Fruktose

Gehört: Ich habe gelesen, dass Fruktose (Fruchtzucker) ungesund sei. Sie begünstige das Entstehen von Übergewicht und Typ-2-Diabetes. Heisst das für mich, dass ich soweit möglich keine Früchte mehr essen soll?

Geantwortet: Nein, selbstverständlich nicht! Damit ist in allererster Linie der Fruchtzucker gemeint, der gebraucht wird als Süssmittel für Süssgetränke und gewisse Süssspeisen wie Backwaren und Konfitüre. Typischerweise wird dazu «corn ­syrup» verwendet, der gewonnen wird aus Mais. Dieser ist billiger als Saccharose («Haushaltzucker») und hat eine etwas höhere Süsskraft. Wir haben dieses Thema im «d-journal» 180/2006 («Süss durch Fruktose: Sinn oder Unsinn?») ausführlich besprochen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Süssgetränke und damit die darin enthaltene Fruktose sogar die unrühmliche «Rangliste» der Lebensmittel anführen, die verantwortlich sind für die Epidemie von Übergewicht, Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes in vielen Ländern der Welt (siehe auch «d-journal» 190/2008, «Adipositas – warum immer mehr Menschen dick werden»). Die Grösse der Hamburger hat im Verlaufe des letzten Jahrzehnts in den USA nicht noch weiter zugenommen, die Menge der konsumierten Süssgetränke indes schon. Wenn man bedenkt, dass in einem Liter eines solchen Getränks gut und gern 100 Gramm Zucker(-arten) verborgen sein können, wird auch klar, dass wir von ganz anderen Mengen von Fruchtzucker sprechen, als wir uns mit dem Essen von Früchten zuführen (können).
Auch könnte es sein, dass der «natürliche» Fruchtzucker sich im Stoffwechsel besser verarbeiten lässt als die «künstliche» Fruktose in den Süssgetränken. Wir haben ja schon in anderem Zusammenhang gesehen, z. B. bei den Vitaminen A, D und E («d-journal» 203/2010, «Vitamine – unsere Lebensspender?»), dass sich Nahrungsbestandteile verschieden verhalten können, je nachdem wie sie dem Körper zugeführt werden.
Neue aufwändige Studien, bei denen der Einfluss der Einnahme von Glukose (Traubenzucker, früher auch Dextrose oder Stärkezucker genannt) und Fruktose (Fruchtzucker) auf das Gehirn mittels Magnetresonanz-Bildgebung untersucht wurde, haben mögliche Gründe aufgezeigt, weshalb grössere Mengen von Fruchtzucker sich ungünstig auf die Gesundheit auswirken könnten. Nach Gabe von Glukose nahm die Durchblutung im sogenannten Hypothalamus – und auch in anderen Hirnregionen – signifikant ab, nach Einnahme von Fruktose aber geringgradig zu. Da unter anderem vom Hypothalamus aus Hunger- und Sättigungsgefühl gesteuert werden, kann man sich gut vorstellen, dass mit Fruktose gesüsste Getränke trotz ihres bedeutenden Kaloriengehalts den Appetit noch verstärken können. Das uns in der Behandlung des Typ-2-Diabetes gut bekannte GLP-1 (siehe z. B. «d-journal» 204/2010, «Inkretine – ein Update») – ein eigentliches «Sättigungshormon» – wird nach Fruchtzucker in kleinerer Menge produziert als nach Traubenzucker. In dieser Studie verhielten sich aber nicht nur diese messbaren Parameter verschieden; auch die Probanden selbst berichteten nach Einnahme von Fruktose über ein anderes Hunger- und Sättigungsgefühl als nach Glukose.
Ein paar sehr gut Geschulte von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser des «d-journals», werden nun einwenden, dass Fruchtzucker den Blutzucker und den Insulinspiegel weniger stark ansteigen lasse als Traubenzucker und dass sein glykämischer Index güns­tiger sei. Deshalb sei Fruchtzucker doch gut für von Diabetes Betroffene. Das ist an sich richtig. Es zeigt sich aber einmal mehr, dass wie für sehr vieles Andere im Leben das richtige Mass entscheidend ist! Nach dem heutigen Stand des Wissens empfehlen Ernährungsfachleute, den Fruchtzucker auf maximal 50 Gramm pro Tag zu beschränken. Selbstverständlich sollten dabei gesunde rohe Früchte klar bevorzugt werden gegenüber dem Süssmittel Fruktose in Süssspeisen und Süssgetränken. Sie dürfen und sollen also weiterhin massvoll Früchte essen!
Dr. med. K. Scheidegger