I have a dream …

Wann haben Sie sich das letzte Mal gewünscht, dass ein Computer Ihr Diabetes-Management übernehmen und Sie vom BZ-Messen und Bolus-­Berechnen befreien würde?

Ich sitze im Eurocity auf dem Heimweg von Milano und lasse die eben vergangenen zwei Kongresstage Revue passieren. Was habe ich gelernt? Was nehme ich mit nach Hause? Es handelte sich um das «ATTD Meeting», «Advanced Technologies and Treatments for Diabetes», also neue Technologien in der Diabetestherapie. Mein Kopf ist voller Eindrücke, meine Stimmung euphorisch und skeptisch zugleich. War das nur ein grosser Marketing-Anlass für die Industrie (die Firmen, die Insulinpumpen und Glukosesensoren herstellen), um leere Versprechungen zu machen, oder ist es wirklich die nahe Zukunft, dass unsere Träume wahr werden und wir die künstliche Bauchspeicheldrüse (artificial pancreas, kurz AP) schon bald einsetzen können?

Das AP besteht nach heutigem Stand aus drei Komponenten, nämlich der Insulinpumpe, dem Glukosesensor und der Software, welche die beiden verbindet. Die beiden ersten Komponenten sind lange etabliert, an der dritten wird schon lange intensiv geforscht. Viele ATTD-Vorträge wurden von Ingenieuren und Wissenschaftlern gehalten, die in der AP-Forschung tätig sind. Ihre Studien erstrecken sich bereits über 10 Jahre, und auch schon mehrere Jahre mit klinischem Einsatz. 

Etliche Erwachsene und Jugendliche durften also schon im Rahmen von Studien das AP ausprobieren, vor allem in den USA, Israel und Deutschland. Die Erfahrungen scheinen fast ausschliesslich positiv, zumindest anhand der präsentierten Daten zu urteilen. Auch viele Sicherheitshürden wurden schon genommen oder zumindest getestet, so z. B. der Umgang mit Kontaktverlust zwischen Sensor und Pumpe, mit falscher Kalibrierung, oder dem Einfluss von Sport. Der grosse Blutzuckeranstieg nach dem Essen kann durch die heutigen Systeme nicht vollautomatisch gebremst werden, weshalb die sogenannte Hybrid-Technik eingeführt wurde, wo die geplante Kohlenhydrat-Einnahme manuell erfasst werden muss, und das AP danach nur noch die Feinanpassung macht. Die grössten Hürden liegen aber noch vor uns, nämlich die Zulassung durch die Behörden in den verschiedenen Ländern und die Finanzierung. Wenn wir mit anderen Ländern vergleichen, stehen wir diesbezüglich auf der Sonnenseite und können grosse Hoffnungen haben. Die Schweiz gehört nämlich heute zu den wenigen Ländern, in denen die Kosten für einen Glukosesensor in fast allen Fällen von der Krankenkasse übernommen werden. 

Zum Schluss eines Vortrages fragte eine Ärztin: «Kann ich nun nach Hause gehen und meinen Patienten versprechen, dass ich ihnen bis 2020 eine mindestens halb-automatische künstliche Bauchspeicheldrüse anbieten kann?» – «before that», also «sogar noch früher», war die Antwort. 

Wir sind gespannt …

Dr. med. Ursina Probst Scheidegger, 
Fachärztin für pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie
Kinderklinik, Kantonsspital Winterthur

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