Wenn Diabetiker krank werden 1.Teil: Diabetiker, die Insulin spritzen

Mit Blaulicht musste sie ins Spital gefahren werden, die 15-jährige Ursula, welche seit vier Jahren einen Typ-1-Diabetes hat. Eigentlich habe sie «nur» eine Angina gehabt, wissen ihre Kolleginnen zu berichten. Was ist geschehen?

Vor drei Tagen hat es Ursula «erwischt». Mit hohem Fieber, starken Halsschmerzen und bleierner Müdigkeit war an den Besuch der Schule nicht zu denken. Das Schlucken war derart schmerzhaft, dass sie nichts mehr zu essen wagte. Ursula hat deshalb (!?) nur einen Drittel ihrer üblichen Insulindosis gespritzt. Auch war sie zu müde, weitere Blutzucker-Selbstkontrollen durchzuführen. Obwohl sie Antibiotika bekommen hatte, ging es ihr am dritten Krankheitstag bedeutend schlechter. Neu waren Übelkeit, Bauchschmerzen und starker Durst aufgetreten. Zudem hatte Ursula unerklärliche Atemnot, obwohl sie ja eigentlich ruhig im Bett lag. Die besorgte Mutter bat den Hausarzt um einen Besuch. Der Rest ist bereits erzählt: Eine Hospitali­sation liess sich nicht umgehen. Diagnose: Praecoma diabeticum oder dia­betische Ketoazidose.
Ursulas Spitalaufenthalt wäre selbstverständlich zu vermeiden gewesen. Sie hat eindeutig falsch reagiert. Weshalb?

Krankheit bedeutet Stress
Im Alltag spricht man von Stress, wenn man an unerledigte Arbeit denkt oder an Arbeit, die man nur ungern verrichtet. Für unseren Körper bedeutet dies aber nur selten «echten» Stress. Sicher rebelliert er bei sehr intensiver psychischer Belastung, etwa beim Tod naher Angehöriger oder bei der Kündigung der Arbeitsstelle. Echte Stressreaktionen treten aber auch auf, wenn wir krank sind oder bei Unfällen und Operationen. An dieser Reaktion mitbeteiligt sind unter anderem die uns gut bekannten Hormone Adrenalin und Cortison. Diese Hormone gehören zu den Gegenspielern des Insulins.
Die Konsequenz daraus ist klar: Bei Krankheit ist der Insulinbedarf meist deutlich erhöht!

Insulin brauchen wir auch zum Leben
Noch ein Zweites kommt dazu: Die Meinung, Insulin brauche es nur zum Essen, Insulin sei sozusagen ein Verdauungshormon, ist grundsätzlich falsch. Fast die Hälfte unseres Tagesbedarfs an Insulin produzieren (oder spritzen) wir «zum Leben». Dieses Insulin hat in erster Linie die Aufgabe, unsere körpereigene Zuckerproduktion zu regeln. Ohne Insulin würde unsere Leber viel zu viel eigenen Zucker herstellen und den Organismus damit überschwemmen und belasten. Dass nur gerade soviel Zucker produziert wird wie nötig, dafür sorgt das Insulin. Somit ist eine weitere Konsequenz klar: Auch in gesunden Tagen muss jeder Diabetiker immer und ausnahmslos mindestens die Hälfte der üblichen Insulindosis spritzen, auch wenn er während des ganzen Tages überhaupt nichts isst.
Fügen wir die beiden Erkenntnisse zusammen, dann tönt es etwa so:
1. Die eine Hälfte des Insulins spritze ich zum Leben.
2. Die andere Hälfte, welche ich sonst fürs Essen brauche, «frisst» die Krankheit (die Operation, der Stress) – nicht selten sogar deutlich mehr.
Also 3. Wenn ich krank bin, spritze ich mindestens so viel Insulin wie üblich, auch wenn ich nichts esse.

Selbstkontrolle bei Krankheit
Wir wissen nun bereits: Hätte Ursula mehr Insulin gespritzt, wäre die Entgleisung ihres Stoffwechsels zu vermeiden gewesen. Dass sie ihre falsche Einschätzung des Insulinbedarfs nicht nachträglich korrigieren konnte, hat mit einem zweiten Fehler zu tun: Ursula fühlte sich zu müde, um Selbstkontrollen durchzuführen. Natürlich ist es unangenehm, sich gerade dann kontrollieren zu müssen, wenn man einfach schlafen möchte. Gerade im Krankheitsfall sind die Selbstkontrollen indes unerlässlich, weil der Insulinbedarf schnell und ausgeprägt ändern kann, wie wir gesehen haben. Oft ist es sogar nötig, Kontrollen häufiger als üblich, z. B. alle zwei bis drei Stunden, durchzuführen, um die Insulindosis rechtzeitig anpassen zu können. Die meisten Diabetesbetroffenen haben mit ihrem Arzt ein individuelles Korrekturschema ausgearbeitet, um hohe Blutzuckerwerte korrigieren zu können.
 
Azeton bei Krankheit bedeutet Insulinmangel
Bei Krankheit kann es aber auch nötig werden, zusätzlich den Urin zu testen. Dabei interessiert nicht der Zuckergehalt. Dieser ist bei hohem Blutzucker selbstverständlich ebenfalls hoch. Wir messen das Azeton oder die sogenannten Ketonkörper. Das Azeton ist ein Abbauprodukt der Fettverbrennung. Wir kennen es in erster Linie vom Fasten – wenn wir gewollt überflüssiges Fett verbrennen –, und vom Ausdauersport, wenn die Zuckerspeicher bereits entleert sind und der Körper die Fettreserven anzapfen muss. Man könnte in diesen Fällen vom «Hungerazeton» sprechen.
Ganz anders sieht es im Krankheitsfall aus. Tritt hier Azeton auf, beruht die Fettverbrennung auf einem Insulinmangel. Das «Krankheitsazeton» überschwemmt den Körper in grossen Mengen. Er wird geradezu davon vergiftet und übersäuert. Wegen des hohen Azetonspiegels hat Ursula Übelkeit und Bauchschmerzen bekommen; wegen der Übersäuerung, gegen die sich der Körper wehren wollte, wurde ihre Atmung schwer und tief.  
Eine komplizierte Sache einfach zusammengefasst:
1. «Hungerazeton» bedeutet Zuckermangel; «Krankheitsazeton» bedeutet Insulinmangel.
2. Zu viel Ketonkörper vergiften den Organismus und machen ihn «sauer». Es tritt eine lebensgefährliche Ketoazidose auf.
Also 3. Zur Vorbeugung einer Ketoazidose braucht es viel Insulin. Bei positivem Azetonbefund im Urin muss (mindestens) die doppelte Korrekturdosis gespritzt werden!
Eine praktische Zusammenfassung zum Thema Azeton bei Krankheit findet sich in der nebenstehenden Abbildung.

Die Ausnahme von der Regel
Eine einzige Krankheitssituation existiert, bei der wir mit dem Insulin vorsichtig dosieren müssen: der akute Brechdurchfall. Aus voller Gesundheit heraus und ohne Fieber (!) wird es uns plötzlich schlecht. Wir erbrechen wiederholt und haben meist gleichzeitig wässrigen Durchfall. Hier kann es vorkommen, dass sogar eine Neigung zu Hypoglykämien auftritt. Entsprechend werden wir das Insulin vorsichtig und (vorerst) niedrig dosieren. Ist eine Unterzuckerung bereits vorhanden, ist als Zuckerquelle das schluckweise Trinken von (normal gezuckertem!) Coca-Cola oft am bekömmlichsten.
Über weitere ausführliche Empfehlungen zur Ernährung in kranken Tagen und wie sich Diabetiker, welche mit Tabletten behandelt werden, im Krankheitsfall verhalten sollen, werden wir im nächsten «d-journal» berichten.

Dr. med. K. Scheidegger

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