Vitamin B12 und Diabetes

Im Gegensatz zum Typ-2 ist der Diabetes mellitus Typ 1, wie die meisten von Ihnen sicher wissen, eine Autoimmunerkrankung, bei der die Insulin produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse durch Antikörper des körpereigenen Immunsystems zerstört werden. Solche Krankheiten, bei denen das Abwehrsystem körpereigene Zellen angreift, gibt es noch eine ganze Reihe.

Wer eine davon aufweist, hat damit auch ein etwas erhöhtes Risiko für weitere Störungen des Immunsystems. Auch Allergien gehören in diesen Formenkreis, da ja auch hier das Immunsystem auf Stoffe reagiert, die es eigentlich ignorieren sollte.
Andere typische autoimmune Krankheiten neben dem Diabetes Typ 1 sind die Schilddrüsenentzündungen mit Unter- und Überfunktion, der sogenannte Morbus Hashimoto und der Morbus Basedow. Auch sie kommen bei Patienten mit Typ-1-Diabetes etwas häufiger vor.

Eine weitere Krankheit, die beim Typ-1-Diabetiker etwas häufiger vorkommt als in der Allgemeinbevölkerung, ist der Vitamin-B12-Mangel. Auf den ersten Blick würde man ja bei einem Vitaminmangel nicht unbedingt eine Störung des Immun­systems vermuten. Doch die Aufnahme des Vitamins B12 aus der Nahrung ist kompliziert und benötigt zwingend einen Transporter, der das Vitamin B12 bindet, den sogenannten «intrinsic factor». Er wird so genannt, weil er im Körperinnern, also «intrinsisch» gebildet wird, und er ist das Gegenstück zum Vitamin B12, das von aussen zugeführt wird, weshalb man es auch als «extrinsic factor» bezeichnet.
Das Vitamin B12, welches auch als Cobalamin bezeichnet wird, wird im Dünndarm über die Darmschleimhaut aufgenommen. Die Bindung an die Schleimhaut geschieht über den «intrinsic factor», der im Magen produziert und freigesetzt wird. Wenn das Vitamin B12, bis es im Dünndarm ankommt, nicht an «intrinsic factor» gebunden ist, dann wird es unverwertet wieder mit dem Stuhl ausgeschieden.
Die Zellen, die «intrinsic factor» produzieren, sind über die ganze Magenschleimhaut verteilt. Trotzdem werden sie aber bei der entsprechenden Krankheit vom Immunsystem gezielt und selektiv zerstört, ohne dass die übrigen Magenzellen dabei angegriffen werden. Im Gegensatz zu einer normalen Magenentzündung hat man darum bei dieser sogenannten Typ-A-Gastritis auch keine Bauchschmerzen.

Die einzigen Symptome kommen vom Mangel an Vitamin B12. Vitamin B12 wird benötigt zur Produktion der roten Blutkörperchen. Sein Mangel führt deshalb zur Blutarmut, der sogenannten Anämie. Sie äussert sich in Müdigkeit, Blässe und tiefem Blutdruck. Ausserdem ist Vitamin B12 auch wichtig für die Nerven und kann deshalb bei einem Mangel Symptome wie Gedächtnisstörungen, Missempfindungen, Sensibilitätsstörungen und Muskelschwäche hervorrufen. Daneben auch Appetitlosigkeit, Durchfall, Veränderungen an der Zunge und der Mundschleimhaut und trockene rissige Stellen in den Mundwinkeln (sogenannte Rhagaden).
Die Diagnose eines B12-Mangels kann einfach über die Messung des B12-Spiegels im Blut erfolgen. Auch die Behandlung ist nicht kompliziert. Allerdings kann bei der Typ-A-Gastritis das B12 nicht einfach als Tablette geschluckt werden, da ja der «intrinsic factor» fehlt, den es braucht, um es aufzunehmen.
Die Behandlung erfolgt deshalb mit Spritzen eines Depotpräparates in den Muskel. Nach Sättigung des Vitaminspiegels reichen fortan etwa vier Injektionen pro Jahr, um den B12-Spiegel im Normal­bereich zu halten.
Eine gelegentliche Messung des Vitamin B12-Spiegels im Blut kann also vor allem bei Typ-1-Diabetikern durchaus Sinn machen, da eine einfache Behandlung einen grossen Nutzen bringen kann.

Dr. med. Dirk Kappeler

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