Eine betroffene Mutter berichtet

Ein Krankenhausaufenthalt ist immer etwas sehr Belastendes, vor allem wenn er unverhofft kommt und dann noch über längere Zeit dauert. So erging es uns vor vier Jahren. Nun betraf es uns als Familie, und es ging nicht etwa um mich oder meinen Mann, sondern um unser zwei Jahre altes Kind. Fabienne war nur zum Röntgen in den Notfall geschickt worden – Verdacht auf Lungenentzündung –, doch aus dieser Lungenentzündung wurde plötzlich ein Diabetes, aus dem ambulanten wurde ein stationärer Aufenthalt.

Natürlich fingen wir an, uns Vorwürfe zu machen, doch ein Professor klärte uns auf und beruhigte uns.
Innert anderthalb Wochen lernten wir das ganze Drum und Dran eines Diabetikers. Unsere Tochter war da jedoch nicht sehr kooperativ: Sie verweigerte nicht nur die Spritzen, sondern auch sonst noch so sämtliche Untersuchungen wie z.B. auf die Waage zu sitzen. Doch zu zweit oder sogar zu dritt half man diesem Problem schnell ab…
Meine Tochter und ich waren so ziemlich psychisch am Ende. Meine Tochter fing bereits an zu schreien, wenn eine Schwester nur das Zimmer betrat. So beschloss ich, diese Verrichtungen so schnell wie möglich in die eigene Hand zu nehmen, um das Spital verlassen zu können. Am Anfang war ich 24 Stunden bei meiner Tochter, doch dann blieb ich nur noch, bis sie nachts eingeschlafen war, und kam morgens gegen 6.30 Uhr wieder.
Nach diversen Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Spitalpersonal und mir verliess ich gegen den Rat des Personals das Spital. Ich verstand nicht, weshalb man ein Kind so quälen musste, nur um die 08/15-Untersuchungen abzuschliessen. War sie mit den Spritzen nicht genug geplagt? Überhaupt mit der ganzen Geschichte? Sie wusste nicht einmal, was sie hatte, sie war ja erst zwei Jahre alt! Hätte ich uns weiter diesen psychischen Strapazen aussetzen sollen? Man kann doch, bis sich ein Kind beruhigt hat, von gewissen nebensächlichen Behandlungen absehen?
Zu Hause versuchten wir, mit dem Diabetes ein harmonisches Leben zu führen. Sämtliche gluschtigen Sachen wurden aus der Küche verbannt. Auch mein neues Guetzlibuch von Betty Bossi fand bei meiner Schwägerin Unterschlupf. Es war Adventszeit, für uns keine Zeit, um an Weihnachten zu denken. Der Weihnachtsbaum stand mager mit ein paar Kugeln geschmückt da. Keine Schoggitannzapfen oder Kugeln, wie sie zu meiner Kinderweihnacht gehörten. Ich brauchte Zeit, um mit dieser neuen Art von Weihnachten zurechtzukommen.
Am Anfang waren drei Waagen in der Küche und eine Reisewaage im Auto. Doch was interessierten unsere Tochter 70 g Banane, wenn sie gerade 140 g wollte!
Heute sind diese Zeiten passé. Keine Waage beherrscht mehr unsere Küche. Auch der Weihnachtsbaum hat wieder Schokolade an den Zweigen; denn unsere Tochter kennt jetzt die Diabetikerregeln und hält sich FAST meistens daran…

S. R.

Nach oben