HbA1c zur Diagnose des Diabetes mellitus

Die Diagnose der Zuckerkrankheit wird einfacher. Während bis anhin die Bestimmung des Blutzuckers am Morgen bei nüchternem Magen und evtl. ein Belastungstest mit Zuckerwasser nötig waren, soll neu zuerst der HbA1c-Wert bestimmt werden. Überschreitet dieser den Wert von 6,5%, gilt die Dia­gnose «Diabetes mellitus» als gesichert.

Hintergrund
Bereits im Jahr 2009 schlug eine internationale ­Gruppe von Diabetesexperten vor, anstelle vonBlut­zuckermessungen das HbA1c als Kriterium für die Diagnose der Zuckerkrankheit zu verwenden. Für diesen Wechsel wurden eine ganze Reihe von Vorteilen angeführt: Die Blutentnahme muss nicht mehr bei nüchternem Magen und morgens, sondern kann irgendwann im Laufe des Tages erfolgen. Zudem gewährt  der HbA1c-Wert auch einen besseren Überblick über den bisherigen Verlauf des Zuckerstoffwechsels und erlaubt eine mindestens gleich gute Prognose über das Auftreten von Diabetesspätfolgen, zum Beispiel am Auge (sogenannte «Retinopathie»), wie die direkte Blutzuckerbestimmung.
Die US-amerikanische und einige europäische Dia­betesgesellschaften, so auch die Schweizerische Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie, haben diesen Vorschlag zur Diagnose des Diabetes mellitus kürzlich in ihre Richtlinien aufgenommen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereitet ebenfalls eine neue Empfehlung zur Diagnose der Zuckerkrankheit vor, die allerdings noch nicht veröffentlich ist, aber den HbA1c-Wert als Diagnosekriterium ziemlich sicher einschliessen wird.

Zur Erinnerung: Was ist der HbA1c-Wert?
Der HbA1c-Wert gibt den Anteil des verzuckerten roten Blutfarbstoffes Hämoglobin am gesamten Hämoglobin an und wird in der Regel in Prozent angegeben. Die Höhe dieses HbA1c-Prozentwertes hängt vom mittleren Blutzuckerspiegel der vergangenen 8 –12 Wochen ab. Je höher der durchschnittliche Blutzucker in dieser Zeitspanne war, umso höher ist der HbA1c-Wert. Der HbA1c-Wert ist, da er einen mittleren Blutzuckerwert repräsentiert, bei der Entnahme unabhängig vom Blutzuckerwert zu diesem Zeitpunkt und damit auch nicht tageszeitabhängig.
Uns allen ist der HbA1c-Wert seit Langem ein Begriff: Er wird seit rund 30 Jahren bei Diabetikerinnen und Diabetikern zur Kontrolle der Blutzuckereinstellung verwendet. Ein HbA1c-Wert unter 7 % gilt als gut und zeigt, dass der Blutzucker in den vergangenen etwa 2 – 3 Monaten im Durchschnitt unter 8,5 mmol/l lag.
Allerdings kann der HbA1c-Wert auch aus Gründen, die nichts mit der Zuckerkrankheit zu tun haben, verändert zu hoch sein. Dazu gehören insbesondere spezielle Hämoglobinvarianten, Eisenmangel und verschiedene Formen von Blutarmut (Anämie) und die Schwangerschaft.

Aktuelle Empfehlungen zur Diagnose der Zuckerkrankheit
Das Vorliegen einer Zuckerkrankheit gilt aufgrund der neuen Empfehlungen als gesichert, wenn der HbA1c-Wert bei 6,5 % und darüber liegt. Umgekehrt ist eine Zuckerkrankheit ausgeschlossen, wenn der HbA1c-Wert kleiner als 5,7 % ist.
Alternativ kann zum Nachweis der Zuckerkrankheit nach wie vor auf die herkömmliche Blutzuckermessung beim Arzt zurückgegriffen werden. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn aus den bereits erwähnten anderen Gründen der HbA1c-Wert zu hoch ausfallen könnte. Hier gelten ein Blutzuckernüchternwert von grösser oder gleich 7,0 mmol/l oder ein Wert von grösser oder gleich 11,1 mmol/l im Zuckerbelastungstest oder bei Diabetessymptomen als Grenzwerte.
Wichtig ist, dass das erhaltene Resultat der HbA1c- oder Blutzuckermessung zur Bestätigung nach ­einigen Wochen nachkontrolliert wird, bevor die Diabetesdiagnose definitiv gestellt wird, sofern die Diagnose nicht eindeutig ist.

Der sogenannte «Prädiabetes»
HbA1c-Werte zwischen 5,7 % und 6,4 % sind zu wenig hoch, als dass man die Diagnose Zuckerkrankheit stellen, und zu wenig tief, als dass eine solche ausgeschlossen werden darf. Wenn nicht ergänzend nüchtern oder im Zuckerbelastungstest ermittelte Blutzuckerwerte klar für oder gegen die Diagnose Diabetes mellitus sprechen, handelt es sich in diesen Fällen um einen sogenannten «Prädiabetes». Menschen mit Prädiabetes haben ein grosses Risiko, in der kommenden Zeit einen eigentlichen Diabetes mellitus zu entwickeln und müssen konsequent zum Umsetzen von Ernährungsempfehlungen und zu viel und regelmässiger körperlicher Aktivität  angehalten werden.

Wer soll sich auf das Vorliegen der Zuckerkrankheit oder eines Prädiabetes untersuchen lassen?
Neben denjenigen Menschen, die typische Symp­tome einer Zuckerkrankheit (wie grosser Durst und grosse Urinmenge, unklarer Gewichtsverlust) haben, sollten sich periodisch auch Menschen auf eine Störung des Zuckers untersuchen lassen, welche ein erhöhtes Risiko dafür haben. Übergewicht, familiäre Belastung für Diabetes, hoher Blutdruck und Bewegungsmangel sind die typischen Risikofaktoren. Ein entsprechender Fragebogen, der zum Abschätzen des eigenen Diabetesrisikos sehr ge­eignet ist, kann bei der Schweizerischen Diabetesgesellschaft unter «www.diabetesgesellschaft.ch» als «Online-Risiko-Test» eingesehen werden.

Dr. med. Alexander Spillmann

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