Weitverbreitete Ideen und Vorurteile über den Diabetes

Eine diabetische Katze kann einen Menschen nicht anstecken.

Auch oft wiederholt wird eine Lüge nicht zur Wahrheit
Der Diabetes ist eine häufige Krankheit; fast jedermann hat Bekannte oder Familienmitglieder, die daran leiden. Und wie bei anderen häufigen Krankheiten existieren auch über den Diabetes zahlreiche fixe Ideen und Vorstellungen in der Bevölkerung – richtige oder falsche. Ich möchte hier einige davon hinterfragen und versuchen, abergläubische Meinungen und fixe Ideen zu entkräften, ohne Anspruch auf die einzige Wahrheit. Denn trotz soliden wissenschaftlichen Argumenten, ist es manchmal schwierig, weitverbreitete Gerüchte zu widerlegen. Und es gibt Leute, die glauben, dass «wer zu viel beweise, der beweise gar nichts». Deshalb hier also mein Kommentar zu ein paar solchen Behauptungen.

Der Diabetes ist eine Alterskrankheit
Falsch!
Man unterscheidet zwei Typen von ­Diabetes:

  • Der – seltenere – Typ-1-Diabe­tes, von dem etwa 15 % aller Diabetiker der westlichen Welt betroffen sind, ist eine so­ge­nannte Autoimmunkrankheit: Das Immunsystem dieser Menschen zerstört in der Folge eines falschen Reizes mehr oder weniger rasch die Insulin produzierenden Zellen der Bauspeicheldrüse. Dieser Dia­betes-Typ tritt vor allem in den ersten Lebensjahrzehnten auf. Nach dem 40. Altersjahr tritt er viel seltener auf; er kann jedoch in jedem Alter auftreten.
  • Der – häufigere – Typ-2-Diabetes manifestiert sich gewöhnlich nach dem 40. Altersjahr. Seine Ursache ist nicht eine autoimmune Zerstörung der Insulin produzierenden Zellen, sondern eine genetisch programmierte verminderte Insulinwirkung. Sie wird durch Bewegungsmangel und Übergewicht verschlimmert. Beim Typ-2-Diabetes erschöpfen sich die Insulin produzierenden Beta-Zellen innerhalb von rund 15 Jahren; dann benötigt auch er Insulin. Dieser Diabetes-Typ findet sich zwar vor allem beim Erwachsenen: er tritt aber immer häufiger auch bei übergewichtigen Jugendlichen auf, sogar bei Kindern, was besonders beunruhigend ist in Bezug auf die Zukunft dieser jungen Menschen.


Wenn ich einen Diabetes habe, muss ich lebenslänglich Medikamente nehmen
Falsch …
und auch ein wenig richtig! Eine Antwort ist hier nicht einfach: Wird ein Typ-2-Diabetes frühzeitig erkannt, können durch angepasste Lebensweise und Ernährung und vermehrte körperliche Aktivitäten Medikamente zu Beginn der Krankheit noch nicht nötig sein. Richtig ist jedoch¸ dass die meisten Betroffenen, wenn sie einmal mit Medikamenten beginnen müssen,  dauernd auf diese angewiesen sind.

Ein seelischer Schock kann einen Diabetes verursachen
Falsch!
Diese Meinung ist weit verbreitet. Sie ist aber unrichtig. Der Diabetes ist, wie oben erklärt, entweder eine genetisch bedingte Autoimmunkrankheit (Typ 1) oder eine andere, aber ebenfalls genetisch bedingte Stoffwechselkrankheit ­
(Typ 2). Ein seelischer Schock genügt nicht, um das Erbgut eines Individuums zu verändern. Infolge eines extrem schweren seelischen Schocks kann jedoch der Körper sogenannte Stresshormone wie Adrenalin und Kortisol produzieren, welche wegen ihrer blutzuckersteigernden Wirkung einen latenten Dia­betes sichtbar zum Ausbruch bringen können. So ist es durchaus möglich, dass ein latenter Diabetes im Zusammenhang mit einem heftigen seelischen Schock frühzeitiger erkannt wird (und deshalb vom Patienten mit diesem Ereignis als auslösende Ursache in Verbindung gebracht wird). Es gibt auch Patienten, für welche die Vorstellung, dass ihr Diabetes mit einem seelischen Schock zusammenhänge, die geheime Hoffnung darstellt, dass die Krankheit wieder verschwinde, wie sie kam.

Sein Arzt hat ihm gesagt, dass er keinen Diabetes mehr habe
Falsch!
Auch dies ist eine ebenso verbreitete wie falsche Idee. Wir wiederholen, dass sowohl der Typ-1- wie der Typ-2-Diabetes genetische Krankheiten sind. Das heisst man wird mit der Anlage zur Krankheit ­geboren; sie kann sich dann früher oder später manifestieren. Viele Leute glauben, das Vorhandensein oder die Abwesenheit eines Diabetes sei nur von der Höhe des Blutzuckers abhängig. Es ist aber so, dass sich bei einem optimal behandelten Diabetiker zu Beginn der Krankheit die Blutzuckerwerte normalisieren. Leider bleibt die Krankheit aber latent da, auch wenn sie gut kompensiert ist. Die Normalisierung des Blutzuckers bei einem Dia­betiker bedeutet also leider nicht, dass die Krankheit verschwunden ist.

Ein Typ-2-Diabetes kann mit der Zeit zu einem Typ-1-Diabetes werden
Falsch!
Auch das ist eine verbreitete Meinung. Ein Typ-2-Diabetiker, der auf eine Insulinbehandlung übergehen muss, könnte natürlich glauben, sein Typ-2-Diabetes sei zu einem Typ-1-Diabetes geworden. Das ist aber nicht möglich, weil die beiden Diabetes-Typen einen ganz anderen genetischen Hintergrund haben. Beim Typ-2-Diabetiker, der Insulin benötigt, sind die Insulinreserven erschöpft; er wechselt nicht den Diabetes-Typ.

Gewisse Diabetiker wurden von Quacksalbern oder Magnetiseuren geheilt
Falsch! Diese Idee kursiert gelegentlich noch auf dem Land;  seltener auch in den Städten. Zu gewissen «Heilern», von denen man sagt, dass sie «das Geheimnis» kennen, pilgern Hunderte von Patienten, die hoffen, dass sie ihre Krankheit zum Verschwinden bringen. Aber noch nie wurde ein Diabetiker von einem Quacksalber oder Kurpfuscher geheilt. Solche Anpreisungen sind reine Gaunerei.

Ein Diabetiker kann auch durch Homöopathie oder Akupunktur behandelt werden
Falsch mit Nuancen!
Diese beiden Behandlungsmethoden können für gewisse Personen eine interessante Ergänzung zu ihrer Diabetestherapie darstellen. Auf keinen Fall aber ersetzen sie Insulin oder Tabletten, die für eine gute Diabetesbehandlung notwendig sind. Ein seriöser Therapeut, der diese Methoden anwendet, wird dies seinen Patienten erklären. Sollte ein Naturheiler behaupten, er könne Ihren Diabetes heilen, ist er ein Scharlatan; fliehen Sie umgehend!

Zimt ist eine wirksame Ergänzung in der Diabetesbehandlung.
Vorsicht!
Über dieses Thema wird seit einigen Jahren in der Diabetologie diskutiert. Nach einer pakistanischen Studie, die aber nur rund 60 Patienten einschloss, sollen ca. 3 g Zimtpulver pro Tag den Blutzucker und das HbA1c deutlich gesenkt haben. Andere Studien mit einer grösseren Anzahl von Patienten haben keine signifikante Verbesserung durch Zimt ergeben. Ich persönlich habe schon Zimtpulver verschrieben ohne deutliches Resultat. Immerhin scheint Zimtpulver keine negativen Nebenwirkungen zu haben. Wenn jemand Zimtpulver nehmen möchte, ist es aber ratsam, sich dieses in der Apotheke  zu beschaffen. Gewisse Zimt-Produkte können nämlich Störungen der Blutgerinnung bewirken.

Der Diabetes ist eine erbliche Krankheit
Falsch!
Der Ausdruck erblich ist schlecht gewählt, weil er  eine zwingende Vererbung impliziert. Das ist glücklicherweise aber nicht der Fall. Nur 10 % der Typ-1-Diabetiker haben einen Diabetiker in der Familie. Bei den Typ-2-Diabetikern ist das familiäre Vorkommen häufiger (ca. 40 % der Typ-2-Diabetiker haben ein diabetisches Familienglied). Die Vererbung der Krankheit ist also durchaus nicht zwingend, selbst wenn die Tatsache, dass man einen Typ-1- oder Typ-2-Diabetiker in der Familie hat, ein zusätzliches Risiko bedeutet, auch einmal einen Diabetes zu entwickeln. Man kennt aber heute noch etliche andere Risikofaktoren für Diabetes zusätzlich zur Anzahl von verwandten Diabetikern.

Eine diabetische Katze kann einen Menschen anstecken und umgekehrt
Falsch!
Das ist eine völlig irrige Behauptung. Der Diabetes ist keine ansteckende Krankheit, da er eine genetische Störung ist. Es ist absurd zu glauben, er könne von einem Tier auf einen Menschen übergehen (oder von einem Menschen auf ein Tier oder gar von einem Menschen auf einen andern Menschen)!

Es gibt auch einen «Salz-Diabetes»
Verwechslung!
Mit «Salz-Diabetes» meint man wahrscheinlich eine andere, viel seltenere Stoffwechselstörung: den Diabetes insipidus, welcher verursacht wird durch einen Mangel an Vaso­pressin. Vasopressin ist ein Hormon, welches die Nieren befähigt, Wasser zurückzuhalten. Wird zu wenig oder gar kein Vasopressin produziert, können die Nieren kein Wasser zurückhalten; der Betroffene lässt Urin in sehr grossen Mengen und leidet dabei ungeheuren Durst. Aber sein Blutzucker ist normal, und seine Nieren verlieren keine Glukose. Mit einem Vasopressin-Nasenspray kann man den Vasopressin-Gehalt im Blut normalisieren, wor­auf die Nieren die Flüssigkeit wieder zurückhalten können. Ein Diabetes insipidus hat also nichts mit dem Diabetes mellitus zu tun, selbst wenn er durch die grossen Urinmengen und den heftigen Durst einen entgleisten Diabetes mellitus vorspiegeln kann.

Es gibt Nahrungsmittel in Pulverform, die den Diabetes heilen können
Falsch!
Noch eine völlig haltlose Idee. Zurzeit kann nichts und niemand «den Diabetes heilen». Man misstraue Perlimpinpin-Pulvern. Versprechungen von Wundern zielen nur auf die Gutgläubigkeit von Betroffenen ab und haben die Bereicherung von Scharlatanen zum Ziel, welche solche Produkte zu verkaufen suchen.

Mit diesem Strauss von «Blüten» hoffe ich, einigen hartnäckigen Vorurteilen das Genick gebrochen zu haben.

Dr. med. Nicolas von der Weid
(Übersetzung mf)

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