Typ-2-Diabetes und Sport

Häufig nicht einfach – aber hocheffektiv!

Wie häufig, wie intensiv, wie lange?
Wie häufig, wie intensiv und wie lange man als Typ-2-Diabetiker/-in Sport betreiben sollte, hängt in erster Linie davon ab, was für Ziele man mit dem Sport erreichen möchte. Tabelle 1 gibt einen Überblick über den – je nach dem gewünschten Ziel – ungefähr benötigten Aufwand.

Sport zur Verbesserung der Stoffwechsellage und zur entsprechenden Risikoreduktion von Spätkomplikationen
Aus medizinischer Sicht wird in erster Linie eine Verbesserung der Stoffwechseleinstellung (des Blutzuckers, des Blutdrucks, des Cholesterins) angestrebt und dadurch auch eine Reduktion des Risikos für Spätkomplikationen (Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenversagen, Fussamputation, Erblindung usw.).
Übermässig vorhandenes Fettgewebe wirkt durch verschiedene Mechanismen negativ auf den Stoffwechsel. Die Muskulatur ist hingegen hoch stoffwechselaktiv, insbesondere in aktiviertem Zustand. Man kann den Stoffwechsel entsprechend günstig beeinflussen, indem man entweder das Fettgewebe reduziert, die Muskelaktivität erhöht, die Muskelmasse vermehrt, oder natürlich durch eine Kombination von allen drei Möglichkeiten. Dass schon  allein durch eine Erhöhung der Muskelaktivität der Stoffwechsel günstig beeinflusst wird, erklärt auch, weshalb sich Blutzucker, Blutdruck und Cholesterin häufig bereits innert kurzer Zeit nach Aufnahme einer regelmässigen sportlichen Betätigung verbessern, auch wenn sich das Körpergewicht (noch) nicht reduziert hat.
Die Muskelaktivität lässt sich grundsätzlich mit jeder Art von sportlicher Betätigung erhöhen; zur Vermehrung der Muskelmasse ist ein gezieltes Krafttraining am effektivsten. Dabei gilt zu beachten, dass die Muskulatur – bei gleichem Volumen – schwerer ist als das Fettgewebe, dies aufgrund ihres höheren Wassergehalts. Aus diesem Grund bewirkt Krafttraining auch oft keine Gewichtsabnahme; es kann sogar zu einer Zunahme des Körpergewichts führen. Eine verbesserte Körperzusammensetzung – d.h. weniger Fettgewebe, dafür mehr Muskulatur im Verhältnis zum Körpergewicht – wirkt sich trotzdem überaus positiv auf die Gesundheit aus. (Die Körperzusammensetzung kann z.B. mittels Bio­impedanzmessung erfasst werden).

Sport zum Gewichtabnehmen
In 1 kg Fett sind ungefähr 9 000 kcal Energie gespeichert. Möchte man überflüssiges Fett verbrennen und dadurch Gewicht verlieren, muss man – etwas banal ausgedrückt – mehr Kalorien verbrennen als man mit dem Essen zu sich nimmt. Ausgehend von einem stabilen Gewichtsverlauf kann man also entweder bei gleichbleibender körperlicher Ak­tivität weniger essen, oder man kann sich bei gleich bleibender Kalorienzufuhr mehr bewegen, oder natürlich sowohl weniger essen wie auch sich mehr bewegen. Will man eine Gewichtsabnahme erreichen, wirkt die bereits gewohnte körperliche Aktivität natürlich nicht zum Abnehmen; hierfür muss man die bestehende Aktivität in genügendem Masse erhöhen.
Wie wirksam eine Einheit Sport für die Gewichtsabnahme ist, hängt vom erzielten Kalorienverbrauch ab; dieser wird vom Produkt «Intensität × Dauer» bestimmt. Je anstrengender eine Tätigkeit ist und je länger sie durchgeführt wird, um so mehr Kalorien werden verbrannt
(Tabelle 2).
Sport ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, um den täglichen Kalorienverbrauch zu steigern: Während eine 100 kg schwere Person z.B. (kumulativ) 45 Stunden gemütlich spazieren müsste, um 1 kg Fett zu verbrennen, gelänge ihr dies mit Sport von nur schon moderater Intensität in weniger als der Hälfte der Zeit. Bei einem Zeitaufwand von fünf Stunden pro Woche entspricht dies ca. 1 kg pro Monat bzw. 12 kg pro Jahr. Bei regelmässiger sportlicher Aktivität erhöht eine Gewichtsabnahme zudem den Grundumsatz, d. h. der Körper verbrennt auch in den Ruhepausen mehr Kalorien.
Wenn die Gewichtsabnahme bzw. das Verbrennen von Fett ein Hauptziel der sportlichen Aktivität darstellt, kann man die Bedingungen optimieren, indem man die Intensität, die Dauer und den Tageszeitpunkt der sportlichen Betätigung genauer festlegt. Bei hoher Intensität wird prozentual etwas mehr Energie aus den Kohlenhydratspeichern, bei niedrigerer Intensität prozentual etwas mehr aus den Fettspeichern bezogen. Ferner hat Insulin neben der blutzuckersenkenden Wirkung auch eine hemmende Wirkung auf den Fettabbau. Dementsprechend wird, je höher die aktuelle Insulinkonzentration im Körper gerade ist, etwas weniger Energie aus den Fettspeichern bezogen bzw. etwas mehr Kohlenhydrate verbrannt. Zum Abnehmen ideal sind deshalb Tageszeitpunkte mit einer niedrigeren Insulinkonzentration. Das wäre bei einer Basis-Bolus-Insulintherapie z.B. in den 1 – 2 Stunden vor der nächsten Mahlzeit und nicht gerade unmittelbar nach einer Mahlzeit; oder wenn morgens und abends Mischinsulin verabreicht wird, eher am Nachmittag als am Vormittag.

Mit welchen Schwierigkeiten haben Typ-2-Diabetiker zu kämpfen?
Die grösste Herausforderung liegt bei vielen sicherlich in der Überwindung festgefahrener Gewohnheiten. Für jemanden, der über Jahre oder gar Jahrzehnte nur wenig körperlich aktiv war, wird die Aufnahme einer regelmässigen sportlichen Aktivität sowohl psychologisch wie auch körperlich grosse Überwindung kosten. Der Aufwand wird aber nicht nur durch die oben genannten Ziele entschädigt, die verbesserte Fitness führt auch z.B. zu weniger Stürzen im Alter, zu einer verbesserten Knochendichte bzw. einem geringeren Osteoporoserisiko – sowie allgemein zu einem erhöhten Wohlbefinden.
Allerdings finden sich bei Patienten mit Typ-2-Diabetes häufig weitere gesundheitliche Probleme, welche die Ausübung sportlicher Aktivitäten behindern, manchmal sogar verunmöglichen. Gelenkprobleme und Durchblutungsstörungen von Herz und Beinen gehören zu den häufigsten Einschränkungen. Auch Medikamente (z.B. Blutdrucksenker) können die Leistungsfähigkeit einschränken. Regelmässige sorgfältige Überprüfung und gegebenenfalls Anpassung dieser Therapien können diesbezüglich Linderung verschaffen, wenn auch nicht immer eine vollständige. Betreute Rehabilitationsprogramme – wie z.B. DIAfit – können entscheidend dazu beitragen, dass auch in komplexe­ren Situationen die körperliche Aktivität sicher und erfolgreich gesteigert werden kann.
Wird der Diabetes mellitus mit Sulfonylharnstoffen, Gliniden oder Insulin behandelt, steigt  das Hypoglykämierisiko im Anschluss an eine sportliche Akti­vität, weil mehr Kohlenhydrate in den Muskeln verbrannt werden, und vor allem weil die Empfindlichkeit auf Insulin durch den Sport erhöht wird. Schwere sportbedingte Unterzuckerungen stellen allerdings eine Seltenheit dar. Die Umstellung des Stoffwechsels hat umgekehrt auch Vorteile; denn häufig kann die Dosis der genannten Diabetestherapien reduziert werden, entweder nur an den Tagen, an denen Sport betrieben wird, oder – vor allem bei regelmässiger sportlicher Aktivität – gelegentlich auch an den dazwischen liegenden Tagen. Wird die Therapieanpassung adäquat durchgeführt, kann das Hypoglykämierisiko in aller Regel normalisiert werden; infolge des verminderten Medikamentenbedarfs lässt es sich im Verlauf sogar reduzieren. Besteht der Diabetes mellitus noch nicht allzu viele Jahre, kann man ihn mit genügend früh und genügend intensiv durchgeführtem Sport manchmal sogar wieder überholen und ihm zumindest eine Weile davonlaufen.

Dr. med. Roman Trepp, Assistenzarzt
Universitätspoliklinik für Endokrinologie,
Diabetologie und klinische Ernährung,
Inselspital Bern