Mit Diabetes mellitus im Spital – für alle Beteiligten eine Herausforderung

Ein Spitalaufenthalt eines Menschen mit Diabetes mellitus kann die Blutzuckereinstellung aus verschiedenen Gründen aus dem Lot bringen: Weniger körperliche Bewegung (Bettlägrigkeit), krankheits- oder operationsbedingter Stress, technische Untersuchungen, Nierenschwäche, Therapien mit Kortison, Appetitverlust, Nahrungskarenz (Nüchternphase) oder künstliche Ernährung erfordern im Spital eine laufende Anpassung der Diabetestherapie an einen unter Umständen täglich wechselnden Insulinbedarf.

Bei all dem ist es wichtig, zu hohe und zu tiefe Blutzuckerwerte zu vermeiden. Ständig hohe Blutzuckerwerte schwächen die Abwehrkräfte, was den Verlauf von Infektionen und die Wundheilung beeinträchtigt, die Blutgerinnungsneigung und die Komplikationsrate durch Thrombosen und Embolien erhöht. Umgekehrt können zu tiefe Blutzuckerwerte auch zu bedrohlichen Komplikationen, zum Beispiel des Herzens, führen.

In mehreren Untersuchungen konnte man nachweisen, dass eine gute Blutzuckerkontrolle im Spital die Komplikations- und Sterberate senkt. Ebenfalls erfolgt bei ordentlicher Blutzuckereinstellung die Erholung nach einer Krankheit oder einer Operation rascher. Dabei ist es aber auch wichtig, dass bereits vor Spitaleintritt der Blutzucker gut eingestellt war, das heisst nüchtern und vor den Hauptmahlzeiten zwischen 5 und 7 mmol/l und 2 Std. nach dem Essen nicht über 8 mmol/l. Je besser der Diabetes eingestellt war, umso weniger Komplikationen gibt es zum Beispiel während und nach einer Operation.

In den vergangenen Jahren wurden von mehreren Fachgesellschaften Empfehlungen bezüglich Blutzuckertherapie während eines Spitalaufenthaltes veröffentlicht: In den aktuellen Richtlinien der US-Amerikanischen Diabetesgesellschaft (ADA)  liegen dabei die Zielblutzuckerwerte zwischen 7,8 und 10 mmol/l. In einzelnen Fällen, wo die Blutzuckerwerte sicher stabil sind, wird eine  Untergrenze von 6,1 mmol/l angegeben. Es ist offensichtlich, dass diese Werte höher sind als die in der hausärztlichen oder diabetologischen Sprechstunde für den normalen Alltag formulierten Blutzuckerzielvorgaben. Der Grund liegt in den eingangs erwähnten krankheits-, operations- und spitalbedingten Blutzuckerschwankungen, bei denen man nicht nur einen zu hohen Zucker, sondern vor allem auch gefährliche Unterzuckerungen vermeiden will.

Häufig müssen bei Spitaleintritt, zum Beispiel im Hinblick auf eine Operation, auf eine Untersuchung oder aus anderen medizinischen Gründen, die oralen Antidiabetika (Blutzuckertabletten) vorübergehend abgesetzt werden, und es wird wenn nötig auf eine reine Insulintherapie gewechselt. Dabei kommen je nach Klinik unterschiedliche Vorgaben zur Wahl der Insulindosis und der Insulinpäraparate zur Anwendung. Alle haben jedoch nur das eine Ziel, nämlich eine optimale und risikoarme Blutzuckereinstellung. Wenn der Diabetes vor dem Spitalaufenthalt gut eingestellt war, kann nach dem Spitalaufenthalt problemlos wieder auf die gewohnte Therapie gewechselt werden.

Die vorübergehende Umstellung auf eine reine Insulintherapie mit vorgegebenen Blutzuckerzielwerten in einer sonst schon instabilen Diabetessituation kann eine echte Herausforderung bedeuten, nicht nur für die Ärzte und das Pflegepersonal, sondern auch für die betroffenen Patienten. Letztere sind zur aktiven Mitarbeit aufgerufen, und sei es nur schon, wenn es darum geht, ungeplante Zwischenmahlzeiten (zum Beispiel kohlenhydratlas­tige Zvieris in der Spitalcafeteria) zu unterlassen.

Was müssen Sie als Diabetikerin oder Diabetiker sonst noch beachten, wenn Sie ins Spital eintreten müssen? Bringen Sie Ihr Blutzuckertagebuch, die aktuelle Medikamentenverordnung sowie Ihren Diabetes-Gesundheits-Pass mit. Dies erleichtert die Beurteilung der aktuellen Blutzuckereinstellung sowie eines etwaigen zusätzlichen Risikos durch dia­betische Folgeerkrankungen oder Begleiterkrankungen. Packen Sie auch Ihr Blutzuckermessgerät mit Teststreifen, Stechhilfe, Pens und zur Sicherheit auch die von Ihnen benutzten Insuline ein. Besprechen Sie mit Ihrem betreuenden Spitalarzt, wann Sie Ihren Diabetes selbst führen und wann der Narkosearzt, Internist oder Diabetologe die Verantwortung übernehmen wird. Insulinpumpenträger/-innen müssen damit rechnen, dass das Spitalpersonal mit der Handhabung ihrer Pumpe nicht bis ins Detail vertraut ist, und allenfalls einen vorübergehenden Wechsel auf eine Insulintherapie mit Pens oder über eine Infusion akzeptieren, solange sie nicht selbst in der Lage sind, Ihren Diabetes zu führen. Helfen Sie zudem nach Möglichkeit mit, dass die Spitalärzte sich ein umfassendes Bild von Ihrem aktuellen Gesundheitszustand machen können, der über das akute Problem, das zum Spitaleintritt führte, hinausgeht (vgl. Checkliste). Sie können so zu einer optimalen und individuellen medizinischen Versorgung während des Spitalaufenthaltes beitragen.

Dr. med. Alexander Spillmann