Übergewicht bei Kindern

Übergewicht ist definiert als Abweichung vom Idealgewicht und beruht in der Regel auf einem Überfluss an Fettmasse. Medizinisch-wissenschaftlich wird zusätzlich der Begriff der Adipositas verwendet, deren Definition aber international nicht einheitlich angewendet wird, was vor allem beim Vergleich verschiedener Studien berücksichtigt werden muss. Vereinfacht kann man sagen, dass mittlere und schwere Formen der Übergewichtigkeit unter den Begriff «Adipositas» fallen. In der Folge werde ich nur den Oberbegriff «Übergewicht» verwenden.

Die Häufigkeit von Übergewicht nimmt in den Industrieländern, neuerdings auch in den Entwicklungsländern in allen Altersgruppen massiv zu. Die daraus resultierenden individuellen (gesundheitlichen) und volkswirtschaftlichen Konsequenzen sind immens. Da die Behandlungsmöglichkeiten begrenzt sind, kommt der Prävention eine wichtige Bedeutung zu. In der Folge sollen die wichtigsten epidemiologischen, ursächlichen und medizinischen Aspekte diskutiert werden.

Zunahme der Übergewichtigkeit im Kindes- und Jugendalter in den vergangenen 40 Jahren in den USA.

Epidemiologie
Die Häufigkeit von Übergewicht im Kindesalter nimmt weltweit drastisch zu. In Nordamerika und in Europa ist mindestens jedes 6. Kind übergewichtig! Zur Veranschaulichung seien hier einige Zahlen aus Studien zitiert. In den USA hat sich in den letzten dreissig Jahren der Anteil übergewichtiger Kinder und Jugendlicher verdreifacht: Waren zwischen 1971 und 1974 je nach Altersgruppe ca. 4–6% aller Kinder übergewichtig, so waren es zwischen 1999 und 2000 bereits 10–16% (siehe Grafik). Eine ähnliche Zunahme der Übergewichtigkeit findet sich auch in Europa und in der Schweiz.

Auf dem Markt in Lautoka, Fidschi (Südpazifik).

Ursachen (Ätiologie)
Übergewichtigkeit ist die Folge eines chronischen Ungleichgewichts zwischen Energiezu-fuhr (Nahrung) und Energieverbrauch (Wärmeerzeugung, körperliche Aktivität). Die Steuerung dieser Prozesse ist komplex und erfolgt vorwiegend durch das Gehirn, wobei diese Steuerzentren im Gehirn in ständigem Austausch mit verschiedenen Organen – Fettgewebe, Muskulatur, Magen-Darm-Trakt etc. – stehen. Zahlreiche Faktoren und Hormone sind an diesen Regelkreisen beteiligt. Veränderungen eines oder mehrerer dieser Faktoren können das Gleichge-wicht Energiezufuhr – Energieverbrauch in die eine oder andere Richtung verschieben. Solche Veränderungen können im Erbgut fixiert sein und entsprechend auf die Nachkommen übertragen werden. Das Vorhandensein einer solchen genetischen Veränderung ist aber in den wenigsten Fällen allein verantwortlich für die vorliegende Übergewichtigkeit. Viel mehr wird die Veranlagung dazu vererbt (genetische Prädisposition), d.h. unter gewissen Umständen (Nahrungsüberschuss, verminderte körperliche Aktivität) tritt vermehrt eine Übergewichtigkeit auf. So lässt sich die Beobachtung erklären, dass Übergewichtigkeit in gewissen Bevölkerungsgruppen häufiger als in anderen auftritt (Bsp. Pima-Indianer in den USA, Naturvölker des Südpazifiks). Wäre die vorliegende Veranlagung allein verantwortlich für die Entwicklung der Fettleibigkeit, so wären diese Bevölkerungsgruppen auch in ihrer angestammten Umgebung und Tätigkeit («Jäger und Sammler») übergewichtig, was nicht der Fall ist. Erst die Versetzung in die westliche Zivilisation mit unbegrenztem Nahrungszugang und verminderter körperlicher Aktivität während der letzten 50 bis 100 Jahre führte zum gehäuften Auftreten von Übergewichtigkeit. Dies legt den Schluss nahe, dass genetische Faktoren zwar eine wichtige Voraussetzung für das Auftreten einer Übergewichtigkeit darstellen, ohne das Vorhandensein von begünstigenden Lebensumständen diese aber kaum in Erscheinung treten.
Interessanterweise hat sich die quantitative Kalorienzufuhr in den letzten 30 Jahren kaum verändert, das heisst Kinder und Jugendliche von heute essen effektiv nicht mehr als früher. Hingegen hat sich die Zusammensetzung der Nahrung wesentlich verändert: Wir essen vor allem weniger Milchprodukte, dafür umso mehr Kohlenhydrate mit einem hohen glykämischen Index, beispielsweise gesüsste Tafelgetränke, Weissbrot etc. Diese Kohlenhydrate werden rasch aus dem Verdauungstrakt absorbiert und gehen somit mit einem raschen Blutzuckeranstieg einher und scheinen einen ungünstigen Einfluss zu haben. Der Mechanismus hierfür ist nicht klar, ein rascher Anstieg der Insulinsekretion nach Genuss dieser Nahrungsmittel (Hyperinsulinismus) scheint aber wichtig zu sein. Neben der veränderten Nahrungszusammensetzung spielt vor allem eine Abnahme der körperlichen Aktivität eine wesentliche Rolle. Kinder und Jugendliche bewegen sich weniger und verbringen mehr Zeit in sitzender Position als früher: Sie sehen mehrere Stunden pro Tag fern, verbringen viel Zeit vor dem Computer etc. Mehrere Studien konnten aufzeigen, dass übergewichtige Kinder einen wesentlich höheren täglichen Fernsehkonsum aufweisen als ihre schlanken Altersgenossen. Zudem werden vor dem Fernseher häufig Snacks und Süssgetränke konsumiert, wozu die Kinder und Jugendlichen direkt durch die wiederholten Nahrungsmittel-Werbungen auf praktisch sämtlichen Fernsehkanälen ermuntert werden. Der negative Einfluss einer verminderten körperlichen Aktivität auf den Energiehaushalt wird somit noch durch eine vermehrte Nahrungszufuhr verstärkt.
Kinder übergewichtiger Eltern haben ein signifikant erhöhtes Risiko, ebenfalls eine Übergewichtigkeit zu entwickeln. Sind beide Elternteile übergewichtig, so findet sich in bis zu 75% eine Übergewichtigkeit bei den Kindern, ist nur ein Elternteil betroffen, so liegt das Risiko bei bis zu 45% (Risiko bei schlanken Eltern je nach Studie bis zu 10%). Diese familiäre Häufung spricht einerseits für das erwähnte Vorliegen genetischer Faktoren, welche die Entwicklung einer Übergewichtigkeit begünstigen können. Andererseits ist das Verhaltensmuster (Essverhalten, Ausmass an körperlicher Aktivität) und die Nahrungsmittelzusammensetzung innerhalb einer Familie sehr ähnlich, was die Wichtigkeit von Umweltfaktoren in der Entstehung der Übergewichtigkeit unterstreicht. Interessanterweise scheint auch das Geburtsgewicht die spätere Entwicklung einer Übergewichtigkeit zu beeinflussen: Vor allem untergewichtige Neugeborene sind gehäuft übergewichtig im Kindes- und Erwachsenenalter.

Schweizer Kinder im Alter zwischen drei und 14 Jahren sitzen im Durchschnitt täglich rund 80 Minuten vor dem Fernseher.
Abb.: Schweizerische Herzstiftung, Bern

Hormonelle Störungen (Schilddrüsen-Erkrankungen, überschiessende Kortisolproduktion) werden häufig mit einer Übergewichtigkeit in Verbindung gebracht. Tatsache ist aber, dass in den wenigsten Fällen von übergewichtigen Kindern und Jugendlichen eine solche nachgewiesen werden kann.

Konsequenzen
Die gesundheitlichen Konsequenzen der Übergewichtigkeit sind vielfältig und die Lebenserwartung übergewichtiger Patienten ist vermindert. Verschiedene Organsysteme können dabei betroffen sein. Eine typische Folgeerkrankung der Übergewichtigkeit ist der Typ-2-Diabetes. Trat dieser noch vor zwanzig Jahren praktisch ausschliesslich bei Patienten mittleren und hohen Alters auf (daher auch die frühere Bezeichnung «Altersdiabetes»), so finden sich heute, als Folge der massiven Zunahme der Übergewichtigkeit im Kindes- und Jugendalter, mehr und mehr Jugendliche mit diesem Krankheitsbild. In gewissen städtischen Kliniken in den USA weisen 50% aller neu diagnostizierten Jugendlichen mit Diabetes einen Typ-2-Diabetes auf! Zwar trifft dies für Europa in diesem Ausmass (noch) nicht zu, doch finden sich auch bei uns übergewichtige Jugendliche mit Typ-2-Diabetes, und die Tendenz ist klar steigend. Insbesondere darf dieses Krankheitsbild nicht verpasst werden, da dieses im Gegensatz zum Typ-1-Diabetes weit weniger dramatisch verläuft und die Diagnose nicht selten erst beim Vorhandensein von Spätkomplikationen gestellt wird. Das Risiko, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln, ist besonders bei übergewichtigen Jugendlichen mit positiver Familienanamnese (d. h. andere Familienangehörige weisen bereits einen Typ-2-Diabetes auf) hoch. Die wirksamste Therapie eines Typ-2-Diabetes ist die Gewichtsreduktion, welche generell bei allen Übergewichtigen anzustreben ist.
Übergewichtigkeit geht zusätzlich mit einem erhöhten Risiko, an Herz-Gefäss-Krankheiten, arteriellem Bluthochdruck und Gallen- und Nierensteinen zu erkranken, einher. Auch finden sich gehäuft Abnormitäten der Blutfette (erhöhtes Cholesterin, erhöhte Triglyzeride), Schlafstörungen (Schlaf-Apnoe-Syndrom) und orthopädische Probleme. Nicht ausser Acht zu lassen sind die psychosozialen Konsequenzen der Übergewichtigkeit. Übergewichtige Kinder werden vermehrt gehänselt und ausgegrenzt und ihr Selbstbewusstsein ist vermindert, was sich langfristig negativ auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken kann.

Kinder sollen durch regelmässige sportliche Aktivitäten schon frühzeitig zu einem gesunden Lebensstil animiert werden.
Abb.: Schweizerische Herzstiftung, Bern

Massnahmen Im Vordergrund stehen präventive Massnahmen: Mittels einer gesunden und ausgewogenen Ernährung sowie regelmässiger körperlicher Aktivität gilt es der Entstehung der Übergewichtigkeit vorzubeugen. Den Eltern kommt hier eine wichtige Vorbildfunktion zu. Wie bereits oben erwähnt, ist das Risiko einer kindlichen Übergewichtigkeit bei übergewichtigen Eltern wesentlich erhöht. Neben der vererbten (und wenig beeinflussbaren) genetischen Veranlagung spielen hier Essverhalten und der Stellenwert von körperlicher Aktivität innerhalb der Familie eine entscheidende Rolle. Es ist eine alte erzieherische Weisheit, dass Kinder ihre Eltern imitieren. Das Umsetzen der präventiven Massnahmen wird somit nur gelingen, wenn diese auch von den Eltern vorgelebt werden. Einige einfache individuelle Massnahmen seien hier zur Illustration angefügt: Weglassen von gesüssten Tafelgetränken (Wasser ist der beste Durstlöscher und zudem viel billiger!), Vollkornbrote statt Weiss- oder Halbweissbrote, pflanzliche Fette anstelle tierischer Fette, Gemüse/Früchte als regelmässiger Bestandteil jeder Mahlzeit, regelmässig über den Tag verteilte Mahlzeiten (Frühstück nicht vergessen – Kinder und Jugendliche, die kein Frühstück einnehmen, weisen gehäuft eine Adipositas auf!); Bewältigung kurzer Strecken zu Fuss oder mit dem Fahrrad anstatt mit dem Auto oder Moped, regelmässige sportliche Betätigung (Sportart soll gemäss dem Interesse des Kindes und nicht der Eltern ausgewählt werden!), Limitierung des täglichen Konsums von Fernsehen und elektronischen Spielen. Neben diesen individuellen/familiären Massnahmen braucht es aber auch politische. Anzustreben wäre ein generelles Werbeverbot für Nahrungsmittel und Getränke. Zudem sollte das Thema «Übergewichtigkeit» ein fixer Bestandteil des Schulstoffes sein. Aufgrund der potenziell schwerwiegenden gesundheitlichen Risiken der Übergewichtigkeit sollte bei allen gefährdeten Kindern und Jugendlichen eine Gewichtsreduktion angestrebt werden. Dabei muss einerseits die Kalorienzufuhr gesenkt, andererseits die körperliche Betätigung gesteigert werden (ähnlich den oben erwähnten präventiven Massnahmen). Letztere scheint für einen anhaltenden Erfolg der Gewichtsreduktion von entscheidender Bedeutung zu sein: Eine gross angelegte amerikanische Studie konnte aufzeigen, dass eine alleinige Kalorienreduktion meist nur zu einer kurzfristigen Gewichtsverminderung führt, währenddem die Kombination von Kalorienreduktion und vermehrter körperlicher Aktivität häufiger von einer anhaltenden Gewichtsreduktion begleitet ist. Das Beiziehen einer professionellen Ernährungsberatung, welche über ausgewiesene Erfahrung im Umgang mit Kindern und Jugendlichen verfügt, ist wichtig, und regelmässige Gewichtskontrollen beim Hausarzt sind anzustreben. Auch muss die ganze Familie mit einbezogen werden (Änderung von Essgewohnheiten und körperlicher Aktivität!); nur so besteht Aussicht auf eine erfolgreiche und langfristige Gewichtsreduktion. Bereits eine geringgradige Gewichtsreduktion scheint die gesundheitlichen Risiken der Übergewichtigkeit nachhaltig zu vermindern. Medikamentöse und chirurgische Massnahmen, wie sie teilweise bei Erwachsenen praktiziert werden, kommen wegen potenzieller Nebenwirkungen im Kindesalter nicht in Frage.

Schlussfolgerungen
Die Häufigkeit der Übergewichtigkeit im Kindesalter hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten massiv zugenommen. Hauptverantwortlich hierfür sind eine verminderte körperliche Betätigung und eine veränderte Nahrungszusammensetzung. Aufgrund des erhöhten Gesundheitsrisikos sollte einerseits durch präventive Massnahmen das Auftreten einer Übergewichtigkeit im Kindesalter vermieden, andererseits bei jedem übergewichtigen Kind und Jugendlichen eine weitgehende Normalisierung des Körpergewichts mittels Kalorienreduktion und aufbauender körperlicher Aktivität angestrebt werden. Dies erfordert viel Selbstdisziplin und in der Regel eine Änderung des Lebensstils der ganzen Familie.



BMI 25

BMI 30

Alter (Jahre)

Knaben

Mädchen

Knaben

Mädchen

2

18,41

18,02

20,09

19,81

2,5

18,13

17,76

19,80

19,55

3

17,89

17,56

19,57

19,36

3,5

17,69

17,40

19,39

19,23

4

17,55

17,28

19,29

19,15

4,5

17,47

17,19

19,26

19,12

5

17,42

17,15

19,30

19,17

5,5

17,45

17,20

19,47

19,34

6

17,55

17,34

19,78

19,65

6,5

17,71

17,53

20,23

20,08

7

17,92

17,75

20,63

20,51

7,5

18,16

18,03

21,09

21,01

8

18,44

18,35

21,60

21,57

8,5

18,76

18,69

22,17

22,18

9

19,10

19,07

22,77

22,81

9,5

19,46

19,45

23,39

23,46

10

19,84

19,86

24,00

24,11

10,5

20,20

20,29

24,57

24,77

11

20,55

20,74

25,10

25,42

11,5

20,89

21,20

25,58

26,05

12

21,22

21,68

26,02

26,67

12,5

21,56

22,14

26,43

27,24

13

21,91

22,58

26,84

27,76

13,5

22,27

22,98

27,25

28,20

14

22,62

23,34

27,63

28,57

14,5

22,96

23,66

27,98

28,87

15

23,29

23,94

28,30

29,11

15,5

23,60

24,17

28,60

29,29

16

23,90

24,37

28,88

29,43

16,5

24,19

24,54

29,14

29,56

17

24,46

24,70

29,41

29,69

17,5

24,73

24,85

29,70

29,84

18

25,00

25,00

30,00

30,00

Altersspezifische BMI-Grenzwerte für Mädchen und Knaben, welche im Alter von 18 Jahren in einem BMI von 25 kg/m2 (Übergewicht) oder von 30 kg/m2 (Adipositas) resultieren (nach Cole et al.)

Wichtige Adressen:
NUTRINFO Informationsdienst für Ernährungsfragen
Montag–Freitag 8.30–12.00 Uhr, Tel. 031 385 00 08
E-Mail: nutrinfo-d {at} sge-ssn.ch
akj Schweizerischer Fachverein Adipositas im Kindes- und Jugendalter (für professionelle Hilfe für Kinder und Jugendliche mit Adipositas)
Kontaktadresse: Sekretariat akj
Migros-Genossenschafts-Bund
Kulturprozent/Life & Work
Susi Sennhauser, Postfach, 8031 Zürich
Tel. 01 277 21 78, E-Mail akj {at} mgb.ch

Buchtipp; Übergewicht bei Kindern, zu beziehen bei SGE SSN, Postfach 361, 3052 Zollikofen, Tel. 031 919 13 06, Fax 031 919 13 14, E-Mail: shop {at} sge-ssn.ch, Internet: www.sge-ssn.ch

Dr. med. Daniel Konrad
Oberarzt Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie
Universitäts-Kinderklinik
Steinwiesstrasse 75
8032 Zürich

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