Diabetes Typ 2: Immer häufiger bei Kindern

Martin ist elf Jahre alt. Bei einer Länge von 145 cm wiegt Martin 110 kg. Auch alle anderen Familienmitglieder sind kräftig gebaut. Bei einer Routineuntersuchung wegen Bauchschmerzen fand sein Kinderarzt Zucker im Urin. Die Diagnose im Kinderkrankenhaus lautete: Typ-2-Diabetes – die gleiche Erkrankung, die auch schon sein Vater und seine Grosseltern haben.

Martin ist kein Einzelfall. Obwohl die weitaus häufigste Art der Zuckerkrankheit bei Kindern und jugendlichen der Typ-1-Diabetes ist, wird in letzter Zeit immer häufiger auch bei Kindern ein Typ-2-Diabetes diagnostiziert. Die Zeiten, zu denen man noch den Typ-2-Diabetes als «Altersdiabetes» bezeichnete, sollten längst vorbei sein. Vor allem in Nordamerika und Japan ist der Typ-2-Diabetes bei Kindern besonders nach der Pubertät fast so häufig wie ein Typ-1-Diabetes geworden.

Übergewicht: wichtigster Risikofaktor Als wichtigster Risikofaktor ist das Übergewicht zu nennen; daneben spielen Vererbungsfaktoren eine wichtige Rolle. So tritt die Erkrankung besonders bei bestimmten ethnischen Gruppen häufiger auf: bei Amerikanern afrikanischer Herkunft, Menschen mexikanisch-amerikanischer Abstammung sowie Menschen südasiatischer bzw. arabi-scher Herkunft. Auch in Deutschland scheint die Erkrankung zuzunehmen – allerdings ist sie insgesamt noch sehr selten. Bei einer Auswertung der Diabetesqualitätssicherungsdaten der deutschen Kinderkliniken waren in dem Computerprogramm gegenüber 15000 Kindern und jugendlichen mit Typ-1-Diabetes nur 72 Kinder mit Typ-2-Diabe-tes registriert. Im Gegensatz zum Typ-1-Diabetes ist die Diagnose wie bei Martin oft ein Zufallsbefund, ohne dass sich die Kinder vorher richtig krank gefühlt haben. Gewöhnlich haben Jugendliche mit Typ-2-Diabetes andere Familienmitglieder mit dieser Erkrankung: Fast alle haben ein ausgeprägtes Übergewicht. Die typischen Symptome des Typ-1-Diabetes wie Gewichtsverlust, häufiges Wasserlassen und grosser Durst sind seltener. Da aber eine rechtzeitige Diagnose und Behandlung auch beim Typ-2-Diabetes im Kindesalter ausserordentlich wichtig ist, empfehlen Kinderärzte beim Vorliegen dieser Risikofaktoren eine regelmässige Kontrolle der Urinzuckerausscheidung. Wenn in einer Urinprobe Zucker nachweisbar ist, sollte sofort eine weitere kinderdiabetologische Abklärung erfolgen. Übergewicht ist der Grund! Warum nimmt nun der Typ-2-Diabetes bei Kindern zu? Hauptursache ist die sehr rasche und dramatische Zunahme des Übergewichts im Kindes- und Jugendalter: In den Jahren 1975 und 1985 wurden nur jeweils zehn Prozent der 10- bis 13-jährigen deutschen Kinder als übergewichtig eingestuft – im Jahr 1995 lag die Rate bei rund 20 Prozent und hat im Jahr 2000 bei Jungen 30 Prozent und bei Mädchen 25 Prozent fast erreicht. Kürzlich veröffentlichte Studien legen die Ursachen für diese Zunahme des Übergewichts dar: So konnte man zum Beispiel einen direkten Zusammenhang herstellen zwischen der Anzahl der vor dem Fernseher verbrachten Stunden und der Fettfaltendicke von Kindern. Ein anderer Risikofaktor fand sich in der zweijährigen Nachverfolgung von 600 elfjährigen amerikanischen Kindern: Pro überdurchschnittlich getrunkenem zuckerhaltigen Softdrink stieg das Risiko für Übergewicht 11/2fach an. Befragungen von übergewichtigen Schulkindern haben aber auch gezeigt, dass nur geringe Kenntnisse über den Kaloriengehalt der Nahrung vorhanden sind: So manchem Jugendlichen ist nicht bewusst, dass er beim letzten Besuch im Fastfood-Restaurant seinen Kalorienbedarf für die nächsten drei Tage gedeckt hat. Neben den familiären Vererbungsfaktoren sind also Fehlernährung und Bewegungsmangel wichtige Risikofaktoren auch für den Typ-2-Diabetes bei Kindern. Martin: Nun auf dem Sportplatz Für Martin kommen diese Erkenntnisse nicht zu spät: Schon von seiner eigenen Familiengeschichte her sind ihm die Folgen eines schlecht eingestellten Diabetes bekannt. Während Martin zunächst mit Insulin und Tabletten behandelt werden musste, gelang es ihm in der Zwischenzeit, durch Änderung seiner Lebensgewohnheiten 10 kg an Gewicht abzunehmen. Statt vor dem Fernseher sieht man ihn jetzt häufiger auf dem Sportplatz, wo er mit Begeisterung American Football spielt. Cola und Eistee hat er komplett von seinem Nahrungsplan gestrichen. Durch die Gewichtsabnahme ist eine Insulinbehandlung zurzeit nicht mehr nötig. Sicher gelingt es nicht allen Jugendlichen, so wie Martin sofort das Ruder herumzureissen. Wie beim Typ-1-Diabetes bei Kindern ist daher eine Betreuung durch ein kinderdiabetologisches Team unter Einbeziehung von Diabetesberaterinnen, Psychologen, Sozialarbeitern und Ärzten erforderlich, damit auch Kinder und Jugendliche mit Typ-2-Diabetes optimistisch in die Zukunft schauen können.

PD Dr. Thomas Danne Diabetes-Zentrum für Kinder und Jugendliche, Hannover Aus «Diabetes-Journal» 6/2002

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