Wenn Diabetiker krank werden 2.Teil: Diabetiker, die kein Insulin spritzen

«Wieder einmal habe ich den Winter ohne Krankheit überstanden», stellt die 62jährige Frau Huber mit Erleichterung fest. Was sie nicht weiss: Die Grippewelle ist noch nicht vorbei. Zehn Tage später liegt mehr als die Hälfte der Bewohner des Mehrfamilienhauses mit Gliederschmerzen, Fieber und einem lästigen Reizhusten im Bett.

Auch Frau Huber erkrankt, obwohl sie sich mit Vitamin-Brausetabletten und einem Tee aus der Drogerie gegen die Grippe wehren wollte. Hätte sie sich wohl doch gegen die Grippe impfen lassen sollen? Weil so viele Nachbarn ebenfalls krank sind, zweifelt sie zwar nicht an der Diagnose. Dennoch ruft sie ihren Hausarzt an, welcher sie ermahnt hatte, sich bei jeder fieberhaften Erkrankung bei ihm zu melden. Etwas unsicher ist sie schon wegen ihres Diabetes. Darf sie mit den Kontrollen einige Tage aussetzen, weil sie so müde ist? Was soll sie tun mit den Tabletten, welche sie normalerweise einnimmt? Was soll sie zu sich nehmen, wenn es ihr nicht ums Essen ist?  Darf sie das Essen einfach weglassen?
Ihr Hausarzt lässt sich zuerst noch einmal die Beschwerden schildern. Er will sicher sein, dass die Symptome zur Grippe passen, die zurzeit im Dorf grassiert. Anschliessend gibt er ihr bereitwillig Auskunft auf ihre wichtigen Fragen. Beiläufig erwähnt er auch, dass die Anfälligkeit, an einer Grippe zu erkranken, bei Diabetikern keineswegs erhöht ist. Eine besondere Anfälligkeit besteht beim Diabetes nur für bestimmte Infekte wie Blasenentzündungen, Scheidenpilze und Infektionen von Haut und Schleimhäuten. Und auch dies fast ausschliesslich nur dann, wenn der Diabetes nicht unter Kontrolle ist.

Der Einfluss der Krankheit auf den Diabetes
Fassen wir, um die Antworten des Hausarztes gut verstehen zu können, nochmals zusammen, was wir über «Krankheit und Diabetes» bereits wissen («d-journal» Nummer 206, 2010): Krankheit bedeutet Stress. Stress erhöht den Insulinbedarf und damit den Blutzucker. Etwa gleich viel Insulin, wie normalerweise fürs Essen gebraucht wird, «frisst» nun die Krankheit. Mit anderen Worten: Auch wer gar nichts isst, darf die Behandlung des Diabetes nicht einfach unterbrechen, wenn er krank wird!

Nochmals: Selbstkontrolle
Es ist begreiflich, dass Frau Huber während der Grippe, welche sie schwächt, am liebsten einfach im Bett liegen würde. Gerade jetzt sind die Selbstkontrollen aber unerlässlich, weil wir im Einzelfall ja nie wissen, wie gross die Auswirkung der Krankheit auf den Zuckerstoffwechsel ist. Oft müssen die Kontrollen sogar intensiviert werden. In ausgewählten Fällen wird der Arzt auch darum bitten, das Azeton im Urin zu kontrollieren (siehe «d-journal» 206, 2010).

Tablettenbehandlung bei Krankheit
Von den Sulfonylharnstoffen und den Gliniden (siehe Tabelle) wissen wir, dass sie die Freisetzung des Insulins aus der Bauchspeicheldrüse erleichtern. Wenn wir diese Tabletten einnehmen, steht uns also mehr Insulin zur Verfügung. Daraus lässt sich einfach ableiten, dass sie auch im Krankheitsfall weiter eingenommen werden sollten, insbesondere dann, wenn die Blutzuckerkontrollen erhöhte Werte anzeigen. Vielleicht muss die Dosis des Medikaments – nach Rücksprache mit dem Arzt –  vorübergehend sogar erhöht werden.
Etwas komplizierter ist die Situation bei Diabetikern, welche mit Metformin (siehe Tabelle) behandelt sind. Im Normalfall – und bei normalem Funktionieren von Nieren und Leber – wirkt dieses seit bald 60 Jahren bekannte Medikament, das in erster Linie die Insulinresistenz verbessert, zuverlässig und sicher. In seltenen Fällen, wie zum Beispiel bei einer schwereren Erkrankung oder geschädigten Nieren, kann es indes zu einer Anreicherung von Milchsäure im Blut und selten sogar zu einer lebensgefährlichen Übersäuerung des Blutes kommen. Mit Metformin behandelte Diabetiker sollten deshalb mit ihrem behandelnden Arzt Rücksprache nehmen, wenn sie krank sind. Im Zweifelsfall: Absetzen der Medikamente während einer Krankheit!
Glitazone, DPP-4-Blocker und GLP-1-Analoga (siehe Tabelle) sind diesbezüglich einfach zu handhaben. Sie können im Krankheitsfall problemlos weiter eingenommen bzw. gespritzt werden, zumal sie auch keine ernsthaften Hypoglykämien verursachen können.
Ganz besonders dann, wenn die Behandlung unterbrochen werden muss, im Prinzip aber immer im Krankheitsstress, kann es sein, dass der Blutzucker mit Tabletten nicht mehr genügend unter Kontrolle gehalten werden kann. Dann kann der Stoffwechsel mit einer vorübergehenden Insulintherapie vor ­einer gefährlichen Entgleisung bewahrt werden.

Ernährung bei Krankheit
Das Wichtigste vorweg: Zwingen Sie sich nicht zum Essen, wenn Sie keinen Appetit haben! Übergewichtige können eventuell auf einfache Art ihr Gewicht etwas reduzieren. Durch das Fieber verlieren Sie aber viel zusätzliche Flüssigkeit. Achten Sie deshalb darauf, dass Sie besonders im Krankheitsfall eher etwas «über den Durst» hinaus trinken. Jede erdenkliche Teemischung, durchaus auch etwas mit Zucker gesüsst, ist dazu gut. Bei Übelkeit und Erbrechen hat sich zudem Coca-Cola, schluckweise getrunken, als recht günstig erwiesen. Zur besseren Bekömmlichkeit kann die Kohlensäure herausgeschüttelt werden. Bei intensivem, anhaltendem Schwitzen, wiederholtem Erbrechen oder Durchfall geht auch zu viel Salz verloren. Dieses kann ersetzt werden durch leichtes Salzen des Tees, durch Trinken von fettfreier Bouillon oder Knabbern von Salzgebäck. Zur Ernährung in kranken Tagen ist zu bemerken, dass «viele Wege nach Rom führen». Die meisten Leute lassen sich von ihrem Gefühl leiten und essen in dieser Zeit, was ihnen beliebt. Fast automatisch ist dies eine leichte, fettarme Kost. Wie zu Grossmutters Zeiten stehen dabei im Vordergrund:

  • als Brotwerte: Haferschleimsuppe, Zwieback, Knäckebrot
  • als Obstwerte: Fruchtsaft, Kompott, geraffelte ­Äpfel oder Bananen

Frau Huber hat die Erklärungen ihres Hausarztes aufmerksam aufgenommen und die Grippe gut überstanden.

Dr. med. K. Scheidegger

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