Psychischer Stress als Ursache von Blutzuckerschwankungen?

Blutzuckerschwankungen sind ein häufiges Problem in der Behandlung von Patienten mit Diabetes. Von vielen Patienten und Ärzten wird angenommen, dass psychischer Stress den Blutzucker von Menschen mit Diabetes beeinflussen kann.

Es ist aber für die meisten Patienten mit Diabetes und ihre Betreuer schwierig abzuschätzen, wie stark der Effekt auf den Blutzucker ist. Es wird angenommen, dass die Art und das Ausmass der psychischen Belastung eine Rolle spielen und auch individuelle Unterschiede von Bedeutung sind. Wir haben in einer Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen den Effekt von psychischem Stress auf die Blutzuckereinstellung von Menschen mit Diabetes untersucht; die Resultate werden im folgenden kurz dargestellt. Die Resultate beziehen sich ausschliesslich auf reinen psychischen Stress und können nicht auf andere Belastungen wie z.B. körperliche Belastungen (Sport) oder gemischt körperlich-psychische Belastungen (z.B. Schmerzen) übertragen werden.

Abb. 1: Verlauf der Blutzuckerwerte nüchtern Stabiler Glukoseverlauf am Kontroll- und Stresstag. Durchführung des Tests zwischen 13.00 und 15.00 Uhr, nachdem die Probanden kein Mittagessen eingenommen hatten.

Chronischer psychischer Stress kann schlechtere Diabeteseinstellung bedeuten
Es ist unumstritten, dass der Diabetes bei Menschen mit chronischen psychischen Belastungen statistisch schlechter eingestellt ist als bei Patienten ohne chronischen Stress. Dies gilt z.B. für Patienten mit einer Depression, bei Verlust einer nahestehenden Person, bei Mobbing am Arbeitsplatz oder Arbeitslosigkeit. Es ist anzumerken, dass natürlich individuelle Unterschiede bestehen und im Einzelfall auch mit einer chronischen psychischen Belastung der Diabetes gut eingestellt sein kann. Weiter wurde in wissenschaftlichen Untersuchungen gezeigt, dass Patienten mit chronischem Stress als Folge der schlechteren Einstellung häufiger diabetische Spätkomplikationen entwickeln und auch häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden. Es wurde gezeigt, dass bei Patienten mit Diabetes und Depression die Durchführung der Behandlung des Diabetes oft schlechter gelingt. Depressive Patienten mit Diabetes vergessen zum Beispiel häufiger, die Tabletten einzunehmen oder die Insulininjektion durchzuführen. Ebenso ist es wahrscheinlich, dass bei chronischem Stress die Massnahmen bezüglich gesunder Ernährung und körperlicher Aktivität von den Patienten weniger optimal umgesetzt werden. Es ist darum nicht sicher, ob die chronische psychische Belastung selbst zu einer schlechteren Kontrolle des Diabetes führt oder ob das schlechtere Management des Diabetes bei Depression für die schlechtere Einstellung  verantwortlich ist. Um diese Fragestellung beantworten zu können, haben wir Patienten mit Diabetes unter kontrollierten Bedingungen einer akuten psychischen Belastung ausgesetzt.

Abb. 2: Verlauf der Blutzuckerwerte nach einer Mahlzeit Der Stresstest wurde 75 Minuten nach der Einnahme einer standardisierten Mahlzeit durchgeführt. Der Verlauf des Blutzuckers am Kontrolltag ist blau dargestellt, mit dem Anstieg der Zuckerwerte nach der Mahlzeit. 3 Stunden nach der Mahlzeit ist der Blutzucker wieder auf dem Niveau wie vor der Mahlzeit. Dies spricht dafür, dass die applizierte Menge des Mahlzeiteninsulins korrekt war. Die Glukosewerte am Kontrolltag und Stresstag verliefen bis zum Beginn des Stresstests nahezu identisch. Auch in den ersten 30 Minuten nach dem Stresstest verliefen die Glukosewerte sehr ähnlich, es kam dann aber am Stresstag zu einer Verzögerung des Glukoseabfalls nach der Mahlzeit. Die Verzögerung betrug 45 Minuten, die maximale Differenz der Glukose 1,4 mmol/l.

Effekt einer mittelstarken akuten psychischen Belastung auf den Blutzucker
Um den Einfluss einer Mahlzeit ausschliessen zu können, haben wir die Patienten im Nüchternzustand einer akuten psychischen Belastung ausgesetzt. Die Resultate wurden mit einem Tag ohne psychischen Stress verglichen. Am «Stresstag» wurden die Patienten während einem gespielten Bewerbungsgespräch vor Publikum und laufender Videokamera untersucht. Während dem Stresstest wurden neben dem Blutzucker auch Blutdruck und Puls gemessen. Durch den ausgeprägten Anstieg von Blutdruck und Puls während dem Test konnte gezeigt werden, dass die Patienten auch wirklich gestresst waren. Obwohl die Stresshormone durch das Bewerbungsgespräch eindeutig angestiegen sind,
hat sich der Blutzucker durch den psychischen Stress prak-tisch überhaupt nicht verändert (Abb. 1). Wir haben diese Untersuchung mit dem gleichen Ergebnis bei Patienten mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes durchgeführt. Es ist also davon auszugehen, dass eine akute psychische Belastung von 15 bis 30 Minuten Dauer im Nüchternzustand keinen Einfluss auf die Blutzuckereinstellung hat, unabhängig vom Diabetestyp.

Spielt die Wechselwirkung von Mahlzeiten und Stress eine Rolle?
Die oben beschriebenen Ergebnisse sind im Widerspruch mit den Erfahrungen der Patienten mit Diabetes, welche oft über Blutzuckererhöhungen durch Stress berichten. Wir haben darum weitere Untersuchungen durchgeführt und wollten eine Wechselwirkung zwischen Stress und Mahlzeit aufzeigen. Die Freisetzung des wichtigsten Stresshormons (Cortisol) aus der Nebenniere als Antwort auf Stress ist nach einer kohlenhydratreichen Mahlzeit stärker als im Nüchternzustand. Es wäre daher möglich, dass psychischer Stress nur nach der Einnahme einer Mahlzeit zu einer Blutzuckererhöhung führt. Aus diesem Grund haben wir Patienten mit Diabetes nach der Einnahme einer Mahlzeit einer akuten psychischen Belastung ausgesetzt. Dabei haben wir gefunden, dass es bei Patienten mit Typ-1-Diabetes durch eine akute psychische Belastung tatsächlich zu einer Verzögerung des Blutzuckerabfalls nach der Mahlzeit kommt (Abb. 2). Die maximale Blutzuckererhöhung durch die psychische Belastung war aber nur 1,4 mmol/l. Der Effekt einer psychischen Belastung auf den Blutzucker hängt also davon ab, ob eine Mahlzeit eingenommen wurde oder nicht, ist aber auf jeden Fall nicht besonders ausgeprägt. Bei Patienten mit Typ-2-Diabetes haben wir auch nach der Einnahme einer Mahlzeit keinen Effekt auf den Blutzucker nachweisen können. Wir haben die Patienten jeweils 75 Minuten nach der Einnahme einer Mahlzeit mit 50 Gramm Kohlenhydraten gestresst. Möglicherweise hätte ein anderer zeitlicher Ablauf von Mahlzeit und Stress einen stärkeren Effekt auf die Blutzuckereinstellung. Es ist aber zusammenfassend davon auszugehen, dass sowohl bei Patienten mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes keine ausgeprägten Blutzuckererhöhungen durch eine akute psychische Belastung ausgelöst werden.

Führt eine starke psychische Belastung zu einer Blutzuckererhöhung?
Um die Patienten einer noch stärkeren psychischen Belastung auszusetzen, sind wir mit 20 Patienten mit Typ-1-Diabetes in den Europapark Rust gefahren. Die Patienten sind dort innerhalb von 15 Minuten auf zwei Achterbahnen (SilverStar und Eurosat) gefahren (Abb. 3). Der Puls der Patienten stieg während der Fahrt auf der Achterbahn auf durchschnittlich 158 Schläge pro Minute; die Patienten waren also offensichtlich sehr stark gestresst. Dabei mussten wir wiederum feststellen, dass sowohl im Nüchternzustand (Abb. 4) als auch nach der Einnahme einer Mahlzeit kein wesentlicher Effekt auf den Blutzucker nachzuweisen war. Die Blutzuckerwerte waren während der Achterbahnfahrt nach einer Mahlzeit sogar leicht tiefer als am Tag ohne Stress. Obwohl es also durch die Achterbahnfahrt zu einem massiven Anstieg der Stresshormone kam, konnte keine Blutzuckererhöhung oder gar Entgleisung nachgewiesen werden.

Abb. 3: Wir stellten uns die Frage, ob wir unsere Patienten zuwenig gestresst hatten. Darum schickten wir 20 Patienten auf die höchste Stahlachterbahn Europas – die Silverstar im Europa Park Rust.
Abb. 4: Achterbahn im Nüchternzustand Im Nüchternzustand hatte der Stress durch die Achterbahnfahrt keinen Einfluss auf den Blutzucker, obwohl die Herzfrequenz auf 170/min angestiegen war.

Zusammenfassung und offene Fragen
Es ist offensichtlich, dass chronischer psychischer Stress bei Menschen mit Diabetes den Blutzucker erhöhen kann. Da auch eine ausgeprägte akute psychische Belastung den Blutzucker nicht oder nur unwesentlich erhöht, scheinen andere Faktoren als der psychische Stress selbst für die Blutzuckererhöhung verantwortlich zu sein. Daher ist es bei Patienten mit chronischen psychischen Belastungen entscheidend, exakt das Management des Diabetes auch bei Kummer und Sorgen möglichst optimal zu gestalten. Die korrekte Einnahme der Tabletten und die Durchführung der Insulintherapie sind dabei ebenso wichtig wie das Verhalten bezüglich Ernährung und Bewegung. Bei akuten und kurzdauernden psychischen Belastungen sollten Menschen mit Diabetes auf eine mögliche Wechselwirkung mit den Mahlzeiten achten. Ungeklärt ist zum momentanen Zeitpunkt, ob allenfalls wiederholte psychische Belastungen zu einer Blutzuckererhöhung führen können. Diese Fragestellung versuchen wir in einer geplanten Studie bei Patienten mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes in Zukunft beantworten zu können.

PD Dr. Peter Wiesli
Kantonsspital Frauenfeld
Medizinische Klinik

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