Schlafapnoe bei Diabetes

«Die ewige Schnarcherei meines Mannes ist schon mühsam.  Ich habe mich einfach noch nicht wirklich daran gewöhnen können», beklagt sich eine sichtlich genervte Ehefrau bei ihrer Freundin.
Diese weiss gar von einem gemeinsamen Bekannten zu berichten, der offenbar jede Nacht unzählige Male das lästige Schnarchen unterbricht und ganz zu atmen aufhört. Seine Frau hat Angst bekommen und ihn zum Arzt geschickt. Der Hausarzt habe die Geschichte ernst genommen und den Bekannten an einen Spezialisten verwiesen.
Sie sei nun gespannt, von diesem Fall wieder zu hören.

Währenddem der eine dieser beiden wohl ahnungslosen Männer ein zwar die Nachtruhe störender, aber gesunder Schnarcher sein wird, könnte sich hinter den häufigen Atemstillständen (= Apnoe) des andern eine ernsthafte Krankheit verbergen, die «obstruktive Schlafapnoe». Dabei erschlafft die Muskulatur im Bereich von Mund und Rachen so stark, dass sich diese Region beim Einatmen ganz verschliesst. Dadurch gelangt kein Sauerstoff mehr in die Lunge. Da die Betroffenen ihre Gefährdung in der Regel nicht selbst wahrnehmen, kann diese ernsthafte Schlafstörung oft jahrelang unerkannt bleiben, ins-besondere bei Alleinstehenden oder Eheleuten mit getrennten Schlafzimmern.

Selbstverständlich hinterlässt der durch die Apnoe massiv gestörte Schlaf Spuren. Schon beim Aufstehen fühlen sich die Betroffenen gerädert. Bei «stillen» Arbeiten, z.B. am Computer, in Gesellschaft, vor dem Fernseher, kann man sich des Schlafes kaum erwehren. Gefährlich wird die Neigung zum Sekundenschlaf beim Autofahren. Schlafapnoiker verursachen signifikant mehr Unfälle. Weitere verdächtige Symptome für das Vorliegen eines Schlafapnoe-Syndroms sind: nächtliches Schwitzen, Kopfschmerzen  unbegründete Nervosität und Gereiztheit, Konzentrationsmangel, schwer einstellbarer erhöhter Blutdruck sowie sexuelle Störungen.
Die schweizerische Lungenliga (www.lungenliga.ch) hat einen Online-Fragebogen (unter «Krankheiten, Schlafapnoe») entwickelt, der Auskunft geben kann über die individuelle Gefährdung, an einer Schlafapnoe zu leiden. Ergänzend wird während der Nacht die Sauerstoffsättigung gemessen (Pulsoxymetrie). Damit kann eine Wahrscheinlichkeitsdiagnose gemacht werden. Bei hoher klinischer Wahrscheinlichkeit ist es in der Regel gerechtfertigt, die Schlafapnoe mittels Polygraphie oder Polysomnographie (im Schlafzentrum) definitiv zu bestätigen. Die aufwendige und teure Diagnostik macht aber nur dann Sinn, wenn die Betroffenen auch gewillt sind für eine nachfolgende Therapie. Sprich: nächtliche Maskenbeatmung.
Spätestens jetzt werden Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, fragen, ob Sie tatsächlich das «D-Journal» in den Händen halten und nicht die Zeitschrift der Lungenliga. Leider ist es für zahlreiche von Ihnen durchaus sinnvoll, mit dem Problem der Schlafapnoe vertraut zu werden. Gewisse Menschen erkranken nämlich eindeutig häufiger an dieser gefährlichen Schlafstörung. Dazu gehören neben den Männern generell Leute mit Schlafapnoikern in der Familie, Raucher, Übergewichtige – und eben Typ-2-Diabetiker. Die Schlafapnoe ist eng verbunden mit dem metabolischen Syndrom. In der Tat haben bis zu vier von fünf dieser atemlosen Schnarcher ein metabolisches Syndrom. Bei vielen besteht gleichzeitig eine Insulinresistenz.
Wenn man bedenkt, dass die Sauerstoffsättigung im Blut bei einer schweren Schlafapnoe-
Erkrankung von über 90% auf unter 60–70% abfallen kann, erstaunt es nicht, dass diese Krankheit den Körper enorm belastet:

  • Die durch den Luftmangel hervorgerufenen Weckreize aktivieren das sympathische Nervensystem. Die Stresshormone Adrenalin und Cortison werden vermehrt ausgeschüttet. Puls und Blutdruck steigen an.
  • Beim Versuch, gegen den verschlossenen Rachen zu atmen, entsteht ein negativer Druck im Brustkorb. Die Folge ist eine massive Erhöhung der Herzarbeit.
  • Das nächtliche Hormonchaos begünstigt das frühere Auftreten von krankhaften Veränderungen an den Blutgefässen. Die Verkalkung der Arterien (Atherosklerose) wird beschleunigt.
  • Stresshormone und Abfallprodukte des Stoffwechsels (freie Radikale) fördern die Entwicklung einer Insulinresistenz. Die Wirkung des Insulins wird abgeschwächt und als Folge davon tritt häufiger ein Typ-2-Diabetes auf.

Alle diese negativen Einflüsse auf den Körper können ernsthafte Folgen haben: Das Auftreten von Herzinfarkt, Hirnschlag, plötzlichem Herztod ist bei den Betroffenen eindeutig gehäuft.

Therapie der ersten Wahl ist die Überdruckbeatmung durch die Nase während der Nacht (CPAP-Therapie). Ein Gerät auf dem Nachttisch leitet über eine Atemmaske Luft in die Atemwege. Diese Luftsäule hält die oberen Atemwege offen und verhindert so einen Atemstillstand. Diese Behandlung erfordert viel Motivation von den Patienten. Fortan eine Maske tragen zu müssen während des Schlafens, ist ja nicht gerade ein angenehmer Gedanke. Wer indes von dieser Beatmung profitiert und sich bereits nach kurzer Zeit tagsüber bedeutend wacher, lebendiger und leistungsfähiger fühlt, ist in der Regel bereit, sich an den neuen nächtlichen Begleiter zu gewöhnen. Patienten, die subjektiv keine Vorteile bemerken, hören mit der Überdruckbeatmung allerdings oft wieder auf, auch wenn sich ihr Risiko für Herz-Kreislauf-Probleme dadurch wieder erhöht.
Heute versuchen auch Chirurgen durch Operationen an Nase, Gaumen und Zungengrund, der Atemluft wieder freien Durchgang zu gewähren. Diese Methoden müssen sich noch bewähren. Und zuletzt: Denken Sie daran, dass Übergewicht, Rauchen und Alkoholkonsum anerkannte Risikofaktoren sind für das Schlafapnoe-Syndrom. Die Modifikation dieser Lifestyle-Faktoren kann sich nur günstig auswirken auf diese häufige, oft unerkannte und keineswegs harmlose Schlafstörung.

Dr. med. K. Scheidegger