Die gescheite Kontaktlinse für Diabetiker

«Und weil er im rechten Augenwinkel mehrmals ein Blinken wahrnahm, wusste er, dass eine Hypoglykämie im Anzug war. Peter trank deshalb schnell 2 Deziliter Fruchtsaft. Dann spielte er mit seinen Freunden wieder Fussball. Die Kontaktlinse, die kontinuierlich seinen Blutzucker oder, korrekter ausgedrückt, den Zucker in seiner Tränenflüssigkeit misst, hatte ihn vor einer drohenden Unterzuckerung gewarnt.»

Seit der grossen Medienkampagne von Google zur Vorstellung des Forschungsprojekts «smart contact lens project» hoffen begreiflicherweise viele Diabetesbetroffene, dass diese Episode schon bald nicht mehr Inhalt eines Science-Fiction-Romans ist, sondern den Alltag eines Diabetikers beschreibt. Und die angekündigte Zusammenarbeit des Internet-Suchmaschinen-Giganten mit dem Pharmakonzern Novartis hat die Hoffnungen noch zusätzlich verstärkt. Was ist zu halten von diesem aktuellen Medienhype?

Zweifellos ist es sehr erfreulich, dass zwei Grosskonzerne sich an ein solch ehrgeiziges Projekt machen. Sie haben im Gegensatz zu jungen Start-up-Unternehmen, die sich an ähnlich interessante Vorhaben wagen, viel Geld. Gute Ideen sind in der Regel keine Mangelware. Sie professionell weiter zu verfolgen, kostet indes oft «unbezahlbar» viel. Google und Novartis werden es sich leisten können, aus dem Vollen zu schöpfen.

Dass die moderne (Miniatur-)Technologie bereit ist für eine «smart lens», hat Google mit einem Prototypen bereits gezeigt. Die Forscher konstruierten eine weiche, zweischichtige Kontaktlinse und haben dazwischen einen Minisensor und einen Funkchip eingebaut.

Aber: Glukosemessung in der Tränenflüssigkeit? Funktioniert das zuverlässig? Kann man allfällige Störfaktoren ausschalten? Ist die zeitliche Verzögerung gegenüber dem Blutzucker korrigierbar? Reagieren tatsächlich alle Menschen gleich?
Viele Fragen sind noch völlig offen. Dass dem so ist, hat wohl nicht zuletzt damit zu tun, dass es sehr schwierig ist, exakte, konstante Messungen der Tränenflüssigkeit zu machen, die dann auch tatsächliches Abbild des aktuellen Blutzuckers sind. Google ist ja nicht die erste Gruppe, die ein solches Projekt in Angriff nimmt

Versuchen wir einmal uns vorzustellen, dass brillante, gut bezahlte – denn Geld ist ja vorhanden! – Forscher Schritt für Schritt alle mit der gescheiten Kontaktlinse für Diabetiker in Zusammenhang stehenden Probleme lösen können. Selbst dann wird es vom aktuellen Prototypen bis zur Marktreife der Linse im besten Fall noch mehrere Jahre dauern. Fürs Erste wollen wir uns einfach einmal freuen, dass Google das «smart contact lens project» gestartet hat. Dies gibt uns Gewissheit, dass mit grossen Resourcen und mit Nachdruck Forschung betrieben wird, die den Alltag von Diabetesbetroffenen einmal wesentlich erleichtern könnte.

Dr. med. K. Scheidegger