Moderne Verhütung bei Diabetikerinnen

Für an Diabetes mellitus erkrankte Frauen mit einem aktiven Sexualleben stellen sowohl die Verhütung als auch die Schwangerschaft aufgrund besonderer Gesundheitsrisiken eine Herausforderung dar.
Die Wahl der anzuwendenden Verhütungsmethode richtet sich dabei nach dem aktuellen Gesundheitsprofil der Patientin. Es ist wichtig, dass Diabetikerinnen dabei von einem kompetenten Arzt (Ärztin) beraten werden.
Die spätere Erfüllung eines allfälligen Kinderwunsches sollte auch nach Absprache mit der behandelnden Frauenärztin erfolgen, da das gesundheitliche Risiko einer Schwangerschaft sowohl für die zuckerkranke Mutter als auch für das werdende Kind durch gute Blutzuckereinstellung und regelmässige Überwachung deutlich verringert werden kann. Hier ist eine möglichst terminierte Planung der Schwangerschaft wünschenswert.

1. kombinierte Östrogen/Gestagen-Präparate Kombinierte Pille, Hormonpflaster, Vaginalring (Abb. 1)
2. Gestagen-Präparate Dreimonatsspritze, Gestagen-Implantate, Gestagen-Pille, Minipille (Abb. 2)
3.Spirale Kupferspirale, hormonabgebende Spirale (Abb. 3)

Verhütungsmethoden
Heutzutage stehen uns eine grosse Auswahl an Verhütungsmethoden und -mitteln zur Verfügung:
Der Monatszyklus der Frau wird vor allem durch zwei weibliche Hormone bestimmt: die Östrogene und die Gestagene (Gelbkörperhormone). Die Östrogene sind Hormone, die vor allem in den Eierstöcken, aber auch in der Gebärmutter, den Nebennieren und im Fettgewebe produziert werden und in der ersten Zyklushälfte für die Eizellreifung verantwortlich sind. Gestagene werden vor allem in der zweiten Zyklushälfte vom Gelbkörper gebildet und sorgen für die Vorbereitung der Gebärmutterschleimhaut auf eine allfällige Schwangerschaft. Der Gelbkörper entsteht im Eierstock nach dem Eisprung aus dem gesprungenen Follikel (der Zellschicht um die Eizelle herum).

Kombinierte hormonale Verhütungsmittel enthalten künstlich hergestellte Östrogene und Gelbkörperhormone. Deren Wirkung auf den Organismus ist erheblich grösser als der Effekt natürlicher Hormone. Deshalb ist es wichtig, Indikation, aber auch Risiken und Kontraindikationen jeder Verhütungsmethode für die einzelne Frau gut abzuklären (Tabelle 1). Andererseits haben fast alle Verhütungsmittel auch gewisse Vorteile, die mit in die Entscheidung einbezogen werden können. Sehr wichtig ist die Abschätzung der Verhütungssicherheit. Sie erfolgt mit dem Pearl-Index, welcher sich errechnet aus der Anzahl Schwangerschaften, die in 100 Frauenjahren auftreten (Beispiel: Pearl-Index 2 bedeutet, dass mit dieser Methode 2 von 100 Frauen, die diese Methode anwenden, in einem Jahr schwanger werden). Tabelle 2 (Seite 8)  gibt eine Übersicht über den Pearl-Index der wichtigsten Verhütungsmethoden.

Kombinierte Östrogen/Gestagen-Präparate
Vorteil der kombinierten Präparate sind ihre hohe Sicherheit sowie eine regelmässige Periode. Der Östrogenanteil in den kombinierten Östrogen/ Gestagen-Präparaten stellt ein erhöhtes Risiko für Thrombosen dar und ist somit für Patientinnen mit kardiovaskulärer Belastung und erhöhtem Thromboserisiko nicht geeignet. Das Risiko für Thrombose, Herzinfarkt oder Schlaganfall erhöht sich bei der Einnahme kombinierter Pillen und gleichzeitigem Bestehen von weiteren Risikofaktoren wie Rauchen, hohem Blutdruck oder höherem Alter um ein Mehrfaches.

Gestagen-Präparate
führen zu keiner Erhöhung von Thrombose- oder kardiovaskulärem Risiko, auch nicht bei Frauen mit den in Tabelle 1 erwähnten Risikofaktoren.
Besonders vorteilhaft sind niedrig dosierte, ovulationshemmende Gestagen-Pillen (z.B. Cerazette®), die trotz niedriger Hormondosis eine hohe Sicherheit aufweisen. Die Dreimonatsspritze ist etwas höher dosiert, kann jedoch zu einer leichten, klinisch nicht relevanten Verschlechterung der Glukosetoleranz führen.Nachteil einer alleinigen Gestagen-Gabe sind nicht medizinisch bedenkliche, aber für die Frau teilweise störende Unregelmässigkeiten oder das Ausbleiben der Menstruationsblutung.Die spätere Fruchtbarkeit der Frau wird dadurch nicht beeinträchtigt.

Spiralen
sollten bei Diabetikerinnen und besonders bei jungen Frauen, die noch nie geboren haben, aufgrund des erhöhten Risikos für Unterleibsentzündungen besser nicht angewandt werden.

Barrieremethoden
schützen vor Geschlechtserkrankungen und beinhalten keine Hormone. Ihre Sicherheit ist jedoch eher niedrig und stark abhängig von der korrekten Anwendung, so dass sie sich insbesondere für schlecht eingestellte Diabetikerinnen weniger eignen.

Wahl des geeigneten Kontrazeptivums (Verhütungsmittels)
Bei Frauen mit Diabetes mellitus muss aufgrund der spezifischen Gesundheitsrisiken die Wahl des richtigen Kontrazeptionsmittels besonders sorgfältig getroffen werden. Folgende Faktoren müssen dabei beachtet werden:

  • Alter über 30
  • Typ des Diabetes
  • Dauer und Komplikationen der Erkrankung
  • Nierenschäden
  • Bluthochdruck
  • Blutzucker-Einstellung
  • Body-Mass-Index
  • andere Risiken für Herz
  • und Gefässerkrankungen (Rauchen, Übergewicht)
  • Kinderwunsch

Im Falle eines baldigen Kinderwunsches sind bei guter Blutzuckereinstellung Barrieremethoden zu bevorzugen.Für Diabetikerinnen vom Typ 1 ist es möglich, kombinierte Präparate (Micropille) einzunehmen, wenn keine zusätzlichen Risikofaktoren für Herz- und Gefässerkrankungen vorliegen und bisher keine Gefässschäden bestehen. Bei Diabetikerinnen mit zusätzlichen Risikofaktoren kommt vorzugsweise ein Gestagen-Präparat zum Einsatz. Ein solches ist auch bei Patientinnen mit Diabetes Typ 2 vorzuziehen.Aufgrund der speziellen Gesundheitsrisiken ist die Wahl des richtigen Verhütungsmittels für Diabetikerinnen komplex und eine sorgfältige Planung einer Schwangerschaft wünschenswert. Ihr Arzt oder Ihre Ärztin hilft Ihnen sicher gerne, die für Sie geeignete Lösung zu finden.

Dr. med. Veronique Gassmann,
Dr. med. Gabriele Merki-Feld, Abt. für Familienplanung,
Klinik für Reproduktionsmedizin, Departement Frauenheilkunde;
Universitätsspital Zürich

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