Typ-1-Diabetes und Sport

Nicht immer einfach – aber sehr wohl möglich! 

Sportler mit Typ-1-Diabetes sind erfahrungsgemäss höchst motivierte Menschen. Die Diabetes­erkrankung selbst stellt ja bereits hohe Anforderungen an alle Betroffenen bezüglich Disziplin und Ausdauer in Kontrolle und Therapie. Gerade Sportler können dies aber nicht selten auch als Herausforderung annehmen und daran wachsen. Wir wissen aus Studien, dass Sport auch bei Typ-1-Diabetikern die Zufriedenheit im Alltag erhöht, gleichzeitig macht aber der Sport die Diabeteseinstellung nicht immer einfacher. Der Leistungsgedanke bedeutet dabei oftmals, dass Sportler im Sinne der Sicherheit den Blutzucker lieber etwas zu hoch einstellen, um Hypo­glykämien zu vermeiden. Ist dies des Öfteren der Fall, so wird sich natürlich die durchschnittliche Langzeitblutzuckereinstellung eher verschlechtern, was in Bezug auf die möglichen diabetischen Komplikationen ungünstig ist. Deshalb ist es wichtig, die Patienten konkret dabei zu unterstützen, ihre Therapie so zu adaptieren, dass einerseits sportliche Leistungen sicher (also ohne Unterzuckerungen) möglich sind und gleichzeitig die Blutzuckerwerte doch so normal wie möglich ausfallen. Hilfreich ist dabei nicht selten die Erkenntnis seitens des Sportlers, dass eine optimierte Diabetestherapie auch gerade während und nach einem Training oder Wettkampf den Trainingseffekt und die Regenera­tion durchaus unterstützt und so die sportliche Leis­tungsfähigkeit verbessert.

Mit welchen Schwierigkeiten haben Sportler mit Typ-1-Diabetes zu kämpfen?
Die grösste Herausforderung liegt sicherlich in der Tatsache, dass körperliche Aktivität die Empfindlichkeit auf das Insulin (die sog. Insulinsensitivität) grundsätzlich erhöht und damit eine zum Teil beträchtliche Reduktion der Insulindosis nötig macht. Dies ist insbesondere der Fall bei sportlichen Leistungen im Ausdauerbereich, wo das Insulin nicht selten um 50 % oder mehr reduziert werden muss. Umgekehrt kann es bei körperlicher Aktivität im maximalen Leistungsbereich, bei Kraftsportarten wie auch bei Spielsportarten, manchmal sogar zu einem kurzfristigen Blutzuckeranstieg kommen. Dafür verantwortlich sind Stresshormone wie Glukagon, Adrenalin, Kortisol und Wachstumshormon, allesamt Gegenspieler des Insulins, die den Blutzucker rasch ansteigen lassen können. Diese gegensätzlichen Blutzuckerausschläge können die Therapieanpassung bei gewissen Sportarten sehr schwierig gestalten. Dazu kommen Faktoren wie die Ernährung, wo in gewissen Sportarten sehr kohlenhydratreiche Getränke zu sich genommen werden, welche den Blutzucker ebenfalls rasch hoch ansteigen lassen können, gleichzeitig aber den Körper zum Teil nicht nachhaltig genug mit länger wirkenden Kohlenhydraten versorgen.

Strategien zur Optimierung der Blutzuckerwerte beim Sport
Wie eingangs erwähnt besteht das grundsätzliche Prinzip darin, dass bei sportlicher Tätigkeit die Insulintherapie reduziert werden muss und gleichzeitig eine angepasste Einnahme von Kohlenhydraten gewährleistet ist. Wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass die durch Sport erhöhte Insulinsensitivität je nach erfolgter Leistung über Stunden, ja im Extremfall sogar über Tage anhalten kann und entsprechende Therapieanpassungen auch über diese Zeiträume nötig sein können. Die Anpassung der Insulintherapie ist grundsätzlich bei einer Basis-Bolus-Therapie bzw. einer funktionellen Insulintherapie absolut möglich (meist wird sowohl das Basis- als auch das Bolus-Insulin adaptiert). Ideal für den Sportler ist aber sicherlich die Insulinpumpentherapie, da diese als einzige Therapieform die rasche Senkung der Basalinsulinrate erlaubt. Zudem ist generell bei der Theapieoptimierung ein schrittweises Herantasten durch Veränderung jeweils nur eines Faktors (Basisinsulin, Bolusinsulin, Ernährung, Getränk, Dauer der sportlichen Tätigkeit, Intensität) wichtig. Es braucht zudem immer wieder kleine «Studien» mit sich selber, um den Effekt einer Veränderung auch zu überprüfen. So gewinnt der Betroffene selber Kontrolle und Selbständigkeit, was für die Motivation und den Erfolg wichtig ist.

Welche Sportarten sind gut, welche eher weniger geeignet?
Grundsätzlich soll ein Patient trotz der Diagnose Typ-1-Diabetes diejenige Sportart ausüben, die er sich wünscht. Es ist klar, dass Sportarten wie Tauchen oder Bergsteigen spezielle Ausbildung und Disziplin erfordern, und hier ist es auch Aufgabe des betreuenden Arztes, gegebenenfalls steuernd einzugreifen. Aus physiologischer Sicht sind Sportarten mit kurzem Einsatz (Sprint, kurze Schwimmstrecken usw.) sowie Kraftsportarten auf den ersten Blick bezüglich der nötigen Therapiemodifikationen etwas einfacher. Allerdings muss man sich hier vergegenwärtigen, dass in diesen Sportarten durchaus auch ein Ausdauertraining absolviert wird, verbunden mit den entsprechend nötigen länger wirksamen Therapieanpassungen.

Gibt es die ideale Therapie für Sportler mit Typ-1-Diabetes?
Wie erwähnt ist wohl die Insulinpumpe die grundsätzlich beste Therapieform. Der Sportler kann hier mit einer kurzen Vorlaufzeit vor Beginn des Sportes die Basalrate absenken und die reduzierte Basalrate auch nach dem Sport noch für die für ihn nötige Zeit weiter laufen lassen, bis er sie dann langsam wieder ans normale Niveau angleicht. Ebenso klar ist aber, dass die Pumpe und der dazu gehörige Katheter gerade bei Sportarten mit Körperkontakt problematisch sein können. Hier müssen oft individuelle Lösungen gefunden werden. Die Pumpe kann für eine gewisse Zeit während des Sports weggenommen werden (je nach Patient und Insulinbedarf sind 30 bis 60 Minuten durchaus möglich), so dass z.B. Schwimmen, aber auch Kontaktsportarten wie Schwingen oder Boxen im Rahmen des Möglichen liegen. Bei längeren sportlichen Leistungen, bei denen der Sportler die Pumpe ablegen möchte, kann auch mit einem mittels Pen applizierten Insulin überbrückt oder die Pumpe zwischendurch einmal kurz angeschlossen werden. Man muss aber auch Verständnis für Patienten haben, welche sich nicht sofort für eine Pumpentherapie erwärmen können, und man muss fairerweise sagen, dass eine sportliche Tätigkeit auch unter einer FIT-/Basis-Bolus-Therapie durchaus realistisch ist. Es braucht dazu aber oftmals eine etwas weiter vorausschauende Planung.

Lässt sich die Diagnose Diabetes und Leistungssport verbinden?
Diese Frage kann man sicher grundsätzlich be­jahen. Gerade eben hat ein Patient mit Typ-1-­Diabetes die «Seven Summits» (die höchsten Berge auf allen sieben Kontinenten) bestiegen, und man könnte damit sagen, dass es kaum Grenzen gibt. Es gibt mittlerweile diverse Sportlerpersönlichkeiten mit Typ-1-Diabetes, die dies ebenfalls in unterschiedlichsten Sportarten bestätigt haben. Wie gesagt bedingt diese Kombination aber eine überdurchschnittliche Disziplin. Gleichzeitig gibt es aber auch Patienten, welche gerade aus der Überwindung dieser Schwierigkeiten offenbar eine zusätzliche Stärke gewinnen, die sie dann auch im sportlichen Bereich erfolgreich einsetzen können.

PD Dr. med. Christoph Stettler, Leitender Arzt,
Universitätspoliklinik für Endokrinologie,
Diabe­tologie und Klinische Ernährung,
Inselspital Bern

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