Pima-Indianer – Was haben sie uns bezüglich Typ-2-Diabetes zu sagen?

In der Umgebung der Millionenstadt Phoenix, im Südwesten der USA, im Bundesstaat Arizona, am Rand der Wüste leben die Pima-Indianer. Sie sind nicht wie die Hopi oder die Navajos bekannt durch ihr Kunsthandwerk bzw. ihre hochstehende Kultur generell. Ihnen gebührt der zweifelhafte Titel, «Weltmeister» im Typ-2-Diabetes zu sein. 50 % der Pima-Indianer, also jeder zweite, sind Diabetiker. Dies ist in der Tat eine riesige Zahl. In der Schweiz geht man zum Beispiel von rund 5 % Diabetesbetroffenen aus.

Die Pima sind allerdings nicht «einsame Rekordhalter». Andere Indianerstämme, die Nauruer in der Südsee, die Aborigines in Australien und weitere Eingeborenenvölker (Indigene) stehen ihnen nur wenig nach.

Die Nähe zur Grossstadt Phoenix und zum hochentwickelten Gesundheitssystem in den USA hat mitgeholfen, dass die Pima-Indianer zu interessanten Forschungsobjekten geworden sind. Seit vielen Jahren ist der oberste Stock des Pima Indian Hospital in Phoenix reserviert für Diabetesforschung. Was hat es zu sagen, dass so viele Pima diabetesbetroffen sind? Sind sie empfänglicher für einen Typ-2-Diabetes? Ist es unabänderliches Schicksal oder lässt sich etwas dagegen tun?

Um die Hintergründe dieses grossen gesundheitlichen Problems verstehen zu können, fehlen Ihnen noch drei Informationen: Die Zahl der teils extrem übergewichtigen Pima ist sehr gross. Die Adipositas muss also zumindest Teil der Problematik sein. Bei vielen Pima-Indianern kann eine ausgeprägte Insulinresistenz nachgewiesen werden. Und: Die Pima-Indianer haben Blutsverwandte in den Bergen von Mexiko. Der Volksstamm hat sich vor ein paar Generationen getrennt. Selbstverständlich haben sie aber immer noch viele gemeinsame Gene. Gänzlich verschieden ist aber ihre Lebensweise: Die Pima-Indianer in den Bergen Mexikos leben weiterhin traditionell. Sie leisten regelmässig körperliche Arbeit. Ihre Ernährung ist diejenige ärmlicher Bauern. Die Indianer in der Gegend von Phoenix sind körperlich weitgehend untätig. Sie haben Fernseher und Auto. Und sie sind selbstverständlich den fragwürdigen Ernährungsgewohnheiten der minderbemittelten Amerikaner ausgesetzt.

Trotz gleicher Gene ist die Zahl der diabetesbetroffenen Pima-Indianer in den Bergen Mexikos rund zehnmal (!) tiefer als im Grossraum Phoenix. Sie liegt prozentual nur wenig höher als bei uns. Die Umweltbedingungen bzw. der Lebensstil müssen also von herausragender Bedeutung sein für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes. Die Pima-Indianer –  und zahlreiche andere Eingeborenen-Völker –  zeigen uns exemplarisch vieles, was für das Verständnis der weltweiten Diabetes-Epidemie hilfreich ist:

  • Das genetische «Rüstzeug» spielt für das Auftreten eines Diabetes mellitus Typ 2 sicher eine wichtige Rolle. Der Umstand, dass Menschen mit dem gleichen genetischen Hintergrund unterschiedlich häufig an Diabetes erkranken, zeigt aber klar, dass die Lebensumstände ebenfalls von grosser Bedeutung sind.
  • Das Diabetesrisiko ist nicht gleichmässig über die Weltbevölkerung verteilt. Am häufigsten betroffen sind indigene Völker. Sie pflanzen sich oft untereinander fort und sind deshalb genetisch stabil. Da sie in kurzer Zeit aus Hungersnöten direkt in unsere Überfluss-Gesellschaft katapultiert worden sind, hat sich der ursprüngliche Überlebensvorteil, in Zeiten des Mangels ein guter «Futterverwerter» zu sein, ins Gegenteil verkehrt. Wer Hungersnöte besser überleben konnte, wird heute schneller übergewichtig, weil sein Stoffwechsel zum Selbstschutz effizienter Energie speichern kann. «Wir» Europäer hatten immerhin ein paar Generationen lang Zeit zu versuchen, uns auf die drastisch veränderten Lebensbedingungen einzustellen.
  • Nicht unerwartet sind auch Häufigkeit und Ausprägung der Insulinresistenz ungleich verteilt. Neben den Ureinwohnern sind hauptsächlich Menschen im fernen Osten, in Indien und Sri Lanka sowie in zahlreichen Nahost-Ländern davon betroffen. Viele von ihnen haben auch einen ungünstigeren Körperbau. Bei gleichem Body Mass Index (BMI) ist ihr Anteil an Körperfett höher als beispielsweise beim «Durchschnitts-Europäer».
  • Zu den Faktoren, die das Auftreten eines Diabetes trotz genetischer Belastung verhindern bzw. verzögern können, gehören eine regelmässige körperliche Aktivität, eine eher karge Ernährung mit vor allem naturbelassenen Produkten und das Vorbeugen von Übergewicht. Dies zeigen die in den mexikanischen Bergen lebenden Pima-Indiander eindrücklich.

Die Veranlagung für einen Typ-2-Diabetes ist nicht nur verschieden von Mensch zu Mensch, sondern – in einem grösseren Rahmen – von Volk zu Volk. Wer später mit der modernen Zivilisation in Kontakt gekommen ist, scheint ein höheres Risiko zu haben für einen Typ-2-Diabetes. Fast scheint es, dass das Überleben einer Hungersnot ein Risikofaktor ist, einen Diabetes zu bekommen. Erfreulich ist, dass ein gesunder Lebensstil vorbeugend sehr wirksam ist – und zwar rund um den Erdball.

Dr. med. K. Scheidegger