Diabetes im Kindergarten – Erfahrungsbericht einer Kindergärtnerin

Während zwei Jahren hatte ich ein Mädchen mit Diabetes Typ 1 in meiner Kindergartenklasse. Meine anfängliche Verunsicherung wich grossem Interesse, und am Ende der Zeit hatte ich eine gute und starke Beziehung zum Kind und zu den Eltern aufgebaut.

Als mich die Information erreichte, dass sich im neuen Kindergartenjahr ein Mädchen mit Diabetes Typ 1 in meiner Klasse befände, war ich neugierig, aber auch verunsichert. Da ich mich viel zu wenig mit dem Thema auskannte, wusste ich auch nicht genau, was mich erwarten würde.

Nach einem ersten Gespräch mit der Mutter waren gewisse Fragen beantwortet, aber auch einige neue aufgekommen. Zum Glück hat mich die Mutter von Marina mit vielen Broschüren und Infoblättern versorgt. Auf eigene Faust begann ich, mich in den Sommerferien zusätzlich über das Internet zu informieren, damit ich mich für den Kindergartenstart sicherer fühlte. Nun wusste ich in der Theorie sehr gut über das Thema Diabetes Typ 1 Bescheid, konnte mir aber noch nicht vorstellen, welche Auswirkungen das auf den Alltag im Kindergarten haben werde. Der erste Kindergartentag rückte immer näher, und ich erwartete mit Spannung die verschiedenen Situationen mit dem Mädchen. Zum Glück war die Familie des Kindes sehr offen, unkompliziert und verständnisvoll. Von Anfang an genoss ich vollstes Vertrauen von den Eltern. Dies war für mich eine Erleichterung und gab mir Sicherheit im Umgang mit Marina und ihrer Erkrankung.

Die Blutzuckermessung klappte vom ersten Tag an super, da Marina dies von Anfang an selbständig durchführte. Ich musste nur auf die entsprechenden Werte reagieren und kontrollieren, dass das Mädchen die Zahlen bei der Insulinabgabe richtig eingab. Das Mädchen ging sehr unkompliziert mit der Blutzuckermessung und ihrer Insulinpumpe um. Im Allgemeinen wirkte sie sehr selbstbewusst und reif. Im Kindergartenalltag wurde jeweils vor dem Znüni und bevor ich Marina nach Hause schickte gemessen. Solange die Werte im normalen Bereich lagen, war alles in Ordnung. Wenn der Wert zu tief oder zu hoch war, wurde zu Beginn des Jahres noch meine Unerfahrenheit spürbar. Sollte ich wirklich nochmals so viel Insulin spritzen? Wäre der Wert plötzlich wieder zu hoch, wenn ich Traubenzucker gäbe? Zum Glück war Marinas Mutter jederzeit telefonisch erreichbar, und somit durfte ich anfangs noch sehr häufig rückfragen. Je länger Marina bei mir den Kindergarten besuchte, desto sicherer wurde ich. Ich setzte mich immer mehr mit dem Thema Diabetes auseinander, so dass ich mich jetzt sehr gut auskenne. Anfangs wurde Marina bei ausserschulischen Anlässen noch von ihrer Mutter begleitet. Mit der Zeit fühlte ich mich dann so sicher, dass die Mutter auch nicht mehr dabei war, wenn wir das Schulzimmer verliessen. Da es sowohl der Mutter als auch mir wichtig war, dass Marina einen normalen Kindergartenalltag erleben konnte, bemühte ich mich, dieses Mädchen nicht anders zu behandeln als alle anderen. Ich glaube, das hat Marina gut getan, und sie wurde von den anderen ganz automatisch auch nicht anders wahrgenommen als der Rest der Klasse.

Im Verlaufe des Jahres hatte das Blutzuckermessen das Interesse der anderen Kindergartenkinder geweckt. Zunächst wollten sie nur zuschauen. Mit der Zeit kamen immer mehr Fragen auf, so dass ich gemeinsam mit dem betroffenen Mädchen entschied, die anderen Kinder aufzuklären. Mit Hilfe des Bilderbuchs «Anna und der grosse Durst» haben wir den anderen Kindergartenkindern alles erklärt.

Marina war es zunächst ein bisschen unangenehm, so im Vordergrund zu stehen, aber das Verhalten der anderen Kinder ihr gegenüber hat sich nicht verändert. Mich erstaunte es sehr, wie viel die Kinder von der kurzen Geschichte aufgenommen hatten und dass sie von diesem Tag an genau wussten, dass sie Marina keine Smarties o.ä. geben durften. Ich glaube, dass die anderen Kinder von dem Gelernten profitiert haben und etwas über die Verschiedenartigkeit der Menschen und die unterschiedlichen Lebenssituationen gelernt haben.

Zu Marina baute ich eine ganz besondere Bindung auf, so dass wir beide am Ende der zwei Jahre sehr traurig waren, uns zu verabschieden. Auch zu den Eltern hatte ich eine nahe Beziehung aufgebaut, welche auf regem Austausch und gegenseitiger Wertschätzung beruhte.

Rückblickend würde ich sagen, dass eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern absolut unabdingbar ist, wenn man ein Kind mit Diabetes im Kindergarten hat. Schliesslich war es eine lehrreiche Erfahrung und ich bin sehr dankbar, dass ich diese machen durfte. Ich habe einiges fürs Leben gelernt, Selbstsicherheit gewonnen, und wir konnten alle gegenseitig voneinander profitieren.

Jacqueline Tresch, Kindergärtnerin

Artikel auf der Homepage von www.swissdiabeteskids.ch