetiker bin – das ist auch nicht nötig. Ich bin in der gücklichen Situation, dass ich bis heute noch nie ein Hypo hatte und mir nicht mehr selber helfen konnte (und dennoch einen HbA1c-Wert von unter 6 habe). Deshalb kann ich, bis heute wenigstens, frei entscheiden, wer über meine Krankheit Bescheid weiss und wer nicht. Da ich gegen aussen ein uneingeschränktes Leben führe mit einer Familie (zwei Kinder), einem sehr intensiven Job, unregelmässigen Essenszeiten, Sport, Wein usw. ist für Aussenstehende die Tatsache, dass ich Diabetes habe, etwa gleich zu bewerten, wie die Tatsache, dass ich Hunde nicht ausstehen kann – und das sage ich auch nicht jedem, und v.a. nicht den Hundehaltern selbst. Ich selber habe Mühe mit denjenigen Personen, die einem im zweiten Satz bereits sagen, dass sie Diabetiker seien, wie wenn das etwas Spezielles wäre. Für mich gilt: Ein Diabetiker ist sicher nicht schlech-ter als jeder andere «gesunde» Mensch, aber sicher auch nicht besser.
Als Arbeitgeber muss ich Ihnen aber sagen, dass ich schon etwas Mühe hätte, wenn mir ein Kandidat für eine Lehrstelle nicht sagen würde, dass er Diabetiker ist, v.a. wenn später Probleme mit Hypos auftreten würden.
Darum denke ich, dass das Outing überall dort angebracht ist, wo es um Verantwortung, Vertrauen und v.a. auch um Versicherungen geht.
Mein Vater hat sein definitives Outing leider nicht mehr selbst miterlebt. Als er vor zwei Monaten gestorben ist, habe ich den Lebenslauf für die Kirche geschrieben und sinngemäss mit folgenden Worten geschlossen: «Am xx.xx.2005 ist er an einer Überdosis Insulin gestorben». (Aus Angst vor einsetzenden Folgeschäden hat er sich absichtlich 30E Actrapid gespritzt.)
Ich danke Ihnen für Ihr Engagement im Zusammenhang mit dem «D-Journal» und grüsse Sie freundlich
P. B.

Nach oben