Diabetische Neuropathie

Wie die diabetische Neuropathie entsteht, welche Symptome sie verursachen kann und wie man sie am besten behandelt.

Ursachen und erste Symptome einer Neuropathie
Eine häufige Komplikation des Diabetes Typ 1 und 2 ist die Schädigung peripherer Nerven. Ursächlich dafür ist einerseits der direkte negative Einfluss des erhöhten Blutzuckers auf die Nervenfasern selbst. Andererseits kann der erhöhte Blutzucker auch zu einer Schädigung der die Nervenfasern mit Nährstoffen versorgenden Blutgefässe führen. Da die längsten Nervenfasern am empfindlichsten auf ­diese Einflüsse reagieren, treten Symptome in der Regel zunächst im Bereich der Füsse auf. Die Zellkerne und damit die Versorgungszentren der Nerven liegen im beziehungsweise in der Nähe des Wirbelkanals am Rücken, und so können die Fasern zu den Füssen je nach Grösse der Person über einen Meter lang sein. Da es verschiedene Nervenfasertypen mit ganz unterschiedlichen Funktionen gibt, sind auch die resultierenden Symptome vielfältig. Zu Beginn der Erkrankung können unter Umständen nur die Fasern zu den Schweissdrüsen geschädigt sein und es entwickeln sich trockene Füsse.

Mögliche Folgen
Viel gefährlicher ist es, wenn die Sensibilität an den Füssen abnimmt. Betroffene spüren Berührungen, z.B. Druckreize, aber auch Schmerzen nicht mehr. Schlecht sitzende Schuhe, Fremdkörper in den Schuhen, z.B. kleine Steinchen, aber auch Verletzungen durch unsachgemässe Nagelpflege können so verheerende Folgen haben, zumal bei Diabetikern auch Wunden häufig schlechter heilen als bei Gesunden. Man weiss heute, dass die Entwicklung eines sogenannten diabetischen Fusses mit kaum mehr heilenden Geschwüren oder Wunden und im Extremfall sogar nötiger Amputation von einzelnen Zehen oder gar des ganzen Fusses massgeblich durch das Vorhandensein einer diabetischen Neuropathie beeinflusst wird.

Wer riskiert, eine diabetische Neuropathie zu entwickeln?
Das Risiko, als Diabetiker an einer solchen zu erkranken, ist leider relativ hoch. So haben verschiedene Studien gezeigt, dass bereits 10 bis 20 % der Typ-2-Diabetiker zu dem Zeitpunkt, an dem ihre Erkrankung erkannt wurde, eine Schädigung ihrer peripheren Nerven hatten. Und gelegentlich ist es sogar so, dass erst die Symptome der Neuropathie zur Feststellung des Diabetes führen. Besteht der Diabetes schon 25 Jahre oder länger, muss man davon ausgehen, dass bereits mindestens 50 % der Betroffenen eine Neuropathie haben. Das Risiko, an einer solchen zu erkranken, steigt, je schlechter der Blutzucker kontrolliert ist. Es gibt aber auch andere Risikofaktoren, die bei Diabetikern zur Entwicklung einer Neuropathie beitragen. Dazu gehören Störungen des Fettstoffwechsels, eine schlecht eingestellte Hypertonie, Rauchen und Übergewicht. Also an sich die gleichen Risikofaktoren, die auch das Auftreten einer Arterienverkalkung begünstigen.

Mögliche Schädigungen im fortgeschrittenen Stadium
In der Regel führt die diabetische Neuropathie zu sensiblen oder in fortgeschrittenem Stadium auch zu motorischen Ausfällen, d.h. Lähmungen zunächst der Fussmuskeln (auch hier gilt die Regel, dass die längsten Nervenfasern zuerst betroffen sind). Letztere können zu Fehlstellungen der Zehen, z.B. im Sinne einer Krallenstellung, führen, die das Verletzungsrisiko beziehungsweise das Auftreten von Geschwüren weiter erhöhen. Es gibt aber auch Diabetiker, die im Rahmen der Neuropathie in erster Linie Schmerzen und Missempfindungen an den Füssen entwickeln. Ursächlich hierfür ist eine Übererregbarkeit der geschädigten Nervenfasern, im Gegensatz zum vollständigen Funktionsverlust der sensiblen Nerven, der dazu führt, dass Schmerzreize oder Berührungen nicht mehr wahrgenommen werden können. Schmerzen, die im Rahmen einer Neuropathie auftreten, haben ihre eigene Charakteristik. Sie werden von den Betroffenen als brennend, einschiessend oder elektrisierend beschrieben. Auch kribbelnde Missempfindungen können extrem unangenehm sein, und es kommt hinzu, dass sich die Symptome nachts oft verstärken und den Betroffenen den Schlaf rauben. Glücklicherweise klingen die Schmerzen häufig spontan ab, vor allem, wenn sich der Blutzucker stabilisieren lässt. Wenn einzelne Nervenfasern allerdings bereits zerstört und ein Sensibilitätsverlust oder gar Lähmungen entstanden sind, bilden sich diese Symptome auch bei optimaler Blutzuckereinstellung in der Regel nicht mehr zurück. Eine gute Blutzuckereinstellung verhindert aber, dass eine bereits vorhandene diabetische Neuropathie weiter fortschreitet.

Behandlungsmöglichkeiten
Der Einsatz von Medikamenten gegen Symptome der Neuropathie ist nur hilfreich, wenn Schmerzen oder Missempfindungen, also Zeichen der Nervenübererregbarkeit, aufgetreten sind. In dieser Situation nützen allerdings gewöhnliche Analgetika wie Paracetamol oder Ibuprofen nicht viel. Um die Übererregbarkeit zu bremsen, müssen sogenannte «Membranstabilisierer» oder in besonders schweren Fällen eventuell sogar Opiate eingesetzt werden. Zu den membranstabilisierenden Medikamenten gehören verschiedene Antidepressiva und Antiepileptika. Leider führt der Einsatz dieser Medikamente aber kaum je zu vollständiger Schmerzfreiheit, sondern meis­tens nur zu einer Verringerung derselben.  Aber bereits das kann für stark schmerzgeplagte Betroffene schon eine grosse Hilfe sein, vor allem wenn sie nachts einmal wieder schlafen können. Ein in dieser Situation wirksames und schon seit Jahrzehnten eingesetztes Antidepressivum ist das Amitryptilin. Es hilft oft schon nach den ersten Einnahmen, wird aber leider nicht von allen Menschen gut vertragen. Nicht besser wirksam, aber meist besser verträglich sind die Medikamente aus der Gruppe der Antiepileptika. Aber auch diese haben Nachteile. Man muss sie langsam eindosieren und regelmässig einnehmen, ihre volle Wirkung entfalten sie auch dann oft erst nach einigen Wochen. Wenn Betroffene diese Medikamente nicht gut vertragen oder deren Wirkung nicht ausreicht, bleibt noch die Möglichkeit einer alleinigen oder zusätzlichen lokalen Anwendung von Capsaicin Salbe. Diese Salbe enthält Bestandteile aus Pfefferschoten und führt bei der ersten Anwendung zu einer überschiessenden Hautreaktion mit heftigem Brennen. Bei den folgenden Anwendungen sollte es dann aber zu einer Reduktion der spontanen Brennschmerzen kommen.

Vorbeugen ist möglich
Am besten ist es natürlich, wenn man das Auftreten einer diabetischen Neuropathie von vorne herein verhindern kann. Diesbezüglich ist eine optimale Blutzuckereinstellung sicher die beste Prophylaxe. Zusätzlich sollten vor allem Typ-2-Diabetiker regelmässig die Sensibilität ihrer  Füsse überprüfen lassen und eine gute Fusspflege betreiben.

Dr. med. Sabine Horstmann,
Neurologie FMH, Herisau

Diabetische Neuropathie

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